Nach der Karenz ins Kreativmeeting

Irgendwie kann ein Unternehmen dieser Branche ja fast nicht anders, als familienfreundlich zu sein. Man braucht den Input von Eltern - und den holt man sich gern auch aus den Reihen der eigenen Mitarbeiter.

Wien. „Wünschen Sie sich Kinder?“ Diese Frage ist bei Bewerbungsgesprächen bekanntlich verpönt, besonders, wenn sie Bewerberinnen gestellt wird. Nicht nur, weil sie zu privat ist. Sondern vor allem, weil da die Sorge des Arbeitgebers durchklingt, sich bald mit Dingen wie Mutterschutz, Karenz und Elternteilzeit herumschlagen zu müssen – und weil es die Jobchancen der Kandidatin normalerweise drastisch verringert, wenn solche Befürchtungen konkret werden.

Normalerweise, wie gesagt. Nicht so im Unternehmen von Peter Röhrig. Er ist Gründer und Geschäftsführer von MAM-Babyartikel. Im Gespräch mit der „Presse“ kehrt er das Szenario augenzwinkernd um: Dass seine Mitarbeiter Eltern sein oder werden müssen, stehe zwar nicht im Dienstvertrag. „Aber von Vorteil ist es schon, wenn sie die Produkte selbst ausprobieren.“

Wenn Kreativmeetings stattfinden – was in der Marketing- und Designzentrale in Wien Ottakring sehr oft der Fall ist –, werde auch immer darauf geachtet, dass Mütter mit am Tisch sitzen. Oder Väter, nur sind diese dünner gesät: 75 Prozent der Beschäftigten bei MAM sind Frauen. Was, wie sowohl Röhrig als auch HR-Managerin Susanna Wagner meinen, wohl an der Branche liege.

 

Projektarbeit erleichtert vieles

Die Mitarbeit in kreativen Projektgruppen sei nebenbei ein guter Einstiegsjob nach der Karenz, sagt Röhrig, das lasse sich auch mit zehn, zwölf Wochenstunden machen. Überhaupt wird in Wien vor allem projektbezogen gearbeitet, was flexibles Zeitmanagement erleichtert. Ein Paradies für Lohnverrechner sei sein Unternehmen nicht, sagt der Chef – deren Freude über die vielen unterschiedlichen Teilzeitvarianten sei zweifellos verhalten. Genau genommen sind es lauter Einzellösungen, die bei Bedarf auch immer wieder adaptiert werden. Der Vorteil aus Sicht des Unternehmens: „Wir haben noch nie eine Mitarbeiterin wegen familiärer Betreuungspflichten verloren.“ Kolleginnen, die in Karenz waren, kommen auch meist schon nach einem Jahr wieder an den Arbeitsplatz zurück. Viele beginnen mit zehn Wochenstunden und teilen sich zu zweit oder zu dritt einen Schreibtisch, „solche Lösungen bieten sie selbst an, weil sie wissen, dass es sich räumlich nicht anders ausgeht.“ Bei der täglichen Verteilung der Arbeitszeit gebe es ebenfalls viel Freiraum, auch über die „ohnehin selbstverständliche“ Gleitzeit hinaus.

Am Standort in Siegendorf im Burgenland ist die Produktentwicklung angesiedelt, dort arbeiten überwiegend Männer. Flexibilität werde auch dort gelebt, Teilzeitarbeit gebe es weniger, sagt Röhrig. „Männern zu sagen, sie sollen Teilzeit arbeiten, sehe ich auch nicht als meine Aufgabe an.“ Auch Frauen werde das nicht aufgedrängt.

An den Produktionsstandorten, die sich außerhalb Österreichs befinden, ist zeitliche Flexibilität wegen des Schichtbetriebs schwieriger. Der nächstgelegene ist in Ungarn, einen gesetzlichen Anspruch auf Elternteilzeit gibt es laut Röhrig dort nicht. Teilzeitlösungen würden trotzdem angeboten, oft helfe es auch, wenn man zwischen Früh- und Abendschicht wählen kann.

Seit Kurzem ist MAM mit dem Audit „Beruf und Familie“ zertifiziert. Auch wenn man auf einem Gebiet schon viel tut, sei es wichtig zu schauen, wie man dasteht, meint Röhrig dazu. Der Auditprozess habe das Bewusstsein weiter verstärkt, die Bedeutung des Themas für alle noch klarer gemacht. „Dadurch entstehen jetzt auch noch bessere Lösungen.“

ZUR PERSON

Peter Röhrig wurde 1948 in Wien geboren und ist Kunststofftechniker. 1976 hatte er die Idee, bei Babyprodukten Funktionalität und medizinische Sicherheit mit Design zu verbinden. Den ersten MAM-Schnuller entwickelte er mit Wissenschaftlern, Ärzten und Designern der Wiener Universität für angewandte Kunst. In seinem Unternehmen sind heute mehr als 570 Mitarbeiter tätig, 75Prozent sind Frauen. 62 Prozent der Beschäftigten haben Kinder, auf Managementebene sogar 81 Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2014)

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