Open Data und Smart City: Wie Wien digitaler werden soll

Die Digital City Wien soll die Bundeshauptstadt in Hinblick auf digitale Lösungen international wettbewerbsfähig machen. Mitglied Martin Giesswein erklärt, was dazu notwendig ist und warum gerade Start-ups eine wichtige Rolle spielen.

Martin Giesswein (Archivbild)
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Martin Giesswein (Archivbild)
Martin Giesswein (Archivbild) – Nokia

Ein Parkplatz, der sich von selbst findet, Straßenlaternen, die nur leuchten, wenn sie gebraucht werden, oder ein System, das Autos und Lkw optimal durch den Verkehr schickt. Was soll eine Smart City denn alles können?

Mit dieser Frage befasst sich Martin Giesswein. Der Berater und frühere CEO von Immobilien.net arbeitet ehrenamtlich für die Digital City Wien, eine Initiative von Unternehmern in Kooperation mit der Stadt Wien, die seit 2014 die Bevölkerung Wiens für die Wichtigkeit von Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) gewinnen möchte. Das Ziel von Digital City Wien ist es, die Privatwirtschaft mit der Verwaltung der Stadt zu vernetzen, um Wien zu einem der führenden digitalen Hotspots Europas zu machen.

Wien müsse, wie alle Städte, mit unglaublichen Herausforderungen fertig werden, erklärt Giesswein. Heute leben 50 Prozent der Erdbevölkerung schon in Städten und bis 2050 werden es laut UNO-Angaben 75 Prozent sein. „Das heißt, dass alle Probleme der Menschheit in der Stadt gelöst werden müssen. Dass man da ohne IKT nicht auskommt, liegt auf der Hand.“

Die Stadt als Datensammler. Für Wien sei die Open-Data-Initiative ein wesentlicher Schritt in die richtige Richtung gewesen. Zum Thema „Smart City“ (dazu gehören Energieeffizienz, Mobilität und nachhaltiger Umweltschutz) werden in Wien seit Jahren Daten gesammelt, die seit 2011 auf open.wien.gv.at Bevölkerung und Privatwirtschaft zur Verfügung stehen. Hier kommen die Start-ups ins Spiel. Die Anwendungsmöglichkeiten für die Daten sind vielfältig und werden in Österreich auch schon genutzt. Die Website checkmyplace.com nutzt etwa Umweltdaten, um Bürgern zu zeigen, wie es im eigenen Grätzel mit Luftverschmutzung, Lärmbelastung oder Sonnenstrahlzeiten aussieht.

Start-ups wie Parkbob (parkbob.com) zeigen Autofahrern per App, wo es in ihrer Nähe einen Parkplatz gibt. Das Kärntner Start-up symvaro.com bietet verschiede Smart-City-Lösungen an, von der Müll-App in der man Abholzeiten, Sperrmüllaktionen und Sammelstellen angezeigt bekommt, bis zur Bürgermeister-App, mit der Bürger einen unbürokratischen Draht zu ihrem Stadtoberhaupt bekommen. Im Energiebereich gibt es Awattar (awattar.com), einen Stromanbieter, der den Stromverbrauch auf Wetter und Energieverhältnisse anpasst, um dem Kunden Geld zu sparen.

Im Mobilitätsbereich gibt es zum Beispiel Gleamproducts (gleamproducts.com) aus Wien, die E-Mobility- Lösungen für Logistik und Transport entwickeln. „Die Stadt ist oft maximal ein Erlaubender oder ein Einladender und kann für die Stadtplanung viel gewinnen, indem sie die Innovation an Start-ups auslagert“, sagt Giesswein. Große Infrastrukturprojekte, die oft als Public-private-Partnerships bekannt waren, seien heute Initiativen, die „durch die Zusammenarbeit zwischen Stadt und Start-ups einen Nutzen für die Bevölkerung haben.“

Weltweit machen Smart-City-Projekte derzeit Schlagzeilen. Barcelona liegt europaweit im Spitzenfeld mit E-Government-Lösungen, Parkplatzsensoren und Abfalleimern, die dem Müllwagen berichten, wann sie voll sind. Man könne einige Ideen auf unbegrenzt viele Städte anpassen, sagt Giesswein. Er warnt aber, dass Innovation allein noch keine Smart City macht. Die Bevölkerung muss daran teilnehmen. „Nachdem wir unsere Hausaufgaben gemacht haben, müssen wir noch stärker den Kontakt zur Bevölkerung suchen. Wenn man das online macht, heißt das Schlagwort E-Participation. Da stehen wir noch am Anfang.“

Internetfaule Österreicher. Im EU-Vergleich liegt Österreich im Digital-Agenda-Scoreboard im bescheidenen Mittelfeld und bei genauer Analyse sieht man, dass die Alpenrepublik in einem Punkt am weitesten hinten nach ist: „Use of Internet“. Zu wenig Menschen verwenden das Internet im Alltag.

Technologisch sei Österreich gut ausgerüstet, sagt Giesswein, aber das Thema sei noch nicht in den Herzen und Köpfen der breiten Bevölkerung angekommen. „Das hat uns sicherlich einen Platz im Spitzenfeld gekostet.“ Ursache dafür ist auch fehlendes Wissen: „In Wien wissen wir, dass wir tolles Trinkwasser haben, und wenn man den Wasserhahn aufdreht, kommt es heraus“, erklärt Giesswein. „Aber die wenigsten wissen, dass dahinter eine große IKT-Geschichte steht, von der Wasserqualität über die Beförderung bis hin zu Steuerung. Wir leben in einer digitalen Welt. Darum ist IKT aus der Stadtplanung nicht wegzudenken.“

Lösungen, die man verwenden kann. Digital City Wien bereitet sich momentan auf die Digital City Days (14. bis 19. September 2015) vor, in denen die Initiative in Wiener Schulen und vielen anderen Orten der Stadt zeigen will, wie wichtig IKT-Kompetenzen sind. Mit der Veranstaltung sollen mehr Menschen für die Nutzung der bestehenden digitalen Lösungen gewonnen, auf ihre Existenz überhaupt aufmerksam gemacht werden. Diese Lösungen, „müssen nur noch einfacher und für alle verwendbar werden“, sagt Giesswein. „Es ist nicht notwendig, Science-Fiction zur Realität zu machen.“

Agenda

Digital City Wien ist eine Initiative der Privatwirtschaft in Kooperation mit der Stadt Wien, mit der die Entwicklung von digitalen Lösungen für die Stadt vorangetrieben werden soll. digitalcity.wien

Die Digital Days 2015finden von 14. bis 19. September statt. Geplant sind etwa eine Semantic Web Conference in der WU und eine Cyber Security Challenge.

Steckbrief

Martin Giesswein
ist Autor, Lektor und Trainer und berät unter anderem Start-ups und generell zu Smart-City-Themen. Er war CEO bei Immobilien.net und General Manager bei Nokia Austria/Adriatics.

Bei Digital City Wien
ist er als ehrenamtlicher Mitarbeiter tätig. Privat

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2015)

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