Bio-Boom gestoppt: Konsumlust bremst sich ein

17.02.2012 | 15:16 |   (DiePresse.com)

Erstmals seit Jahren geht der Umsatz von Bio-Frischwaren wieder zurück. Auf das Buch "Bio-Schmäh" reagiert die Branche nervös.

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Der Bio-Boom in Österreich scheint vorerst gestoppt. Nach Jahren mit deutlichen Zuwachsraten ging der Umsatz von Bio-Frischwaren (exklusive Brot) 2011 im heimischen Lebensmitteleinzelhandel um 0,6 Prozent auf 304,4 Millionen Euro zurück. Das sind 6,4 Prozent der gesamten Frischwarenausgaben in der Höhe von 4,7 Milliarden Euro.

Die Bio-Konsumlaune sei von der heimischen Spardiskussion und der Wirtschaftskrise in der EU gedämpft worden, erklärte Stephan Mikinovic, Geschäftsführer der AMA-Marketing, bei der weltgrößten Biofachmesse in Nürnberg.

"Bio-Schmäh" macht die Branche nervös

Sichtlich nervös macht die heimischen Biobauern das kürzlich veröffentlichte Sachbuch "Der große Bio-Schmäh" des Wiener Agrarbiologen Clemens G. Arvay. Er kritisiert darin vor allem die Bio-Eigenmarken der großen heimischen Supermarktketten und die damit verbundenen Produktionsmethoden. Auch die Werbung der Lebensmittelhändler für Bioprodukte wird aufs Korn genommen. Die Organisation der heimischen Biobauern, Bio Austria, sah sich daher gestern genötigt, eine vierseitige Stellungnahme zu veröffentlichen.

"Oberflächliche Bewertungen der landwirtschaftlichen Praxis wie 'klein ist gut' und 'groß ist schlecht' und 'früher war besser' dienen weder einer fundierten sachlichen Diskussion noch schaffen sie Aufklärung bei den KonsumentInnen", betonten die Biobauern. "Alles, was stimmt in dem Buch, müssen wir ändern", sagte hingegen "Toni's Freilandeier"-Chef Toni Hubmann. Eine Pauschalkritik an den Lebensmittelhändlern lässt Hubmann aber nicht gelten: Der Lebensmittelhandel mache "im Bereich Bio eine gute Arbeit".

Von Bio-Austria-Obmann Rudi Vierbauch gab es Lob für die Supermarktketten: Die Werbung komme auch den Biobauern zugute, betonte er. Man müsste sich "dem System aussetzen", aber darauf "achten, dass die Biobauern nicht zu kurz kommen". Auch der Bereich Direktvermarktung sei weiterhin zentral, um unabhängiger vom Handel zu sein.

Bio-Getreidebauern schwer getroffen

In den vergangenen Jahren ist die Biobranche außerdem von der Insolvenz der Österreichischen Agentur für Bio Getreide und der Nachfolgeorganisation BQG erschüttert worden, an denen die Bio Austria-Landesverbände Niederösterreich-Wien und Burgenland beteiligt waren. Viele Bio-Getreidebauern mussten auf zum Teil hohe Summe verzichten. Daraufhin startete die Raiffeisen Ware Austria im vergangenen Jahr mit der Biogetreide Austria (BGA) eine eigene Vermarktungsschiene.

Gestern wurde bekannt, dass sich Bio Austria-Bundesverbandsgeschäftsführer Christoph Gleirscher nach sechs Jahren überraschend aus seinem Amt zurückzieht und Mitte April zum Hilfswerk wechselt. "Mit dem Thema Biogetreide hat dies gar nichts zu tun", sagte Gleirscher zur APA. Er wechsle aus "beruflichen und privaten Gründen" den Arbeitgeber. Beim Biogetreide sei "es leider gelaufen wie es ist", auch gegen den Widerstand von Bio Austria.

Sonnentor hält sich von Supermärkten fern

Eine besondere Erfolgsgeschichte konnte der Bio-Teehersteller Sonnentor in den vergangenen Jahren schreiben. Die Kräuterhandelsgesellschaft steigerte zwischen 2005/06 und 2011/12 den Umsatz von 9,4 Millionen Euro auf 25 Millionen Euro. Rund 75 Prozent der hergestellten Tees und Gewürze werden exportiert, erklärte Johannes Gutmann in Nürnberg. Sonnentor liefert lieber an den Fachhandel und Franchise-Partner, als sich auf Supermarkt- und Drogerieketten einzulassen. Dort werde nach dem Motto "heute geliebt, morgen gedrückt und übermorgen ausgelistet" mit Lieferanten verfahren, kritisiert Gutmann.

