Öffnungszeiten: "Der Streit hat mich fünf Jahre gekostet"

23.12.2012 | 17:38 |  JEANNINE HIERLÄNDER UND CHRISTIAN HÖLLER (Die Presse)

Es war ein Kampf wie David gegen Goliath. Eine kleine Wiener Apotheke probte den Aufstand gegen die Kammer und die Behörden. Nach jahrelangem Ringen gibt es nun eine Einigung.

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Wien. Ab ersten März 2013 dürfen in Wien Apotheken auch am Samstagnachmittag offen halten. Den Stein ins Rollen brachte eine kleine Apotheke. Diese verkaufte gegen den Willen der Kammer auch am Samstagnachmittag Medikamente. Neben einem Disziplinarverfahren wurde der Apotheke im Vorjahr von der Stadt Wien die Konzession entzogen. Doch nun versöhnte sich die rebellische Apotheke mit der Kammer.

 

Die Presse: Frau Derflinger, Sie sperren seit vielen Jahren am Samstagnachmittag auf, früher unerlaubt. Ab März dürfen Sie das nun offiziell. Sind Sie der Apothekerkammer dankbar?

Sigrid Derflinger: Das Verhalten der Apothekerkammer in diesem Fall war eigenartig. Wir hatten nicht nur keine Unterstützung von unserer Standesvertretung, es wurde sogar zugeschaut, wie man uns mit der Konzessionsentziehung unsere Existenz weggenommen hat. Sie können sich vorstellen, dabei schläft man nicht gut. Mir geht ein Signal ab von der Kammer, hoppla, wir waren da falsch.

Herr Hafner, Sie hätten jetzt die Gelegenheit, im Namen der Apothekerkammer so ein Signal abzugeben.

Viktor Hafner: Ich denke, dass wir im vergangenen halben Jahr sehr positive Gespräche geführt haben mit dem Ziel, dass wir jetzt eine rechtskonforme Lösung gefunden haben. Über die Vergangenheit kann ich nicht urteilen. Ich würde gern in die Zukunft schauen. Ich glaube nicht, dass das Verhalten der Apothekerkammer falsch war. In das Verfahren hat sich die Kammer nicht eingemischt, sondern sich neutral verhalten.
Derflinger: Eben, sie hätte sich einmischen können. Was ich mir wünschen würde für die Zukunft, ist, dass wir nicht alleingelassen werden, sollten wir jemals wieder in so eine Situation kommen.

Hafner: Die Apothekerkammer steht hinter ihren Mitgliedern, aber hinter der Gesamtheit der Mitglieder. Die Kammer ist interessiert an Eigeninitiativen von Apothekern. Sie dürfen aber nicht zulasten der anderen gehen.

 

Hätte sich Frau Derflinger nicht vor Gericht durchgesetzt, hätten wir jetzt noch immer keine Lösung.

Hafner: Das möchte ich so nicht sagen. Es ist auf jeden Fall wichtig, die Dinge anzudiskutieren. Wann das gekommen wäre, kann ich nicht beurteilen. Ich hätte die Lösung lieber viel früher gehabt.

 

Warum hat die Wiener Kammer auf stur geschaltet? In vielen Bundesländern gibt es längst eine Einigung.

Hafner: Ich glaube nicht, dass es sonst nicht gekommen wäre. Die Diskussion wäre entstanden, und es wäre irgendwann zu einer Lösung gekommen.

Derflinger: Vor elf Jahren haben wir noch zu Mittag zugesperrt. Da haben die Leute mit den Fäusten gegen die Tür gehämmert und uns auf das Wüsteste beschimpft. Nichtstuer, die sind eh reich, brauchen nix hackeln. Dann haben wir einfach offen gelassen, zur großen Zufriedenheit der Kunden. In Wien gibt es ein paar Apotheker, die nicht nur selbst nicht aufsperren wollen, sondern auch nicht wollen, dass andere aufsperren. Es wäre gut gewesen, wenn man mit denen einmal redet. Ich hätte das auch nie machen können, wenn die Mitarbeiter nicht freiwillig gearbeitet hätten. Die haben sich gerissen um die Dienste. Der Samstag ist für viele Mamis eine super Geschichte, weil sie dann unter der Woche für die Kinder da sein können.

