Auch die digitale Fabrik braucht viele Menschen

Die Politik hat Angst vor leeren Fabriken. Doch Industrie 4.0 heißt nicht unbedingt, dass Jobs verloren gehen, zeigt der Maschinenbauer Maplan.

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Erich Hussmann

Kottingbrunn. Oft sind es die kleinen Revolutionen, die sich wirklich einprägen: „Diese Firma hat vor Jahrzehnten als eine der ersten Toiletten für Arbeiterinnen einbauen lassen, damit auch Frauen wie ich in der Produktion anfangen konnten“, erinnert sich eine Mitarbeiterin des niederösterreichischen Maschinenbauers Maplan. Seither fertigt sie hier Industriemaschinen, mit denen später Kunden wie Semperit oder L'Oreal Gummiteile erzeugen können. Traut man der politischen Debatte im Land, wird es Jobs wie ihren nicht mehr lang geben. Die Digitalisierung der Fabriken, zusammengefasst unter dem Schlagwort Industrie 4.0, werde zu gewaltigen Arbeitsplatzverlusten führen, fürchtet vor allem die sozialdemokratische Kanzlerpartei Christian Kerns.

Aber ist diese Sorge auch berechtigt? Wie sieht der Alltag in einem Unternehmen aus, das den Schritt bereits hinter sich hat? Der Familienbetrieb Maplan hat etwa genau das getan, wovor manche in Angst um Arbeitsplätze warnen: Das Unternehmen hat sein altes Werk in Ternitz aufgegeben und eine neue „voll digitalisierte“ Fabrik in Kottingbrunn errichtet.

Mit einer Exportquote von 99 Prozent ist der Mittelständler hierzulande nur wenigen bekannt. Dabei sorgen Gummiteile aus Maplan-Maschinen dafür, dass Wimperntusche nicht ausläuft und Züge und Autos sanft über Schienen und Straßen gleiten.

Doch Maplan war die längste Zeit der kleine Bruder der Starlinger-Gruppe, taumelte damals meist um die Nulllinie herum, erklärt Ingrid Soulier, die den Betrieb 2012 durch eine innerfamiliäre Umstrukturierung mit ihrem Ehemann Philippe übernommen hat. „Jeder Auftrag war ein Lottospiel“, erinnert sich der gebürtige Franzose. „Man hat nie gewusst, ob er Gewinn oder Verlust bringt.“ Die deutsche und asiatische Konkurrenz setzte dem Unternehmen zudem stark zu. Die Eigentümer mussten reagieren und wagten den Neustart: Neues Management, neue Fabrik, neuer Standort. Seit September läuft die „Produktion 4.0“ in Kottingbrunn.

 

Ein Drittel schneller arbeiten

Wer sich hier menschenleere Hallen voller Roboter erwartet hat, wird enttäuscht. An jeder Ecke sind Arbeiter damit beschäftigt, Maschinen zusammenzubauen. Im Hintergrund ist jedoch „alles anders“, erklärt Geschäftsführer Wolfgang Meyer. Während früher quasi jede Schraube händisch aus dem Lager geholt werden musste, sind die meisten vorbereitenden Handgriffe heute automatisiert. Ingenieure planen die Maschinen zwar noch am Computer, aber dann greift schon das Programm ein: Es bestellt die notwendigen Teile, erstellt ein interaktives 3-D-Modell als Bauplan und liefert alle Teile im richtigen Moment an den Arbeitsplatz. Das erspart Zeit und Fehler. Jede Maschine durchläuft etliche Stationen. An jeder weiß sie genau, wie viele Menschen gerade notwendig sind, um die hier vorgesehenen Schritte auszuführen, und plant auch gleich deren Dienstpläne entsprechend.

Derartige Taktfertigungen sind bei Produzenten von Massenware nichts Neues. Bei Unternehmen wie Maplan, wo jede erzeugte Maschine ein Unikat ist, allerdings schon. Die Sorgen der Maplan-Arbeiter, nur noch am Fließband zu stehen, waren groß, räumt Eigentümer Philippe Soulier ein. Letztlich sind 90 Prozent dennoch mitgegangen. „Ich bin stolz, dass wir wegen der Digitalisierung keinen einzigen Mitarbeiter entlassen mussten.“ Möglich sei das nur, weil Maplan heute, dank digitaler Unterstützung, ein Drittel schneller arbeite – und ausreichend Kunden da sind, um diese gewonnenen Kapazitäten auch zu nutzen.

 

„Weltfremde Regulierungen“

Für die Souliers hat sich die zwölf Millionen Euro schwere Investition in jedem Fall gelohnt. Schon im Vorjahr sprang der Umsatz auf 45 Millionen Euro. Und das Potenzial, die Fertigung etwa mit Roboterarmen weiter zu beschleunigen, sei groß, schwärmen sie. Über die Pläne der SPÖ, Unternehmen dafür mit einer „Maschinensteuer“ zu belegen, will Firmenchef Wolfgang Meyer „nicht einmal nachdenken“. Schon heute machten es „weltfremde Regulierungen“ Unternehmern schwer genug, in Österreich zu bleiben und Mitarbeiter etwa dann zu beschäftigen, wenn es auch etwas zu tun gebe.

Die Souliers würden dennoch wieder in Österreich investieren, bekräftigen sie. Österreich sei erstens immer noch ihre Heimat – und zweitens ein gutes Verkaufsargument. Der Schriftzug „Made in Austria“ bürge nach wie vor für Qualität und öffne überall auf der Welt Türen. „Würden wir ab morgen in Rumänien produzieren“, so Soulier, „dann wären ein paar Kunden schnell weg.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2016)

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