OECD: Österreich hinkt digital nach

Die OECD lobt die wirtschaftliche Lage im Land, aber bei der digitalen Revolution droht Österreich zurückzufallen. Außerdem fehle es weiter an Fachkräften – trotz starker Zuwanderung.

Besucher betrachten einen Roboter der Firma ABB auf der CUBE Tech Fair am 11 05 2017 in Berlin Die
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Themenbild: Digitalisierung/ Roboter – (c) imago/Tom Maelsa

Wien. Digitalisierung. Es ist wahrlich kein schönes Wort. Und es ist kein wirklich neuer Trend. Aber zwei Jahrzehnte nachdem Computer in den Häusern und Wohnungen aufgetaucht sind, ist aus der neuen Technologie eine industrielle Revolution entstanden. Spätestens jetzt ist das Thema auch bei den Ökonomen und Politikern angekommen. „Programmieren ist heute die vierte Kulturtechnik, die man als Menschenkind erlernen muss“, sagte Infrastrukturminister Jörg Leichtfried (SPÖ) am Montag in Wien.

Der Anlass: Die OECD hat ihren neuesten Länderbericht für Österreich vorgelegt. Fazit: Das Land steht nicht schlecht da, die Wirtschaft kommt in Schwung, und auch bei der Digitalisierung tut sich etwas. Aber noch zu wenig. „Die Anpassung an die globale digitale Revolution verlief in Österreich langsamer als in den am meisten fortgeschrittenen OECD-Ländern“, so die OECD-Experten.

Der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gehören 35 Industrienationen und aufstrebende Schwellenländer an. Ziel der Organisation ist es, Regierungen ein Forum zur Zusammenarbeit zu bieten und Lösungen für gemeinsame Probleme zu finden. Zwar sei Österreich in einigen Bereichen der Digitalisierung sogar führend. Aber insgesamt schreite das Thema hierzulande wesentlich langsamer voran als etwa in Finnland, Schweden, den Niederlanden oder Dänemark.

 

Digitale Kluft

„Vor allem fehlen den österreichischen Firmen die gut qualifizierten Fachkräfte“, sagte die stellvertretende OECD-Generalsekretärin Mari Kiviniemi. Es ist dieselbe Botschaft, die auch heimische Ökonomen haben: Die starke Zuwanderung aus Afrika, dem Nahen Osten und Osteuropa bringe zwar Arbeitskräfte ins Land – aber eben kaum die dringend benötigten Fachkräfte. Das Ergebnis: Die Arbeitslosigkeit sinkt bei Weitem nicht so stark, wie man es in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs erwarten sollte. Gleichzeitig verliert Österreich gegenüber Ländern mit einer zielgerichteten Einwanderungspolitik.

Das sieht man eben auch bei der Digitalisierung – wobei freilich nicht nur Ausländer von der digitalen Kluft betroffen sind, sondern alle eher schlecht Qualifizierten. Laut OECD verfügen nur 6,66 Prozent der Niedrigqualifizierten in Österreich über „fortgeschrittene Digitalkenntnisse“. Im OECD-Schnitt sind es 6,95 Prozent. Bei den Hochqualifizierten sind es rund 50 Prozent. Das liegt zwar knapp über dem Schnitt, aber deutlich hinter Ländern wie Schweden und den Niederlanden, die mit Werten über 60 Prozent aufwarten können.

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(C) DiePresse

Auch die zweite Botschaft der OECD kennt die Regierung eigentlich längst: Das Pensionsantrittsalter müsse für Frauen und Männer angehoben werden, um das Pensionssystem zu stabilisieren. Gleichzeitig brauche es Maßnahmen, um auch ältere Menschen und Migranten an die Digitalisierung heranzuführen, sagte Mari Kiviniemi.

 

Reformen braucht das Land

Die OECD hebt in ihrem 144-Seiten-Länderbericht die stabile und wohlhabende Wirtschaft Österreichs hervor. Die Regierung müsse die konjunkturell guten Zeiten aber für die Umsetzung von Reformen nützen. Vor allem beim Gesundheits- und Pflegesystem, in der öffentlichen Verwaltung und im Bildungssektor sieht die OECD Reformbedarf.

Und zumindest bei Letzterem, dem Bildungssektor, stimmt auch der Infrastrukturminister zu. Denn die Digitalisierung müsse auch im Klassenzimmer ankommen, so Leichtfried. „Was früher Bleistifte und Zirkel waren, das sind heute die Tablets und Laptops“, so der Minister. Auch die für Digitalagenden zuständige Staatssekretärin Muna Duzdar (SPÖ) will den Unterricht umkrempeln. „Kinder müssen heutzutage Coding lernen“, sagte Duzdar, „die digitale Bildung muss Teil des Unterrichts sein.“ Die OECD lobte in ihrem Bericht die Bemühungen der Staatssekretärin, die Anstrengungen der Regierung in einer „Digital Roadmap“ zu bündeln. Was aber fehle, seien klare Vorgaben, wie der Fortschritt zu messen sei.

Duzdar kündigte deshalb am Montag an, einen jährlichen „Digitalgipfel“ veranstalten zu wollen, bei dem die Fortschritte auf der Roadmap bewertet werden sollen. „Wir fürchten uns nicht vor der Digitalisierung“, so Duzdar. Den digitalen Nachholbedarf der KMU will die Regierung durch 20 Mio. Euro an Förderungen aus der Breitbandmilliarde lindern. Noch im Sommer soll eine Strategie präsentiert werden, wie der nächste Mobilfunkstandard (5G) in Österreich besonders schnell etabliert werden kann. Die OECD fordert zudem konkrete Maßnahmen für einen effektiveren Datenschutz und die Cybersicherheit. (jil)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2017)

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