"Lidl-Protokolle": Systematische Überwachung und Toilettenverbot

26.03.2008 | 16:59 |   (DiePresse.com)

Big Brother beim Diskonter: Ein mehrere hundert Seiten umfassender interner Lidl-Bericht zeigt: Angestellte wurden abgehört, intime Details wie Toilettenbesuche protokolliert - oder sogar verboten.

Der Lebensmitteldiscounter Lidl soll Beschäftigte in zahlreichen Filialen systematisch überwacht haben. Nach Informationen des Magazins "stern" wurde über zahlreiche Überwachungskameras registriert, wann und wie häufig Mitarbeiter auf die Toilette gehen, wer mit wem möglicherweise ein Liebesverhältnis hat und wer nach Ansicht der Überwacher unfähig ist oder einfach nur "introvertiert und naiv wirkt". Aufgeführt wurde demnach auch, ob Mitarbeiter des Unternehmens tätowiert waren. Das Magazin beruft sich auf interne Lidl-Protokolle.

Die Überwacher gingen "stern" zufolge immer nach dem gleichen Muster vor. Am Montag installierten von Lidl beauftragte Detektive in der jeweiligen Filiale zwischen fünf und zehn Mini-Kameras. Den Filialleitern wurde mitgeteilt, es gehe darum, Ladendiebe aufzuspüren.

Nur Stirnband-Trägerinnen durften auf Toilette

Ein geschilderter Fall aus Tschechien ist besonders erschreckend. Mitarbeiterinnen wurde dort verboten, während der Arbeitszeit auf die Toilette zu gehen", berichtet der "stern": "Ausnahme: Weibliche Mitarbeiter, die gerade ihre Tage haben, dürfen demnach auch zwischendurch auf die Toilette gehen. Für dieses Privileg allerdings sollen sie - weithin sichtbar - ein Stirnband tragen."

Zitiert: Aus den Protokollen

"Spiegel Online" zitiert aus den Protokollen: "Mittwoch, 16.45 Uhr: Obwohl Frau N. bis jetzt im Bereich Non-Food/Aktionsware immer noch nicht allzu viel geschafft hat, macht sie pünktlich ihre Pause. Sie sitzt zusammen mit Frau L. im Pausenraum; die Kräfte unterhalten sich über Gehälter, Zuschläge und bezahlte Überstunden. Frau N. hofft ebenfalls, dass ihr Gehalt bereits heute gutgeschrieben wurde, da sie für heute Abend dringend Geld benötigt (Grund = ?)".

Oder: "Mittwoch, 14.05 Uhr: Frau M. möchte in ihrer Pause ein Telefonat mit ihrem Handy führen, es erfolgt die automatische Ansage, dass das Guthaben auf ihrem Prepaid-Handy nur noch 85 Cent beträgt. Schließlich erreicht sie telefonisch eine Freundin, mit welcher sie heute Abend gerne gemeinsam kochen würde, dieses setzt aber voraus, so Frau M., dass ihr Gehalt bereits gutgeschrieben wurde, da sie ansonsten kein Geld mehr hätte, um einzukaufen."

Lidl bestreitet Existenz der Protokolle nicht

Das Unternehmen mit Sitz in Neckarsulm bestreitet die Existenz der Protokolle nicht. Sie dienten aber nicht der Mitarbeiterüberwachung, sondern der Feststellung eventuellen Fehlverhaltens, erklärte eine Lidl-Sprecherin.

Lidl hat eingeräumt, dass in einzelnen Filialen Mitarbeiter möglicherweise mit Überwachungskameras bespitzelt wurden. "Ich kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausschließen, dass es dazu Aufträge gegeben hat", sagt das Mitglied der Lidl-Geschäftsführung, Jürgen Kisseberth. "Das war aber nicht der Auftrag der Geschäftsleitung." Die zwei Detekteien hätten den Auftrag gehabt, über Kameraanlagen vor allem Diebstähle von Kunden aufzudecken.

Die meisten Überwachungsberichte sollen aus Lidl-Filialen in Niedersachsen, Rheinland- Pfalz, Berlin und Schleswig-Holstein kommen.

Nur wenige Betriebsräte bei Lidl

Der Gewerkschafter forderte die Mitarbeiter auf, gegen die Zustände vorzugehen und Betriebsräte zu wählen. "Die Mitarbeiter werden eingeschüchtert und verängstigt. Es gibt so gut wie keine Betriebsräte bei Lidl", erklärte Franke.

