Analyse: Alles nur schöner Schein?

Hinter offiziellen Konjunkturzahlen findet man Stagnation und Wohlstandsverlust. Gehalten wird die Wachstumsfassade mittels kreativer Inflationsberechnung.

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(c) EPA (OLIVER BERG)

Eine Analyse von UBS London, die den Österreichern seit dem Jahr 2000 Reallohnverluste zwischen zehn und 35 Prozent bescheinigt ("Die Presse" berichtete), sorgt im Land für beträchtliche Aufregung. Deren Daten stehen nämlich in diametralem Gegensatz zu jenen der OECD, derzufolge die realen Haushaltseinkommen in diesem Zeitraum nur zwei Mal (2009 und 2010) leicht geschrumpft, sonst aber regelmäßig um zwei bis drei Prozent gestiegen sind. Demnach müssten die Haushalte also real und netto deutlich mehr Geld zur Verfügung haben als zur Zeit der Euro-Einführung. Der Unterschied zwischen 35 Prozent Einkommensverlust und ein paar Prozent Zuwachs ist so enorm, dass die Vermutung naheliegt: Einer der beiden flunkert.

Wie seriös sind die Quellen?

Bei der Seriosität der Quellen ist die Lage auf den ersten Blick klar: Die OECD aggregiert die Daten der nationalen Statistikämter, liefert also sozusagen offizielle Werte. Die UBS ist so seriös, wie eine im internationalen Geschäft stehende Großbank eben sein kann: Sie war (wie viele andere Großbanken auch) bei allen aufgeflogenen Großsauereien der Finanzwelt – von der Manipulation des Libor-Zinssatzes bis zur „Beihilfe zur Steuerhinterziehung“, weswegen sie von den US-Behörden gepiesackt wird – vorne mit dabei und verfolgt natürlich auch mit ihren Analysen Eigeninteressen. Da steht es wohl eins zu null für die OECD.

Aber so einfach ist die Sache nicht. Denn die Lebenserfahrung der meisten Bürger spricht gegen die offiziellen Jubelstatistiken. Es gibt eine Art „gefühlten“ Einkommensverlust. Und der hat durchaus handfeste Hintergründe: Das reale Nettoeinkommen ist das, was den Leuten nach Abzug von Steuern, Abgaben und Inflation an Kaufkraft in der Tasche bleibt. Steigende Steuern und Abgaben (namentlich die „kalte Progression“) sind auch in den OECD-Daten berücksichtigt. Der entscheidende Unterschied liegt im Wert, den man für die Inflation annimmt.

Da hat der Autor der UBS-Studie offenbar deutlich zu tief in die Kiste gegriffen. Denn dass alle, auch die obersten Einkommenssegemente, in den letzten zehn Jahren real verloren hätten – das ist, wenn man sich alle Daten ansieht, einfach nicht möglich. In diesem Punkt liegt freilich auch die OECD daneben, denn sie verwendet die niedrigen offiziellen Inflationsdaten. Und die haben mit der Realität auch nicht mehr viel zu tun. Das liegt daran, dass Staaten aus verschiedenen Gründen an niedrigen offiziellen Teuerungsraten interessiert sind – und deshalb gern zu Berechnungsmethoden greifen, die ein freundlicheres Bild ergeben. Das fängt bei der manipulativen Zusammensetzung des Warenkorbs, auf dessen Basis die Teuerungsrate ermittelt wird, an und hört bei der „hedonischen“ Preisermittlung auf.

Bei Letzterer werden Qualitätsverbesserungen fiktiv vom ermittelten Preis abgezogen. Beispiel: Ein PC kostet im Jahr eins 500 Euro, im Jahr darauf 550. Gleichzeitig steigt aber die Taktung seiner Zentraleinheit von zwei auf drei Gigahertz. Der PC ist also theoretisch um 33 Prozent leistungsfähiger. Der Käufer registriert jetzt eine (tatsächliche) Preiserhöhung um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr, in die Inflationsrate geht aber (wegen der Leistungsverbesserung) eine beträchtliche Verbilligung ein.

Auf Basis einer solcherart niedrig gehaltenen Inflationsrate lassen sich natürlich leicht reale Einkommenserhöhungen errechnen. Blöd nur, dass das mit der gelebten Wirklichkeit wenig zu tun hat. Die wird in den meisten Haushalten schon eher vom sogenannten „Miniwarenkorb“ abgebildet, den die Statistik Austria auf Basis eines typischen Wocheneinkaufs (Nahrungsmittel, Dinge des täglichen Bedarfs, Kosten für Restaurant, Kino, Treibstoff etc.) ermittelt. Und siehe da: Der ist seit 2005 um 25 Prozent und damit fast doppelt so stark gestiegen wie der Verbraucherpreisindex. Zieht man diesen Wert von den nominellen Einkommenssteigerungen ab, dann lösen sich die offiziellen realen Einkommenszuwächse ganz schnell in Luft auf. Allerdings bleiben die Verluste noch weit von den UBS-Horrorzahlen weg.

Wachstum nur in der Statistik

Wenn die Inflationsermittlung nicht mit der Realität übereinstimmt, dann muss man freilich auch die offiziellen Zahlen für das reale Wirtschaftswachstum hinterfragen. Bei denen wird von den Nominalwerten allerdings nicht der Verbraucherpreisindex abgezogen, sondern ein auf breiterer Basis ermittelter „BIP-Deflator“, der in den vergangenen Jahren manchmal recht deutlich noch unter der Inflationsrate lag. 2011 etwa lag die Inflation bei 3,3 Prozent, der in die BIP-Berechnung einfließende Deflator aber nur bei 2,2.

Und das nährt einen schlimmen Verdacht (der unterdessen bereits von einigen Ökonomen geteilt wird): Das in den offiziellen Statistiken ausgewiesene Realwachstum ist zum guten Teil statistischer Schein. Die Realität sähe dann so aus, dass Europa (und die USA) seit Längerem kein reales Wirtschaftswachstum mehr erzielt und die Realeinkommen konsequenterweise sinken. Das ganze Umfeld, vom Arbeitsmarkt bis zum finanziellen Zustand der Staatsbudgets, deutet im Übrigen darauf hin, dass dieser Befund der Realität deutlich näher kommt als die offiziellen Statistiken.


E-Mails: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2012)

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