Gegossen, um zu bleiben

In Wolfgang Drabs Geschäft Alt Wiener Gusswaren ist Nostalgie der kultivierte Dauerzustand. Von einem Ort, an dem Jugendstil und Patina regieren.

In Wolfgang Drabs Schauraum liegen die Laternen, Kandelaber, Zäune und Brunnen Wiens im Dornröschenschlaf.
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In Wolfgang Drabs Schauraum liegen die Laternen, Kandelaber, Zäune und Brunnen Wiens im Dornröschenschlaf.
In Wolfgang Drabs Schauraum liegen die Laternen, Kandelaber, Zäune und Brunnen Wiens im Dornröschenschlaf. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

An das erste Treffen mit Friedensreich Hundertwasser erinnert sich Wolfgang Drab genau. Mit einem roten und einem blauen Socken an den Füßen sei der Künstler und Architekt vor ihm gesessen und habe ihm seine Vorstellungen für das in Planung befindliche Kunsthaus an der Wiener Weißgerberlände auseinandergesetzt. 1990 eröffnete Drab seinen Alt-Wiener Gusswarenhandel. Das 1991 fertiggestellte Hundertwasserhaus sollte sein erster Großauftrag werden.

Wenn man einmal in Drabs Ausstellungsräumen am Wiener Rennweg war, geht man danach mit anderen Augen durch die Wiener Innenstadt. Von den traditionellen Laternenmasten vor dem Albertina-Museum über die Kanaldeckel und Parkbänke der Stadt hin zu den verzierten gusseisernen Gartenzäunen vieler Ringstraßenhotels – müsste man wetten, könnte man Ahnungslosen gegenüber leicht hohe Summen auf die Herkunft der verschnörkelten Umgebung setzen. Wenig verwunderlich, denn schließlich gibt es für Drabs Kundschaft, die ihre Ziergitter im Jungendstil-Stiegenhaus oder die altehrwürdig angegraute Bassena erneuern lassen will, keine große Auswahlmöglichkeit in Österreich.

Genau dieselbe Erfahrung machte der heute 55-jährige Unternehmensgründer selbst Ende der Achtzigerjahre. Nirgends war ein Händler zu finden, der ihm das gewünschte Gegossene für den Privatgebrauch liefern konnte. Selbst aus dem Eisenwarengroßhandel stammend, mit einem Familienstammbaum, in dem ein Gießer in einer Lokomotivfabrik genauso wie ein Rigaer Goldschmied vertreten ist, machte er sich daran, Ausschau nach den letzten Kunstgießern Europas zu halten.


Brieffreundschaften.
An jede einzelne der ihm damals von den Botschaften vermittelten Werkstattadressen schrieb er einen Brief, schlug eine Zusammenarbeit vor. Von vielen erhielt er nie eine Antwort. Die zehn Gießereien, die damals reagierten, beschäftigt er heute, 26 Jahre später, immer noch. Warum er zehn verschiedene Partnerfirmen verstreut über halb Europa brauche? Erstens gebe es überschaubar wenige, die nicht im großen Maßstab Industrieguss für die Automobilindustrie, sondern Kunsthandwerk betreiben würden. Zweitens sei jede auf andere Detailarbeiten spezialisiert, viele dazu so klein, dass ihre Produktionsgrenzen schnell erreicht sind. Und Drabs Auftragslage entwickelte sich gut über die Jahrzehnte. Alle Anfragen könnte sein Gießer nahe dem niederösterreichischen Ort Neunkirchen gar nicht mehr allein bewerkstelligen. „Das ist eine Marktnische – wenn man einmal eine gute Referenz hat, wird man gesucht“, resümiert Drab. Mittlerweile hat er sich auf dem Gebiet des Zier- und Kunstgusses eine gewisse Reputation aufgebaut. Immer wenn ihm Kunden Originale brachten, ob es Stiegengeländer, Lampen, Tafeln, Armaturen oder Laternen waren, nahm er sie in sein Repertoire auf. Wenn in dem aussterbenden Gießergewerbe wieder ein Betrieb zusperrte, kaufte er seine Modelle auf. So kann sein Alt-Wiener Gusswarenhandel heute allein mit 400 verschiedenen Stiegengittern aufwarten.