Die Datenschützer für den nicht-öffentlichen Bereich in Baden-Württemberg werden nach Angaben des Innenministeriums dem Fall jedoch nachgehen. "Der Sachverhalt muss aufgeklärt werden", betonte eine Ministeriumssprecherin.

"Rechtsstaat wird mit Füssen getreten"

Der Verdi-Handelsexperte Achim Neumann sagte dem Mitteldeutschen Rundfunk, was Lidl gemacht habe, dürfe man nicht hinnehmen. "Wenn Unternehmen den Rechtsstaat mit Füßen treten, dann müssen sie weg." Er bekräftigte das Ziel, bei Verdi Betriebsräte durchzusetzen. Dann würden "solche Schweinereien" nicht mehr passieren. (Ag./red)


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59 Kommentare
 
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Von Papierfresser am 27.03.2008 um 11:15

Liedl ist nur ein Beispiel

Diese Arbeitsterror-Praxis ist in der gesamten Lebensmittelbranche Alltag

Antworten Von Peregrin am 27.03.2008 um 11:44

Re: Liedl ist nur ein Beispiel

Ueber "Terror" haben wir bislang noch nicht viel gehoert, nur ueber Mitarbeiterueberwachung. Die gibt es natuerlich auch im Kleinbetrieb, wo der Chef sich staendig in der Naehe seiner Mitarbeiter aufhaelt, nur erfolgt sie da informeller.

Der Vergleich mit der Stasi ist laecherlich (und dass er ausgerechnet von den Roten kommt, eine besondere Pointe) - das Problem mit der Stasi ist ja nicht die Datensammlung an sich (Daten sammeln tut eine Pensionistin, die den ganzen Tag aus dem Fenster schaut, auch), sondern die Machtverschiebung, die daraus entsteht, dass diese gesammelten Informationen einer politischen Elite gesammelt zur Verfuegung stehen, und natuerlich auch im folgenden Missbrauch dieser Informationen zum Machterhalt.

Antworten Antworten Von phuter am 27.03.2008 um 12:13

Der Missbrauch zum Machterhalt...

Heisst dort eben, rauswurf oder Gratis Überstunden... der Unterschied ist null.
Im übrigen bin ich der Meinung, dass wir mit dem Kapitalismus langsam dort ankommen, wo der Komunismus 1989 war - nur mehr Drecksprodukte zu überteuerten Preisen, Verarmug der Gesellschaft und ein immer autoritärerer Staat.

Antworten Antworten Antworten Von Peregrin am 27.03.2008 um 13:49

Re: Der Missbrauch zum Machterhalt...

Was fuer ein Kapitalismus? Bei uns herrschen seit Jahrzehnten Rot- und Schwarzsozis, falls Ihnen das nicht aufgefallen ist.

Antworten Antworten Antworten Antworten Von phuter am 27.03.2008 um 16:12

das mag sein...

Aber seit dem Banker Vranitzky sinds rot und schwarzkapitalisten.... oder besser gesagt Lakaien der Banken und Konzerne.
Ich erlebe immer wieder Glücksmomente wenn ich noch in kleinen Geschäften einkaufen gehen kann, die von ihren Eigentümern betrieben werden. Da trifft man auf Kompetente Leute die einem meist gute Produkte verkaufen, weil sie wollen dass man wieder kommt. Bei den Grossmärkten gibts nur unterqualifizierte und unterbezahlte Leute die Müll verkaufen von dem sie keine Ahnung haben - und dabei naturgemäss auch selbst frustriert sind und sich entsprechend verhalten - wie im Kommunismus eben.

Von Das_Wahre am 27.03.2008 um 11:02

Erschreckend....

Und wieder ein schönes Beispiel dafür, dass man für Geld offenbar alles tut, Hauptsache die Kosten werden minimiert und der Gewinn maximiert. Ich befürchte jedoch auch dass Lidl mit solchen Irrsinnsaktionen nicht alleine ist, und generell solche Methoden am freien Markt herrschen, und gelegentlich der eine oder andere schon zu solchen "kostenminimierenden" Maßnahmen zwecks "Mitarbeiteroptimierung" greifen muss, um mit der Konkurrenz am Markt überhaupt mithalten zu können.

Was ist nur mit uns Menschen passiert? Ist das wirklich dass was wir uns für das Leben wünschen? Was sind das für Leute die auf solche Methoden zurückgreifen und sich dann dafür auch noch krumm und dämlich verdienen?