Hafner: Aber wir müssen bedenken, dass in Österreich ein System von Apotheken eine Versorgung rund um die Uhr garantiert, das finanzieren wir selbst. In London gibt es nur eine Apotheke, die rund um die Uhr offen hat, in Wien 35. Um das erhalten zu können, brauchen wir Regeln, Beschränkungen und auch Verpflichtungen.

 

Aber warum ist die Kammer gegen ihre eigenen Mitglieder vorgegangen?

Hafner: Wir sind nie gegen dieses Mitglied vorgegangen. Es gibt geregelte Öffnungszeiten. Sobald ein Mitglied etwas tut, was neu ist, muss man beurteilen, ob das für die anderen Mitglieder einen Schaden verursacht.

Sind Sie mit der jetzigen Lösung zufrieden?

Derflinger: Ja ja, absolut.

Hafner: Na bitte, dann haben wir das Ziel erreicht.

Derflinger: Wenn ich Sie das trotzdem fragen darf: Ist es so, dass die Hilfe, die ich mir von der Standesvertretung erwarten kann, nur die des Heraushaltens ist, oder kann ich mir schon erwarten, dass sie dann hilft, wenn es eng wird?
Hafner: Natürlich, wenn rechtskonform gearbeitet wird, sind wir dazu da, die Interessen der Mitglieder zu vertreten.

 

Die Lösung kam erst zustande, als der Unabhängige Verwaltungssenat die Entscheidung der Stadt Wien über den Konzessionsentzug aufgehoben hat.

Derflinger: Genau deswegen haben wir uns so alleingelassen gefühlt. Wir haben eine Anfrage an die Kammer gestellt, weil die Konzessionsentziehung wegen der Frage der Verlässlichkeit entschieden wurde. Und wir haben angefragt, ob die Kammer zur Verlässlichkeit Stellung beziehen kann. Und es kam nur zurück, dass sie sich nicht einmischen will. Das ist ein bisschen wenig. Ein guter Kommentar zur Verlässlichkeit wäre ein schönes Zeichen gewesen.

 

In Österreich gibt es die Pflichtmitgliedschaft. Die Kammer kann zwar sagen, wir vertreten ein Mitglied nicht, aber ein Mitglied kann nicht aus der Kammer ausscheiden.

Hafner: Die Apothekerkammer ist ja nicht einzig da, um eine Rechtsvertretung zu übernehmen, sondern hat eigentlich ganz andere Aufgaben. Deswegen wird nicht die ganze Leistung nicht gegeben, nur weil es einen Rechtsstreit gibt. Jetzt haben wir ja eine Lösung gefunden.

Derflinger: Aber der Streit hat mich ungefähr fünf Jahre meines Lebens gekostet. Natürlich ist es jetzt vorbei. Ich finde es sehr schön, dass Sie ein bissl anders agieren wollen, und es würde mich freuen, wenn wir uns dazu die Hand geben könnten.

Hafner: Sehr gern.

 

Herr Hafner, Sie sind seit einem halben Jahr im Präsidium der Wiener Apothekerkammer. Werden Sie in Zukunft Dinge anders machen?

Hafner: Ich kann nicht über die Vergangenheit urteilen. Ich hätte viel lieber früher eine Lösung gefunden. Wie ich gehandelt hätte, kann ich nicht sagen. Ich möchte aber lösungsorientiert arbeiten.

Wäre es eine Lösung, wenn Sie sich in Streitfällen künftig früher zu einem runden Tisch zusammensetzten?

Hafner: Selbstverständlich werden wir alles daransetzen, dass wir – wenn Probleme auftauchen – eine Lösung finden.

Derflinger: Ich möchte dem Herrn Hafner mein volles Vertrauen aussprechen. Ich hoffe, dass es uns nicht so schnell wieder erwischt. Und ich möchte, dass es ist wie in einer Familie. Dass der Vater, auch wenn das Kind in der Schule nicht ganz brav war, dem Kind letztendlich trotzdem beisteht. So etwas, wie mir widerfahren ist, soll es unter Ihrer Führung nicht geben.

