XXL-Bürokratie belastet Modehandel

Studie. Der Onlinehandel setzt den überwiegend kleinstrukturierten Boutiquen und Shops zu. Der Modehandel fordert eine Entlastung von „überbordenden“ Vorschriften.

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Modegeschäfte unter Druck – (c) imago/Westend61 (imago stock&people)

Wien. Die 3700 heimischen Bekleidungshändler haben 2015 einen Umsatz von 5,2 Milliarden Euro erwirtschaftet. Drei Viertel der Unternehmen betreiben nur einen Standort, nur 25 Betriebe haben mehr als 250 Mitarbeiter. So heterogen die Branche strukturiert ist, so einig zeigt sie sich bei der Einschätzung der bürokratischen Hürden für die Unternehmen.

Jedes zweite Modegeschäft kämpft mit Umsatzeinbußen. Schuld daran ist der Onlinehandel. Dieser hat nämlich auch mit viel weniger Bürokratie zu kämpfen. Jutta Pemsel, Chefin des Handelsgremiuns für Mode und Freizeitartikel in der Wirtschaftskammer, spricht von einer „überbordenden bürokratischen Belastung“.

Auf die Unternehmen kommen zahlreiche Aufgaben im Arbeitnehmerschutz zu, die wenig mit ihrem eigentlichen Geschäft zu tun haben. Je nach Unternehmensgröße müssen sogenannte Beauftragte abgestellt werden. Informationspflichten und unübersichtliche Arbeitnehmerschutzregelungen machen das Leben der Händler zusätzlich schwer. Um die „demotivierende“ Stimmung in den Betrieben in Zahlen zu fassen, hat die Wirtschaftskammer gemeinsam mit der KMU-Forschung eine Befragung durchgeführt.

„Die Ergebnisse haben überrascht, vor allem die Bürokratiekosten“, sagt Pemsel. Kleinere Unternehmen müssen der Studie zufolge vier Prozent ihres Umsatzes der Bürokratie opfern. Mit anderen Worten: Die Bürokratie frisst den doppelten Werbeetat. Im Schnitt geben Modehändler etwa zwei Prozent der Erlöse für Werbung aus.

1000 Euro für Bürokratie

„Und das in einer Branche, in der die Werbung eine wesentliche Rolle spielt“, sagt Pemsel. Bei kleineren Unternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern müssten monatlich über 1000 Euro für die Bürokratie eingeplant werden. Größere Filialunternehmen sind spezialisierter und haben deshalb einen Produktivitätsvorteil. Auch verteilten sich Kosten, wie die eines Arbeitsmediziners, auf mehrere Standorte, sagt Roland Steyer, Geschäftsführer von Ernsting's Family, zur „Presse“.

Bürokratische Aufgaben binden in den Unternehmen durchschnittlich 0,7 Mitarbeiter, sagt Studienautor Peter Voithofer von der KMU-Forschung Austria. Monatlich durchschnittlich 76 Stunden müssen Unternehmen für Informationspflichten und für die Erfüllung der Gesetze bereitstellen. Interessanterweise kosten die Kontrollen durch das Arbeitsinspektorat die kleineren Betrieben mehr Zeit als größere Unternehmen. Die 3700 heimischenBekleidungsunternehmen verbuchen jährlich etwa 50 Millionen Euro an „Bürokratiekosten“. Auch, weil die Komplexität der Regelungen zugenommen hat. Allein auf dem Gebiet des Arbeitsrechts gab es seit dem Jahr 2005 über 70 zentrale Änderungen.

Um sich künftig wieder stärker auf das Kerngeschäft konzentrieren zu können und weniger Energie für die Bürokratie einsetzen zu müssen, schlägt die Wirtschaftskammer vor, Melde- und Dokumentationspflichten zu reduzieren. Auch soll der Fokus der Behörden mehr auf Beratung als auf Bestrafung liegen.

Oben auf der Wunschliste des Handels steht aber die Abschaffung des Kumulationsprinzips, sodass kleine Vergehen nicht mehr nach Anlassfall und Mitarbeiter bestraft werden. Auch die Flexibilisierung der Arbeitszeit würde für den Modehandel mehr Chancengleichheit bedeuten.(herbas)


[NFVSI]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2017)

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