Ich schäme mich für uns Menschen, und in Momenten wie diesen muss ich für mich feststellen, ich glaube nicht mehr dass das noch lange so weitergehen wird... Ich fürchte wir werden an der eigenen Gier ersticken!

Von Helmut Magnana am 27.03.2008 um 10:28

Wer dennoch auf die Toilette "darf"...

...das sind jene Angestellten, die gerade "ihre Tage" haben. Die sind für die vor den Überwachungsmonitoren sitzenden Detektive an ihren speziellen Stirnbändern zu erkennen...

Zusätzlich könnte man ihnen einen roten Aufkleber auf die Brust picken mit dem Aufdruck "M" - für Menstruation; damit auch wirklich jeder gleich sieht, in welchem körperlichen "Zustand" dieses Mädchen oder diese Frau ist.

Schließlich will ja nicht nur die Firma von ihren Leuten alles wissen. Eventuell können dann auch muslimische Kunden diesen Angegestellten rechtzeitig ausweichen, denn wie man weiß, gelten ja weibliche Personen während dieser Zeit in ihrer Religion als "unrein"!

Auch DAS wäre im Grunde also auch ein "Dienst am Kunden"....

Daß der Duktus dieser von den Detektiven akribisch erstellten "Erfahrungsberichte" schon sehr an Stasi-Akten erinnert, kommt freilich noch erschwerend hinzu.

Anderseits hat erst kürzlich eine LINKE-Abgeordnete erst kürzlich die Renaissance der STASI gefordert...

Antworten Von Silvester am 27.03.2008 um 10:52

Re: Wer dennoch auf die Toilette

das sind nicht stasi-methoden, sondern die der unternehmer. sowas taten die schon immer auf die eine oder andere weise, besonders in den klein- und mittelbetrieben. auch da wurde aufgepaßt und besprochen, daß "die" schon wieder usw.
ein beispiel gefällig? die frau eines unternehmers hatte den ganzen tag nichts anders zu tun als einen arbeiter zu beobachten und zu zählen wieviele zigaretten er rauchte (als maurer hatte er ständig eine solche und paffte so vor sich hin, die hände hatte er frei und arbeitete ständig), sodann errechnete sie sich die zeit des rauchens und zog ihm diese am abend am stundenzettel ab!
tja, wundert euch nicht, in fernost hat man solche methoden längst und bei uns kommen sie auch, ganz ohne besonderen widerstand, wie ja das lahme reagieren der institutionen und der kunden im falle lidl zeigt!

Antworten Antworten Von Peregrin am 27.03.2008 um 11:47

Re: Re: Wer dennoch auf die Toilette

Wie kommt der Auftraggeber eigentlich dazu, dass das neugebaute Haus zur Haelfte aus Zigarettenkippen besteht anstatt aus den bestellten Baumaterialien?

Antworten Antworten Von der-schlingel am 27.03.2008 um 11:40

Re: Re: Wer dennoch auf die Toilette

Diese Methodik hat in kleineren Unternehmen keine Zukunft. Solches Vorgehen können sich nur Unternehmen mit dickem Budget oder unfähigen Frauen des Chefs (die wegen Steuervorteilen auch angestellt werden) leisten.

Kleine Unternehmen setze mehr auf flache Hierarchie mit motivierter Selbstausbeutung.

Antworten Antworten Von der-schlingel am 27.03.2008 um 11:40

Re: Re: Wer dennoch auf die Toilette

Diese Methodik hat in kleineren Unternehmen keine Zukunft. Solches Vorgehen können sich nur Unternehmen mit dickem Budget oder unfähigen Frauen des Chefs (die wegen Steuervorteilen auch angestellt werden) leisten.

Kleine Unternehmen setze mehr auf flache Hierarchie mit motivierter Selbstausbeutung.

Von NeroRosso am 27.03.2008 um 10:19

Aber dafür ist er

billig.
Und die Konsumenten dumm.
So ist es nun mal.

