Kein Start-up-Standort ohne Universität

Ohne die Stanford University wäre das Silicon Valley nie so groß wie heute. New York lebt von Universitäten wie Columbia. Nun versuchen auch heimische Hochschulen, das Thema strukturell großflächig zu verankern.

Universität für Bodenkultur
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Universität für Bodenkultur – (c) Teresa Zötl

Was wäre das Silicon Valley ohne die Stanford University, Amerikas renommierter Universität, die 21 Nobelpreisträger und vier Pulitzerpreisträger hervorgebracht hat? Gar nichts. Denn ohne Stanford University würde das Silicon Valley einfach nicht existieren. Es war der Dekan Frederik Terman, der bereits Ende der 1930er-Jahre eine weitreichende Entscheidung traf. Er ermutigte Studenten, sich mit innovativen Ideen auf freien Flächen in der Nähe der Universität anzusiedeln. Auch Technologieunternehmen wurden hofiert, die sich in den 1950ern billig in Gebäude einmieten konnten. Der Rest der Geschichte ist bekannt: Die innovativsten und mächtigsten Firmen der Welt sind mittlerweile hier angesiedelt: Apple, Facebook, Amazon, Google, Tesla.

So viel Erfolg zieht an. Wie oft haben Länder und Städte auf der ganzen Welt versucht, das Silicon Valley zu kopieren. Dass das nicht so einfach geht, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Wohl kann man viele Dinge davon lernen. Die wichtigste These: Innovationsstandorte funktionieren ohne Forschungs- und Bildungseinrichtungen in der Nähe auf Dauer nicht. Das Potenzial, die Ideen, die Studenten während der Studienzeit haben, die Thesen, die sie ausbrüten, sind unbezahlbar. Vor allem, wenn sich herausstellt, dass sich aus einem Forschungsergebnis ein Geschäftsmodell ableiten lässt.

Das haben auch heimische Universitäten bemerkt, von denen heuer besonders viele versuchen, kleinere Initiativen erstmals strukturell großflächig zu verankern. So hat die Universität für Bodenkultur Anfang März ihr Gründerzentrum in Tulln eröffnet. Dort befinde sich bereits einer der drei Boku-Standorte, außerdem arbeite man dort schon mit dem niederösterreichischen Gründerservice Accent zusammen, erzählt Josef Glößl, Vizerektor an der Boku und für Forschung zuständig. Bis zu vier Start-ups sollen in Zukunft im neuen Zentrum ihren Platz finden. Sie werden von Accent in Hinblick auf Businesspläne, Projektmanagement oder rechtliche Aspekte betreut, gleichzeitig sollen sie durch die räumliche Nähe die Infrastruktur und Geräte der Boku nützen können. Denn mit Studienrichtungen wie Agrarwissenschaften, Wasserwirtschaft und Biotechnologie sei gerade die Boku prädestiniert, Start-ups zu fördern. „Und je besser die Rahmenbedingungen, umso erfolgreicher werden die Ideen auch sein“, ist Glößl überzeugt. In Tulln, wo die Boku seit 2011 residiert, liegt der Schwerpunkt auf Themen wie biologischen Ressourcen oder sicheren Lebensmitteln.

Studenten motivieren. Das Gründerzentrum befindet sich im Technologiezentrum Tulln. Start-ups wie Biotrack, das die Herkunft einer Keimbelastung in Gewässern genau bestimmt, oder Bioblo, ein Spielbaustein aus biologischem Material, mit dem Kinder Roboter bauen können, residieren bereits dort. Langfristig sollen aber auch die Studenten anderer Studienrichtungen zum Gründen motiviert werden. „Wir wollen an jedem Boku-Standort ein Gründerzentrum haben“, sagt Glößl. Sowohl am Standort Türkenschanze als auch am Standort Muthgasse, wo das Vienna Institute of Biotechnology steht. Für die Muthgasse gebe es bereits Verhandlungen mit der Stadt Wien, um ein weiteres Gründungszentrum zu schaffen, erklärt Glößl. Denn das Thema Start-up wird die Boku wohl noch lange beschäftigen. Auch, weil sich die Prioritäten erweitert haben. „Früher war die Kernaufgabe der Universität Forschen und Lehren“, erklärt der Vizerektor. Mittlerweile sei aber eine dritte Kernaufgabe hinzugekommen. „Die Universität wird immer mehr zum Standortfaktor. Auf Basis ihrer Kompetenzfelder und Forschungsstärken wird Wissen generiert, das gezielt in die Gesellschaft gebracht werden kann.“