Hafner: Ich werde mich bemühen, dass so etwas nicht passiert. Unser oberstes Ziel ist, dass die Mitglieder einen Nutzen von der Mitgliedschaft haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2012)

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48 Kommentare
 
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Effektiv Österreich braucht den Frank Stronach

Was Österreich braucht ist wirklich eine Gedanken Revolution. Neues realistische und Zeitgemäßen Denken.

Ich könnte mir gar nicht vorstellen, das ich tausende von Euros für meinen neue Apotheke ausgebe und da kommt so ein Bürokrat und sagt mir ich darf diese nicht offen haben wann ich es für nötig halte.

Was eine gesunde freie Wirtschaft und ohne kommunalen Gedankengang braucht sind Geschäftsideen, Konkurrenz und keine Bevormundung sei es eine Staatliche oder irgend eine Handelskammer.

Ich als Österreicher darf in Brasilien meine Stimme bei den nächsten Wahlen abgeben. Habe mein Wahlrecht noch nie verwendet, doch bei der nächsten Wahl werde ich die Partei vom Frank Strohnach wählen. Und bei meinem nächsten Wienerurlaub möchte ich gerne einen Vortrag vom Ihm mir anhören.

Öffnungszeiten: "Der Streit hat mich fünf Jahre gekostet"

man muß die Systeme kennen um zu wissen wie sie funktionieren.
Ein System ändert sich grundsätzlich immer in das Gegenteil dessen wofür es einmal installiert worden ist. Es richtet sich immer gegen den Menschen im System. Es ist ein Naturgesetz !!!!
Desto näher das Ende eines Systems kommt, desto rigoroser reagiert es, da es um nichts anderes geht als um Machterhalt.
Eine notwendige Anpassung eines Systems an vorhandene zeitlich bedingte Gegebenheiten wird es kaum geben. Diese Anpassung ist immer mit einem Machtverlust verbunden, das kann ein System nicht dulden. Diese Disziplinierungsmaßnahmen die ein System versucht richten sich schließlich gegen das System selbst und auf lange Sicht zerstört es sich selbst.
Das ist ein ganz normaler Vorgang der bei allen Systemen zu beobachten ist.
Vergleichsweise mit einem sterbenden Menschen dessen Körper sich wehrt mit drei schnellen tiefen Atemzügen bevor er geht. Genauso ist das mit einem System. Bevor es geht, wehrt es sich nochmals mit allen Mitteln.
Es hat aber keine Chance.

Re: Öffnungszeiten: "Der Streit hat mich fünf Jahre gekostet"

Hoffentlich zerstört es (das System) sich bald selbst !
Schon im Altertum hieß es:"Der Krieg ist der Vater aller Dinge" .
Mir scheint, die Apothekerkammer benötigt ein Reset, um Altlasten abbauen zu können...

1 0

Es wird immer geschimpft

über die Krankenkassen. Wenn du deine Beiträge nicht bezahlst wirst du gepfändet.
Die Allerersten mit einem Pfändungsantrag ist aber die Wirtschaftskammer.

5 0

Unglaublich

Also, die Wortmeldungen dieses Überkämmerers bringen mein Frühstück dazu, sich wieder die Speiseröhre hochzuhanteln. Unfassbar, was man einem Zwangsmitglied wie Frau Derflinger zumutet. Außer Kosten hat sie von ihrer Kammermitgliedschaft gar nichts.

Re: Unglaublich

Sie hätte was davon, wenn sie zu den Günstlingen der Kammer gehören würde. Funktionäre versuchen uns eben zu regieren.

Die Apothekenöffnungszeiten, ein typisches Beispiel

für einen Funktionärs- und Ständestaat. Mit liberaler Wirtschaft hat das fast nix zu tun.

6 0

zwangsmitgliedschaft Wirtschaftskammer

dann muss sich auch noch den Leitl sei falsches Grfies anschauen.


Re: zwangsmitgliedschaft Wirtschaftskammer

Das Volk der DDR hat sich von der Mißwirtschaft mit Honecker & Co gelöst.
So weit ist Österreich noch lange nicht!

Nur wer Veränderung wählt kann auch Veränderungen erwarten.