Von typhon typhoon am 27.03.2008 um 09:58

man wird mich hassen

aber ich schreibe mal etwas pro Lidl.
Es mag sein, dass die Wahl der Mittel etwas zu hoch gegriffen war (z.B. könnte man mit Key Cards einfach feststellen, ob ein Mitarbeiter das WC wirklich nur zum Sch... oder zur bezahlten Freizeit aufsucht), dennoch weicht die Verteufelung von Lidl e.a. vom Faktum ab, dass ein Großteil der Ladendiebstähle von Mitarbeitern begangen werden bzw. viele den Job nur als bezahlte Freizeit betrachten (der kundenscheue Verkäufer im Baumarkt wurde einstweilen sogar werbeindustriell ausgebeutet)!
Heisser Tipp: einfach auf "Commedy Central " die "Dümmsten Kollegen der Welt" anschauen. Da wird einemm Bang, was da an Unverfrorenheiten von Angestellten vorexerziert wird.

Antworten Von Gast: tc_t am 27.03.2008 um 10:24

Re: man wird mich hassen

hassen nicht, nur die dummheit bewundern - und nicht mehr bei lidl einkaufen - punktum

Von Gast: Petra am 27.03.2008 um 09:18

Bespitzelung bei Lidl

Das beudeut für mich nur eines :
Keine Einkäufe mehr in diesen Geschäften.
Ich kann nur hoffen, daß ich nicht alleine diese Entscheidung treffe und
viele, sehr viel, diesem Beispiel folgen.
Diese Sklavenmethoden ind den Billigmärkten muß endlich aufhören.

Petra

Antworten Von Gast: Juan Poronga am 27.03.2008 um 09:58

Re: Bespitzelung bei Lidl

Ich gebe Ihnen Recht und werde selber auch nicht mehr bei Lidl einkaufen.
Nur: Andere Supermarktketten haben auch nicht bessere Methoden. Debken Sie zB an Billa vor 2 Jahren, da hat es Unregelmässigkeiten bei der Lohnverrechnung gegeben.
Ich glaube, keine dieser Firmen ist 100% unschuldig.

Antworten Antworten Von Silvester am 27.03.2008 um 10:56

Re: Re: Bespitzelung bei Lidl

es ist längst üblich, daß die angestellten der supermärkte jede menge unbezahlte überstunden leisten. sie müssen einfach ein bestimmtes in der arbeitszeit nicht leistbares quantum an leistung erbringen, geht das nicht müssen sies halt in ihrer freizeit tun - unbezahlt natürlich!

Von Gast: ASVG-Sklave am 27.03.2008 um 06:40

unfähiger Gesetzgeber, vertrottelte Juristen

§120 StGB: Wer ein Tonaufnahmegerät oder ein Abhörgerät benützt, um sich oder einem anderen Unbefugten von einer nicht öffentlichen und nicht zu seiner Kenntnisnahme bestimmten Äußerung eines anderen Kenntnis zu verschaffen, ist mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen zu bestrafen.

Antworten Von Kantig am 27.03.2008 um 09:22

Re: unfähiger Gesetzgeber, vertrottelte Juristen -- gilt nicht im eigenen bereich


Antworten Antworten Von Gast: ASVG-Sklave am 27.03.2008 um 12:02

Re: Re: unfähiger Gesetzgeber, vertrottelte Juristen -- gilt nicht im eigenen bereich

"Erfindung" oder rechtstaatliches Fundament durch gesetzliche Verankerung? (B-VG Art. 18 Abs.1) Bitte daher um Verweis auf entsprechendes Gesetz, das Ihre Behauptung untermauert. Andernfalls wäre dies ein reines Wunschdenken.

Von Gast: GerhardS am 27.03.2008 um 00:34

Ah deshalb

ist der LIDL so B I L L I G !

Einfach nur zum kotzen!


Antworten Von Kantig am 27.03.2008 um 09:22

Re: Ah deshalb - ja genau deswegen! Die toilletenmärchen sollten sie nicht glauben!


Von jta am 26.03.2008 um 22:25

gleich weg

ich werd da nicht mehr einkaufen.
das mehrl ist ohnehin überall gleich teuer;)

mfg


Antworten Von jta am 26.03.2008 um 22:30

und

dass das in der unternehmerparteifreundlichen zeitung steht, hat sicher was mit dem neuen koalitionsabkommen zu tun. oder ist das schon ein beitrag zum nahen wahlkampf.

Von Gast: fdkjg am 26.03.2008 um 20:29

ljj

Alle Macht den Gewerkschaften. Dann wird alles besser! Betriebsräte werden dafür sorgen, dass Menschen nur mehr gut behandelt werden.
Ich lach mich tot, mann o mann, ist die Welt dämlich geworden.

 
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