Risikokapital: 160 Millionen pro Jahr für Wiener Start-ups

Eine Erhebung zeigt, dass mehr Risikokapital in Wiener Start-ups fließt als bisher angenommen. Gewinner dabei sind Start-ups im Life-Science-Bereich, die fast drei Viertel der Investitionen lukrierten.

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Gerhard Hirczi – APA

Die heimische Start-up-Szene ist gerade erst dabei, sich zu formieren. Zahlen, die die Entwicklung der Szene zeigen, sind aber nach wie vor Mangelware. Schon seit Längerem versuchen Institutionen in und um die Start-up-Szene diese Lücke zu schließen. Zuletzt etwa mit dem „Austrian Tech Exit Report 2015“, der sich mit Fusionen und Übernahmen in der Tech-Branche auseinandersetzte.

Die neueste Erhebung liefert nun die Wirtschaftsagentur Wien in Kooperation mit dem Institut für Höhere Studien und dem Start-up-Experten Thomas Funke. Die Wirtschaftsagentur hat gemeinsam mit Anwalt Philipp Kinsky 500 Wiener Start-ups kontaktiert und gefragt, wie viel Risikokapital sie in den vergangenen fünf Jahren erhalten haben. 211 antworteten, wobei 142 angaben, Privatkapital durch Business Angels, Crowdfunding, Venture-Capital-Mittel oder strategische Unternehmenspartnerschaften erhalten zu haben. Rund 800 Millionen Euro wurden in den vergangenen fünf Jahren in diese 142 Start-ups investiert. Macht einen Investitionsdurchschnitt von 160 Millionen pro Jahr.

Bisher nicht vorhanden. Gerhard Hirczi, Chef der Wirtschaftsagentur Wien, zeigt sich „positiv überrascht“ über das Ergebnis. Denn bisher wurde Wien in diversen Risikokapitalrankings gar nicht angeführt, oder die Zahlen wurden als sehr niedrig angegeben. Zuletzt etwa bei Ernst & Young, die in ihrer Risikokapitalstudie 2014 von 27 investierten Millionen Risikokapital pro Jahr in ganz Österreich sprachen. Da sind 160 Millionen pro Jahr freilich wie ein Ritterschlag. Und auch ein bisschen differenziert zu betrachten. Fast 70 Prozent der rund 800 investierten Millionen gingen nämlich in Life-Science-Start-ups, also jene Firmen, die in den Bereichen Biologie, Medizin, Molekularbiologie etc. agieren. Investitionen in diesem Bereich sind von jeher meist groß, weil Forschung teuer ist. Nicht umsonst lag der Investitionsdurchschnitt bei 4,2 Millionen Euro pro Start-up in dieser Sparte.

Die Life-Science-Start-ups sind aber nicht jene Start-ups, die das Bild von der jungen, innovativen, rasant wachsenden Start-up-Szene prägen, wie man sie aus dem Silicon Valley kennt. Facebook, Google oder Dell gehören zur Kategorie Informationstechnologie. Dieser Bereich liegt in Wien mit rund 191 investierten Millionen in fünf Jahren – wenn auch auf Platz zwei – weit abgeschlagen hinter den Life-Science-Investments. 500.000 Euro bekamen die einzelnen IT-Start-ups im Schnitt an Risikokapital.

Wobei Anwalt Philipp Kinsky, der selbst sein Geld in vier Unternehmen investiert hat, von einer Dunkelziffer spricht. Er glaubt, dass insgesamt doppelt so viel Risikokapital, nämlich pro Jahr 320 Millionen Euro, in Wiener Start-ups geflossen sind. Viele Firmen dürften allerdings aus vertraglichen Gründen nicht über ihr Investment sprechen. Diese Tatsache erklärt laut Hirczi auch, warum es eine so große Diskrepanz zwischen den von der Wirtschaftsagentur erhobenen Zahlen und jenen von internationalen Organisationen wie Ernst & Young gibt.

Bei jenen Firmen, die über ihre Investments sprechen dürfen, ist die Tendenz aber klar. In 51 Prozent der Start-ups investierte jeweils ein Investor, 49 Prozent erhielten eine Investition von zwei oder mehr Investoren. Wobei ein Großteil des investierten Risikokapitals von inländischen Kapitalgebern stamme, sagt Kinsky. Wird allerdings mehr als eine Million Euro investiert, fügt er hinzu, dann seien die Investoren überwiegend aus dem Ausland. Denn es fehlt in Österreich vor allem an der Anschubfinanzierung. Im Investitionsbereich zwischen einer und zehn Millionen Euro gebe es eine „große Lücke“, so Kinsky.

Gegenbewegungen dazu gibt es aber bereits. Unlängst hat der österreischische Risikokapitalfonds Speedinvest bekannt gegeben, Investitionen in Millionenhöhe tätigen zu wollen. Auch der Venture Capital Fonds Venionaire will eine bis fünf Millionen Euro in einzelne Start-ups investieren. Denn die heimische Risikokapital-Szene ist nach wie vor überschaubar. Die Zahl der Super Angels, also jener Business Angels, die das Investieren in Start-ups hauptberuflich betreiben, liege in Wien derzeit bei 15, schätzt Kinsky. Insgesamt gibt es demnach in Wien 200 bis 250 Investoren.

Lieber innerstädtisch. Die Start-ups selbst sind auf wenige Bezirke verteilt. Abgesehen vom Ausreißer 15. Bezirk waren die befragten Start-ups de facto ausschließlich in den Bezirken eins bis sieben beheimatet. „Start-ups suchen das Innerstädtische. Sie wollen eher nicht in Stadtentwicklungsgebiete wie die Seestadt Aspern“, sagt dazu Hirczi. Weswegen man sich dort mittlerweile auf Fertigungsbetriebe fokussiert.

Anders sieht Hirczi den Fall in Neu Marx, im dritten Bezirk. Das Stadtentwicklungsgebiet soll abgesehen vom bereits vorhandenen Media-Start-up-Cluster und dem Vienna Bio Center noch weiter für Start-ups ausgebaut werden. Neu Marx sei öffentlich sehr gut angebunden, argumentiert Hirczi. Außerdem werde im September das universitäre Gründerservice Inits nach Neu Marx ziehen. Das solle auch andere Start-ups anziehen.

Studie

Rund 800 MillionenEuro an privatem Risikokapital flossen in den vergangenen fünf Jahren in Wiener Start-ups, ergab eine aktuelle Erhebung der Wirtschaftsagentur Wien.

Exits wurden in die Studie nicht einbezogen, ebenso keine Lizenzdeals.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2015)

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