Arbeit: Alles nur Spaß?

Während fünf Millionen Spanier arbeitslos sind, zieren sich bei uns viele gut Ausgebildete, eine klassische Berufskarriere einzuschlagen. Mit Zweitjobs und Zusatzausbildungen basteln sie am perfekten Berufsleben. Was treibt sie an?

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Arbeit Alles Spass – (c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)

Irgendwann kam sich Ingrid Groiss vor „wie in einem schlechten Film“. Managerkarriere bei Coca-Cola in Berlin, dann nach Bremen zum Bierkonzern Anheuser-Busch InBev. Schöne Wohnung, schönes Designeroutfit, schöner Firmenwagen. „Der hatte ordentlich PS.“

So richtig glücklich war sie im Job nicht. Trotzdem machte sie ihn gut. Als wieder eine Beförderung anstand, zog sie die Notbremse. „Man hat von mir erwartet, dass ich den neuen Job mindestens drei Jahre mache.“ Das war zu viel. „Warum machst du das?“, fragte Groiss sich immer wieder. Und plötzlich stand ihr Entschluss fest: „Noch einmal von vorn anfangen, bevor es zu spät ist.“

Ingrid Groiss ist heute Winzerin im Weinviertel. Der elterliche Hof steht in Breitenwaida nördlich von Wien. Nach ihrer Rückkehr aus Deutschland studierte sie an der Universität für Bodenkultur. Dann fing sie an, ein paar alte Weingärten aufzupäppeln. Mittlerweile zählt sie zu den Shootingstars der heimischen Weinszene. Was hat sie im Weingarten gefunden, was sie bei InBev und Coca-Cola nicht fand? „Sinn“, antwortet Groiss. Aber wie ist es, wenn auf einmal die nette, pünktliche Monatsgage nicht mehr den Kontostand hochschnalzen lässt? „Ich bin halt wieder zum H&M einkaufen gegangen“, antwortet sie kokett. Es gehe nicht um Geld, nicht um Prestige oder Status, sondern um den „Sinn der Arbeit“. Und sinnvolle Arbeit ist nicht immer lustig, erfüllend, geschweige denn einträglich. „Es ist schon manchmal eine scheißharte Arbeit“, sagt sie. Etwa zur Weinlese, wenn sie bis weit nach Mitternacht durchfroren, schmutzig und übermüdet die Trauben verarbeitet. Warum ist das dann besser, als bis Mitternacht an der Präsentation für die neue Marketingstrategie zu feilen? „Wer das Richtige tut, empfindet es nicht als Arbeit“, sagt Groiss.

Zwei Drittel sind mit Job zufrieden. Aber wie viele Menschen können von sich schon behaupten, dass sie „das Richtige“ tun? Mehr als zwei Drittel der Österreicher sind zwar mit ihrer Arbeit überdurchschnittlich zufrieden, wie eine Gallup-Umfrage aus dem Vorjahr ergeben hat. Aber immerhin 39 Prozent würden die Branche wechseln, wenn sie ihren aktuellen Job verlieren. Das geht aus einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Gfk hervor. Anders gesagt: Sie beschweren sich zwar nicht direkt, rundum glücklich sind sie aber ganz offensichtlich auch nicht.

Sich beschweren – das würde auch Therese Kaiser nicht einfallen. Dabei arbeitet sie mehr als so manche Führungskraft. Und das in einem Alter, in dem die meisten Studenten – wenn sie schnell sind – gerade an der Diplomarbeit schreiben. Kaiser sitzt im „Steman“ bei Zigarette, Melange und Topfenpalatschinke. Das Szenebeisl in Mariahilf ist quasi ihr Studierzimmer. Sie kommt gerade von einer Vorlesung für politische Philosophie. Vielleicht geht sie dann noch aus. „Aber nicht zu lange, morgen muss ich arbeiten“, sagt Kaiser.

Ihren ersten „richtigen“ Job hatte sie mit 19: Mit ein paar Freunden baute sie das Wien-Magazin „Stadtbekannt“ auf. Daneben studierte sie in Rekordzeit Politikwissenschaft und war währenddessen wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni. Mit 21 war Kaiser Magistra – mit Auszeichnung. Dann folgte die Dissertation am Institut für Höhere Studien. Abschließen werde sie diese noch heuer, das steht fest. Mit 24 Jahren.

Nebenbei machte sie Praktika in der Wissenschaftsabteilung des ORF und im Außenpolitikressort der „Presse“. Gerade eben hat sie ihren Job als Online-Redakteurin bei „Woman“ aufgegeben. Dafür ist sie mittlerweile Ko-Produzentin für ein Gastronomie-TV-Magazin. Warum sie das alles macht? „Gute Frage eigentlich. Ich glaube, weil ich mir nichts entgehen lassen will.“ Und schließlich sei sie für alle diese Jobs auch gut bezahlt worden. Stress sieht man ihr nicht an. Therese Kaiser wirkt entspannt. „Ich habe bisher einfach wenig gemacht, was mir keinen Spaß gemacht hat“, erzählt sie.

„Spaß“ ist auch für David Ruehm essenziell. Wenn er von seiner Arbeit spricht, dann kommt das Wort „Arbeit“ nie vor, dafür umso mehr „Spaß“. Er sagt dann Sätze wie: „Ich versuche seit Jahren nur das zu machen, was mir Spaß macht. Und das mit aller Konsequenz.“ Der Fotograf und Filmemacher arbeitet gerade an einer Filmkomödie. Im Herbst beginnen die Dreharbeiten für „Im Schatten des Spiegels“. Es geht um eine verrückte Vampirgeschichte. „Sie spielt im Wien der 1930er-Jahre“, verrät Ruehm. Ulrich Tukur wird die Hauptrolle spielen.