14 0

Phänomenale Worthülsen

Die Apparatschicks sind doch überall gleich, unumgehbar und für nichts verantwortlich

Feiglinge

Die Apothekerkammer lag falsch.
Wenn sie das nicht zugibt, ist sie einfach feig und überflüssig.
Standesvertretung?
Nein, Relikt aus diktatorischen Zeiten.

verfassungsrang

die rot schwarze koalition hat einige kammern in den verfassungsrang erhoben, die werden wir nie mehr los

10 1

existenzberechtigung

wenn ich die blogs so als övpler oder kammerfunktionär lesen würde hätte ich angst morgen noch in den spiegel zu schauen.also weg mit dieser kammerpartei 2013

13 0

Jagt die Kammer-Mafia und die Polit-Kamarilla endlich davon!

Keiner braucht sie, die brauchen nur ihresgleichen......

Wer braucht...

...eigentlich die Apotheken als geschütztes Gewerbe? Wohl nur die Apotheker und die Kammer. Damit sie den Konsumenten weiterhin das Fell über die Ohren ziehen können. Die sollten sich auch dem freien Wettbewerb stellen.

Da kenne ich ein ähnliches Beispiel

Weil ein Familienvater seinen Grund nicht billig an den Freund der Bürgermeister (ÖVP) verkauft hat, sondern die Bauplätze für die Kinder wollte, begannen unvorstellbare Schikanen.

Zuerst verschwanden die Unterlagen über sein altes Haus aus dem Bauakt auf der Gemeinde. Der Bürgermeister (ÖVP) als Baubehörde verlangte immer neue soganannte baubehördliche Überprüfungen, bis das Haus "unbewohnbar" war. Die Familie musste weg ziehen!!!!

Der Bezirkshauptmann (und Schulfreund vom Bürgermeister ÖVP), der Landeshauptmann (ÖVP), die Volksanwältin (ÖVP) bestätigten: "Alles in Orndung - alles nach geltenden Gesetzen".

Da kann sogar der Putin noch einiges lernen!

Re: Da kenne ich ein ähnliches Beispiel

warum heißt ein Staat "RECHTS"- Staat.
Früher hatten wir dagegen sehr probate Mitteln.
Ein solches Kasperltheater gab es nicht.

Das Volk der DDR hat sich von der Mißwirtschaft und der Parteipolitik mit Honecker & Co bereits vor über 20 Jahren gelöst

So weit ist Österreich noch lange nicht!

Erst wenn wir Veränderung wählen wird sich etwas ändern.

9 3

Zwangsmitgliedschaft

- Faschismus

- Kommunismus

- WKO

- ORF

Zwei der Plagen sind wir schon los ....

18 0

hafner bestätigt für mich mit seinen aussagen seine eigene unnötigkeit und die der kammern.


abzocke und unterdrückung, wohin das auge blickt. links wie rechts. freiheit sieht anders aus.

... und die grünen wirken an der destruktion der wirtschaft aus dunkelroten motiven heftigst mit.

und es geht wie immer in politnahen kreisen nur darum, eigene freunderln mit gutdotierten posten zu versorgen (wofür man natürlich jemanden braucht, der das finanzieren muss).

13 0

herr Hafner

soll bitte in pension gehen.

ich entnehme den kommentaren dass es hier keine freunde der kammer(n) gibt.

Die Österr. Verhinderungs Partei

ist der Ruin der Wirtschaft.

Die sollen in die Kírche gehen, Hände falten und die Gosch´n halten, statt unsinnige Gesetze zu beschließen oder beizubehalten.

Welche Dummheit berechtigt die eigentlich, die Menschen bevormunden und behindern zu wollen ? Ist es nur ihre Gier oder purer Größenwahnsinn ?

Re: Ist es nur ihre Gier oder purer Größenwahnsinn ?

Das ist die verzeifelte Suche nach Aufgaben für sich selbst, um damit seine eigene Daseinsberechtigung nachweisen zu können.

6 4

Re: Die Österr. Verhinderungs Partei

Bauernpartei ....

außer den Bauern vertreten die nix. daher auch bald keine Wähler mehr ohne Traktor, Pflug und Subventionsbetrug

Apotheke

Die ganzen Kammern sind ein unnötiger Verein.
Denn in wirklichkeit sind sie für die Zwangsmitglieder nicht da.

Wir leben in einer Diktatur !


 
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