Was aber, wenn der Kunde nichts aus dem Hauskatalog in Bibelstärke haben will? Oft, erzählt Wolfgang Drab aus Erfahrung, bringt der Auftraggeber eigene Zeichnungen, Fotos oder Modelle mit. Wie etwa kürzlich eine Familie, die zum Geburtstag des Großvaters ihr Wappen auf einen roten Kanaldeckel bannen und sich das Geschenk 3000 Euro kosten ließ. Die MA48 der Stadt Wien wiederum gab bei Drab ihr Müllmonstermaskottchen vor einiger Zeit in limitierter Auflage als Briefbeschwerer in Auftrag. Auch gebe es Fans der k.u.k. Monarchie, die immer wieder gegossene Doppeladler in Auftrag geben.

„Bei Einzelanfertigungen arbeitet man immer im Graubereich“, weiß Drab. Einerseits müsse man jedes Mal nachprüfen, ob man mit der Anfertigung nicht möglicherweise in die Urheberrechte Dritter eingreift. Andererseits stünden die Vorstellungen seiner Kunden oft im Widerspruch zu gesetzlichen Normen und Auflagen. Vor Kurzem gab ein Nachfahre polnischer Adeliger bei ihm etwa einen Stiegenaufgang für das vom Staat restituierte Familienschloss in Polen in Auftrag – Drab nahm an, schon aus Liebe zu dem Projekt. Jedoch nur mit einer Klausel im Vertrag, die alle Haftungsfragen klärte.

Falls die Idee noch nicht zu Papier gebracht ist, gibt sie der 55-Jährige an einen der Zeichner weiter, die frei für ihn arbeiten. Danach wird von Hand ein Holz- oder Kunststoffmodell gefertigt, anhand dessen wiederum die Gussform aus Quarzsand hergestellt wird.


Die „verlorene Form“.
Die von Drab beschäftigte Gießerei nahe Neunkirchen arbeitet noch mit dem traditionellen Sandgussverfahren. Dabei werden die zwei angefertigten Modellhälften in Formkästen mit feinkörnigem Quarzsand umschlossen, der händisch immer fester geklopft wird. In die so entstandenen Abdrücke wird anschließend nach Entfernung der Modelle das jeweils gewünschte und passende Metall – Aluminium, Bronze, Messing oder eben Gusseisen – eingefüllt. Nach jedem Guss muss die einmal entstandene Sandform zerschlagen werden. Daher spricht man auch von der „verlorenen Form“. Für die Säuberung und den Schliff kommen die Stücke anschließend in Drabs Werkstatt in Simmering – danach zu einem seiner zwei Kunstlackierer. Rechnet man alle Schritte zusammen – vom Künstler, Modellbauer, Gießer, Lackierer bis hin zu Drabs Handelsgeschäft – kommen so leicht fünf verschiedene Gewerbe zusammen, die an einem Guss mitarbeiten. „Das alles ist sehr zeitaufwendig, das Material spielt dabei gar nicht so die Rolle, das Teure ist die Arbeitszeit.“

Die Arbeit lässt Drab auch außerhalb seiner Geschäftsöffnungszeiten nicht vollends los. Nach Urlauben finden sich meist mehr Fotos von besonders schönen Laternenexemplaren als von der Familie auf der Kamera. Auch Freunde und Verwandte machen sich mittlerweile einen Sport daraus, Urlaubsgrüße in Form von Laternenschnappschüssen zu senden. Drabs Sammlung an Stiegengittern mag groß sein. Die abgelichteten Laternen haben sie aber längst geschlagen.

Kurz gefasst

Bassena und Co. kann man in Wolfgang Drabs Schauraum am Rennweg 49 in Wien-Landstraße besichtigen.

Die in Auftrag gegebenen Stücke werden in einer Kunstgießerei nahe Neunkirchen sowie in neun weiteren Werkstätten, die sich über halb Europa verteilen, hergestellt.

http://www.drab.at/

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2016)

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