David Ruehm steht für eine Künstlergeneration, die offen zugibt, dass Kunst sich auch rechnen soll. Wenn Künstler Erwin Wurm mit einem schnittigen Sportwagen durch die Stadt flitzt, dann desavouiert es seine Kunst nicht, sondern macht sie umso interessanter. Und Ruehm? „Natürlich ist es mir nicht wurscht, wie viel ein Film einspielt“, sagt er. „Kommerzieller Erfolg ist mir wichtiger als gute Kritiken.“ Und die Grenzen zwischen Kunst und Kommerz sind ohnehin fließend. Zwischen seinen Kunstfilmen und Fotoausstellungen dreht Ruehm Werbespots für Glücksspielunternehmen und Mobilfunkbetreiber. Die Zeiten sind vorbei, in denen wahre Kunst brotlos und der Brotberuf lukrativ sein musste.


Karriere ist nicht so wichtig. Das weiß auch die Psychologin Tatjana Schnell. 60 Prozent würden auf einen Karrieresprung verzichten, wenn sie dafür mehr Sinn in ihrer Arbeit sehen, zitiert sie eine Studie. „Geld ist nicht mehr so wichtig“, sagt Schnell (siehe Interview). Die Frage über Sinn und Freude an der Arbeit ist übrigens keine Zivilisationskrankheit des 21. Jahrhunderts. Sie beschäftigt Lenker und Denker seit Jahrhunderten. „Arbeit ist das reinste Vergnügen. Aber der Mensch ist nicht nur zum Vergnügen auf der Welt“, heißt es bereits bei Johann Nestroy.

Zurück zu David Ruehm: Was er tut, wenn zwischen Drehbuchschreiben und Filmförderung das Brot knapp wird? Dann macht er Fotos für Kochbücher, Gourmet- oder Wochenmagazine. Nicht, dass er dabei nicht auch „Spaß“ hätte. Aber: „Das ist dann eben einfach nur ein Job. Manchmal ganz nett.“ Therese Kaiser sagt, sie würde auf keinen Fall gratis arbeiten. Auch wenn Geld für sie nicht das Wichtigste ist. Sondern Spaß und Selbstverwirklichung. Das heißt: „Für eine bestimmte Aufgabe einen Mehrwert liefern. Etwas, was nicht nur für mich nützlich ist, sondern auch für andere.“ Spielfelder hat sie dafür viele: In ihrem Doktorat erforscht sie die Demokratie in den ehemals kommunistischen Ländern Europas. In ihren Zweit- und Drittjobs schreibt sie über Essen, Partys oder Modeschauen.

Auch Markus Reisinger sitzt selten still. Er ist 31 und Sozialarbeiter im Neunerhaus in Wien. Zwar nur 30 Stunden in der Woche. Aber er hat immer volles Programm: Neben seiner Arbeit macht er die Ausbildung zum Psychotherapeuten und bietet Workshops für Theaterpädagogik an. Wenn er nicht gerade selbst spielt. Außerdem ist er Betriebsrat. Die Abende, an denen er auf der Couch liegt und einfach nur fernsieht, sind selten. „Manchmal frage ich mich schon, warum ich mir das eigentlich antue. Da denke ich mir, warum kann ich nicht einfach Ruhe geben?“


Fünf Millionen arbeitslose Spanier. Aber das ist eher die Ausnahme. Denn Reisinger hat etwas, was sich viele wünschen, aber wenige umsetzen können: „Der Beruf gibt mir ganz viel Sinn. Ich gehe nach Hause und denke mir, super, das macht echt Spaß und ist auch richtig nützlich.“

Wie die Psychologin Tatjana Schnell beschreibt: Der Sinn wird wichtiger. Vor allem die sogenannte „Generation Y“ (ausgesprochen „Why“, Anm.) hat andere Pläne als das „reine Hinaufstürmen der Karriereleiter“: „Die Neuen wollen Work-Life-Balance und Spaß.“

In einer Zeit, in der in Spanien erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als fünf Millionen Menschen ohne Beschäftigung sind, wird in Österreich und in Deutschland der „Spaßfaktor Arbeit“ propagiert. Es ist auch ein Indiz dafür, in welch verschiedenen Welten dieses vereinigte Europa existiert. Während 56 Prozent der Jugendlichen zum Teil trotz hervorragender Ausbildung in Spanien keinen Job finden, stellen ihre Kollegen in Österreich an ihre Arbeitgeber immer höhere Ansprüche.

Und sie bringen Vorgesetzte, Abteilungsleiter und Headhunter zur Verzweiflung. Denn ein 30-Jähriger tickt heute ganz anders als vor zehn oder 15 Jahren. Immer seltener kann man ihn mit Geld oder Karrieresprung an ein Unternehmen binden. Denn selbst in der Krise sind sogenannte „High Potentials“ rar und gefragt. Doch die wollen zwischendurch ein anderes Land kennenlernen, eine Shiatsu-Ausbildung machen oder einfach nur „mehr erleben“.

Therese Kaiser sitzt immer noch in ihrem Stammlokal „Steman“. Sie bleibt noch, muss noch ein paar Unterlagen durchschauen. Nach der Dissertation will sie sich erst einmal Zeit nehmen und wirklich darüber nachdenken, was sie eigentlich machen will. Und eine Sache finden, in die sie ihre ganze Energie investieren kann, am besten irgendetwas zwischen Medien und Politik. Oder für eine Zeit lang nach New York gehen. „Einfach nur, um dort zu leben.“ Oder eine Yoga-Ausbildung. Vielleicht auch in New York.

„Nein, nicht jetzt“, sagt Kaiser und lacht. „Aber irgendwann mache ich die Yoga-Ausbildung auf jeden Fall.“ Ohne Zweifel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2013)

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