Fast zehn verlorene Jahre bei Einkommen

Das verfügbare Haushaltseinkommen fiel im Vorjahr auf den Stand des Jahres 2006. Grund war neben der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung vor allem der stetige Anstieg der Belastung durch Steuern und Abgaben.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Wozu Wachstum? Nicht selten wird diese Frage im wirtschaftspolitischen Diskurs gestellt – mit der darin verborgenen Antwort: Wir haben doch ohnehin schon genug. Was fehlendes Wachstum in der Realität jedoch bedeutet, zeigt die jüngste Ausgabe der Studie „Wie geht's Österreich“ der Statistik Austria. Darin werden verschiedenste Indikatoren dargestellt, um die Lebensqualität in Österreich zu messen. Einer davon: das real verfügbare Haushaltseinkommen. Und dieses wächst seit Ausbruch der Krise im Jahr 2008 nicht mehr nur nicht an, es schrumpft sogar. Im Vorjahr betrug der Rückgang den drastischen Wert von 2,2 Prozent, wodurch die Zugewinne der letzten Vorkrisenjahre bereits wieder getilgt wurden und die Österreicher im Vorjahr lediglich so viel Geld zur Verfügung hatten wie im Jahr 2006. Tendenz weiter fallend (siehe Grafik unten).

Grund für diesen Rückgang ist einerseits natürlich die Krise, die auch das Wachstum des BIPs pro Kopf seit dem Jahr 2008 im Zaum hält und zu einer De-facto-Stagnation geführt hat. Allerdings kann das BIP zumindest das einst erreichte Niveau halten, während das Haushaltseinkommen sogar zurückgeht. Der Grund dafür ist in der munter steigenden Belastung durch Steuern und Abgaben – etwa in Form der Kalten Progression – zu finden.

Mussten die Österreicher im Jahr 1995 noch 26,6 Prozent ihres gesamten Einkommens (dazu werden auch monetäre Sozialtransfers und Sachleistungen, etwa durch das Gesundheits- oder Bildungssystem gerechnet) für Steuern und Abgaben auf das Einkommen aufwenden, stieg dieser Wert im Jahr 2005 bereits auf 27,5 Prozent und im Vorjahr schlussendlich auf 28,6 Prozent. Gleichzeitig reduzierte sich der für den Konsum (dazu gehören auch die Kosten für Wohnung und Lebensmittel) verfügbare Einkommensanteil von 68,8 Prozent im Jahr 1995 auf 68,2 Prozent im Jahr 2005 und 67,3 Prozent im Vorjahr.

Dass der Staat nicht nur bei den Einkommen kräftiger zugreift, sondern auch einen immer größeren Teil dieser stellt, zeigt eine andere Zahl: So erhöhte sich im beobachteten Zeitraum seit 1995 auch der Anteil der Transferleistungen am Einkommen der Österreicher – von 31,8 Prozent (1995) auf 34,1 Prozent (2013).

Teilzeit senkt Bruttolöhne

Gegenüber dem BIP ist die Entwicklung der Haushaltseinkommen also deutlich schwächer ausgeprägt. Allerdings handelt es sich auch hier um einen Durchschnittswert, der in Einzelfällen noch wesentlich drastischer ausfallen kann. Konkrete Zeitreihen dazu sind allerdings noch nicht verfügbar.

Jedoch ging laut Statistik Austria in den vergangenen Jahren auch die Schere bei der Verteilung der individuellen Bruttojahreseinkommen (ohne Transfers, ohne Steuern) deutlich auf: Während das oberste Einkommensviertel 2012 etwa auf dem Niveau von 2004 war, fiel dieser Wert für das unterste Viertel auf 92 Prozent.

Eine Erklärung dafür könnte laut Statistik-Chef Konrad Pesendorfer zwar die Zunahme an Teilzeitarbeit bei gleichzeitig steigender Beschäftigungsquote sein. Dadurch sinken naturgemäß die Einkommen im untersten Viertel. „Allerdings ist nicht klar, ob der Zug zur Teilzeit immer auf Wunsch der Arbeitnehmer erfolgt“, so Pesendorfer. Dieses Thema sollte daher weiter untersucht werden.

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(C) DiePresse

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2014)

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