Dass Start-ups in Zukunft Universitäten prägen werden, glaubt auch Hannes Werthner, Professor für E-Commerce am Institut für Software Technology and Interactive Systems an der TU. Werthner und seine Kollegin Birgit Hofreiter – die als Leiterin des Informatics Innovation Centers (I2C) an der TU schon seit Jahren das Thema Start-ups forciert – arbeiten derzeit an einem neuen Gründungsprogramm in Kooperation mit dem Wiener Start-up-Festival Pioneers. Im Detail sollen in dem Programm Dissertanten oder Diplomanden ihre fertigen Arbeiten auf Markttauglichkeit testen können. Dafür sollen die Absolventen ein bis auf drei Monate befristetes Stipendium erhalten, um in Ruhe an der Umsetzung ihrer Idee arbeiten zu können. Langfristig denkt freilich auch die TU größer. Letztendlich, sagt Werthner, hätte er die Vision eines „integrierten Innovationscampus“ in der Nähe der TU, auf dem Start-ups mit der Universität kooperieren. „Es gibt schon jetzt relativ viele Firmen, die aus der TU rauskommen und in unserer Nähe bleiben“, sagt er. Nach geeigneten Flächen für das IT-Quarter Vienna sucht er bereits. Zusätzlich gebe es auch Gespräche mit dem Vizerektor, wie man das I2C-Programm auf die ganze TU ausweiten könne.

Ideen umsetzen. Denn auch auf der TU bleiben viele Ideen ungenützt. Wie viele, das versucht Werthner jedes Jahr in einer Vorlesung zu demonstrieren. Dort zeigt er Studenten eine Folie mit erfolgreichen Start-ups. „Und jede dieser Ideen haben Studenten an der TU vorher gehabt, aber keiner von ihnen hat sie umgesetzt.“

Studenten für das Gründen zu begeistern, das versucht auch die Universität für angewandte Kunst mit einem neuen Schwerpunkt. Im Rahmen der Initiative „Wissenstransferzentrum Ost“ soll Studenten der Angewandten, ebenso jenen von der Uni Wien und der Akademie der bildenden Künste, das Einmaleins des Gründens beigebracht werden. An der Universität Wien gibt es deswegen auch eine Lehrveranstaltung, in der gemeinsam mit der WU eine Businessidee umgesetzt wird. Mit der WU wird generell die Kooperation gesucht. „Unsere Absolventen haben ja tolle Ideen, aber ihnen würde mehr Business-Know-how sehr helfen“, sagt Angelika Zelisko, eine der Projektkoordinatorinnen. Freilich, nicht aus jedem Designabsolventen wird später ein Start-up werden, „aber gerade bei unseren digitalen Künstlern ist einfach unglaublich viel Potenzial da“.

Dass Start-ups am besten interdisziplinär funktionieren, ist auch der WU bewusst. Den Anstoß für das vor eineinhalb Jahren gegründete Entrepreneur Center Network gab zwar die WU, mittlerweile sind dort aber von TU über die Vet-Med und Angewandte bis zur Medizinuniversität die meisten Hochschulen vereint. „Die WU-Studenten können Betriebswirtschaft, wenn jemand von der TU kommt, hat er Content, weiß aber vielleicht nichts über Marktzugang. Es hat Sinn, die Leute zu vernetzen“, sagt Nikolaus Franke, Vorstand des Instituts für Entrepreneurship und Innovation, das die WU 2001 gegründet hat. Damals, erzählt Franke, hieß es noch: „Schauen Sie, dass Sie mit dem Institut unter dem Radar fliegen, sonst fällt den Leuten auf, dass wir Sie nicht brauchen.“ Das erste Semester hätte das Gegenteil bewiesen: Es gab weitaus mehr Anmeldungen als Plätze. Mittlerweile sind bekannte Start-ups durch die Absolventen entstanden. Die Flohmarkt-App Shpock, die App Rublys, aber auch Andreas Tschas, Ko-Gründer des Pioneers-Festivals, ist ein Absolvent. Insgesamt seien mehr als 150 Start-ups von den Absolventen in den letzten zehn Jahren gegründet worden.

Eine große Masse erreicht das Institut, das pro Jahr 80 Bachelorstudenten aufnimmt, trotzdem nicht. Doch das soll sich jetzt ändern. Auch die WU Wien plant ein Gründungszentrum. Eines, das die Studenten aus allen Studienrichtungen erreichen soll. Details dazu will Franke ob der Finanzierung, die erst ausverhandelt werden muss, noch nicht sagen. Dass Unternehmertum in Zukunft aber jeden Studenten betreffen wird, davon ist er überzeugt. „Die Welt ist dynamisch. Es tun sich neue Möglichkeiten auf und schließen sich schnell. Die Fähigkeit, unternehmerisch zu denken, wird immer wichtiger – und zwar überall.“

Anlaufstellen

TU: The Informatics Innovation Center www.informatik.tuwien.ac.at/i2c
WU:
Institut für Entrepreneurship & Innovation, wu.ac.at/entrep/
Boku:
Boku-Accent-Gründerzentrum Tulln, www.boku.ac.at
Die Angewandte:
Wissenstransferzentren, www.dieangewandte.at,

http://forschung.univie.ac.at/technologietransfer/wtz-ost/

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2015)

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