Gewerkschaft lenkt bei Arbeitszeit ein

Die Metaller-Gewerkschaft kann sich neuerdings vorstellen, dass Überstunden bis zu vier Jahre lang aufgehoben werden dürfen. Die Unternehmer finden das gut - halten aber nichts von den Gegenforderungen.

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(c) APA (Boris Roessler)

Wien. Gewerkschafter können eines ziemlich gut: Drohgebärden zeigen. Das tun sie besonders gern bei den Lohnverhandlungen, bei denen sie Jahr für Jahr ihre verbalen Muskeln spielen lassen. Sehr zum Unmut der Arbeitgebervertreter: Diese haben in den vergangenen Jahren immer wieder gefordert, die Arbeitszeit in den Firmen flexibler zu gestalten. Die Mitarbeiter also mehr arbeiten zu lassen, wenn die Auftragsbücher voll sind. Und sie im Gegenzug nach Hause zu schicken, wenn Flaute herrscht. Für die Gewerkschaft war das bisher nicht vorstellbar. Ein großzügiger Umgang mit Überstunden bedeutet weniger Geld, argumentierten sie ihre Ablehnung. Auch bei den Lohnverhandlungen im Vorjahr hatte die Industrie wieder einmal das Nachsehen.

Heuer könnte das anders sein: Denn die Gewerkschaft hat in puncto Arbeitszeit einen Schritt auf die Unternehmer zu gemacht. Sie schlägt längere Durchrechnungszeiträume vor. Derzeit können bis zu 80 Überstunden – in manchen Fällen bis zu 120 – ein Jahr lang aufgehoben werden, mit einem Zeitzuschlag von 25 Prozent. 40 Stunden können in das nächste Jahr mitgenommen werden, der Rest muss als Überstunden mit 50 Prozent Zuschlag ausbezahlt werden. Die Produktionsgewerkschaft Pro-Ge und die Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA-djp) können sich nun vorstellen, dass mehr Überstunden länger aufgehoben werden können: Innerhalb von zwei Jahren dürfen laut dem Vorschlag 334 Überstunden angesammelt werden, die Hälfte davon darf weitere 24 Monate aufgehoben werden. Die Höhe der Zuschläge bleibt gleich.

Höhere Zuschläge für Schwerarbeiter

„Die Arbeitgeber haben immer gesagt, sie brauchen Flexibilität, um Auftragsspitzen abzudecken. Das haben wir ernst genommen“, sagt Rainer Wimmer, Bundesvorsitzender der Pro-Ge und Chefverhandler in der Lohnrunde, zur „Presse“. Aber das gibt es freilich nicht umsonst. Im Gegenzug fordern die Arbeitnehmervertreter höhere Zeitzuschläge für Menschen, die schwer körperlich oder unter großen Belastungen arbeiten. Also zum Beispiel für Nachtarbeiter. Und: Die Gewerkschaft will die traditionelle „Metallerlohnrunde“ wiederbeleben. Im Vorjahr haben die sechs Fachverbände der Metallindustrie die Löhne für die rund 180.000 Beschäftigten erstmals getrennt verhandelt. „Das muss natürlich eine Win-win-Situation sein“, so Wimmer. Also mehr Flexibilität für die Unternehmer, aber auch mehr zeitliche Freiräume für die Beschäftigten. Plus gemeinsame Verhandlungen. Sonst „vergessen wir alles wieder, und es gibt keine Flexibilisierung“, sagt Wimmer.

Die Industrie begrüßt das Entgegenkommen der Gewerkschaft bei der Arbeitszeit, gibt sich sonst aber zugeknöpft: „Wir sind froh, dass die Gewerkschaft die Wichtigkeit und Dringlichkeit des Themas Arbeitszeit erkannt hat“, heißt es vom Fachverband Maschinen und Metallwaren Industrie (FMMI), mit rund 120.000 Beschäftigten der größte der sechs „Metaller“-Fachverbände. Man halte aber an den eigenständigen Verhandlungen fest. Der FMMI will die Lohnrunde heuer zwecks „Planungssicherheit“ noch vor dem Sommer ansetzen.

Auch in der Sparte Nichteisenmetalle ist man „froh, dass es Ansatzpunkte gibt, dass Bewegung in das Thema Arbeitszeit kommt“, so Obmann Alfred Hintringer. Franz Friesenbichler vom Fachverband Bergbau-Stahl sagt: „Seit der Wirtschaftskrise haben wir mit riesigen Auftragsschwankungen zu kämpfen. Insofern begrüßen wir, dass die Gewerkschaft nun bereit ist, über das Thema zu diskutieren.“ Ein anderer Industrievertreter gibt sich skeptisch ob der Forderungen nach höheren Zeitzuschlägen: „Das ist kein bloßes Flexibilisierungsmodell, sondern auch ein Belastungsmodell.“

Sechste Urlaubswoche gefordert

Die Gewerkschaft stützt ihre Vorschläge auf eine Umfrage, die das IFES-Institut unter rund 6500 Beschäftigten in der Produktion für sie durchgeführt hat. Darin sprach sich über die Hälfte dafür aus, dass das Thema Individualisierung der Arbeitszeit behandelt wird, knapp die Hälfte will, dass über Arbeitszeitverkürzung gesprochen wird.

Traditionell finden die Lohnverhandlungen im Herbst statt und fallen damit heuer in den Wahlkampf. Forderungen wurden schon im Vorfeld aufgestellt: So will die Gewerkschaft, wie auch Sozialminister Rudolf Hundstorfer, einen leichteren Zugang zur sechsten Urlaubswoche. Diese bekommen Arbeitnehmer derzeit erst nach 25 Jahren im selben Betrieb. Die Industrie kann damit freilich nichts anfangen. Laut einer Berechnung des industrienahen Wirtschaftsforschungsinstituts Eco Austria würde die Ausweitung des Jahresurlaubs Zusatzkosten von 200 Mio. Euro bedeuten.

Auf einen Blick

Die Industrieunternehmer forderten jahrelang eine Flexibilisierung der Arbeitszeit, bisher ohne Erfolg. Nun gibt sich die Gewerkschaft in der Angelegenheit verhandlungsbereit. Freilich nicht ohne Gegenforderung: Sie will, dass die „Metaller“ wieder geschlossen verhandeln, und fordert darüber hinaus höhere Zeitzuschläge für besonders belastende Arbeiten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2013)

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