In Österreich bauen rund 150 Bauern für Sonnentor Kräuter an und damit kann das Unternehmen rund 60 Prozent seiner Rohstoffe aus dem Inland zu beziehen. Sonnentor will in den kommenden Jahren aber nicht zu schnell wachsen, um "nicht in die industrialisierte Richtung abzugleiten".

"Bio vom Berg" profitiert von Supermärkten

Für "Bio vom Berg" hat sich die enge Zusammenarbeit mit einer Supermarktkette ausgezahlt. Die von Tiroler Bauern im November 2002 geschaffene Eigenmarke steigerte den Umsatz von 700.000 Euro auf heute rund fünf Millionen Euro. Die Tiroler Supermarktkette M-Preis führt die Bioprodukte seit dem Start im Sortiment. Verkauft werden vor allem Käse, Eier, Brot und Gemüse.

Der Fruchtsafthersteller Höllinger hat hingegen von konventioneller Produktion zu Bio gefunden. Wegen der Konkurrenz der Bio-Eigenmarken der heimischen Supermarktketten tue man sich aber "als Biomarke sehr schwer", berichtet Eigentümer Gerhard Höllinger. Deswegen habe er ins Ausland ausweichen müssen und exportiere bereits rund 30 Prozent der Produktion. Große heimische Safthersteller wie Rauch, Pfanner und Pago würden nicht auf Bio setzen, weil es für große Volumen "zu wenig Bio-Obst" gebe.

22.000 Biobauern in Österreich

Derzeit gibt es in Österreich rund 22.000 Biobauern, das sind 16,2 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe. In den vergangenen 10 Jahren ist die Anzahl der Biobetriebe nicht stark gestiegen, die biologisch bewirtschaftete Fläche hat sich aber stark ausgeweitet und liegt bei 19,5 Prozent.

Österreich ist damit weltweit Spitzenreiter, nur die Falkland-Inseln haben mit 35,9 Prozent und Liechtenstein mit 27,3 Prozent einen höheren Bio-Flächenanteil. Salzburg hat laut Grünem Bericht 2011 den höchsten Öko-Flächenanteil mit 43,4 Prozent, gefolgt von Tirol mit 21 Prozent.

Hoher Bioanteil bei Eiern, Erdäpfeln und Milch

Vor allem die Einführung der Bio-Eigenmarke "Zurück zum Ursprung" von Hofer im Jahr 2010 hat die heimischen Bio-Umsätze gepusht. Seit 2007 sind die Bio-Frischwarenumsätze im Handel um 29 Prozent gestiegen. Der höchste Bio-Anteil wird bei Eiern mit rund 18 Prozent verzeichnet, Erdäpfel und Milch liegen knapp dahinter. Bei Joghurt, Butter, Obst und Gemüse liegt der Anteil bei rund zehn Prozent, bei Käse bei rund sieben Prozent. Wegen dem deutlichen Preisunterschied ist der Anteil bei Fleisch und Wurst nur bei vier bzw. knapp zwei Prozent.

Der globale Bio-Markt im Jahr 2010 wurde von dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FIBL) auf 59,1 Milliarden US-Dollar (49,0 Mrd. Euro) geschätzt, davon 28 Milliarden US-Dollar in Europa.

Die größten Bio-Märkte sind die USA (20,2 Mrd. Dollar), Deutschland (6 Mrd. Dollar), Frankreich (3,4 Mrd. Dollar) und Großbritannien (2 Mrd. Dollar). Österreich folgt auf Rang neun mit einem Marktvolumen von 986 Millionen Dollar.

(APA)

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22 Kommentare
Gast: Bauernweisheit
19.02.2012 12:58
0 0

Wo Bio draufsteht ist nicht immer Öko drin.


Gast: arancia
18.02.2012 16:32
0 0

Statt zu recherchieren und objektiv zu informieren schüren Journalisten auch Zeitungsenten und Hypes!

http://www.umweltbundesamt.at/umweltsituation/landwirtschaft/biolandbau/

Gast: arancia
18.02.2012 16:24
0 0

Bio Schmäh Fanatiker - stehen auf Giftcocktail!

Greifen doch die erstbeste Negativ-Meldung auf und rechtfertigen sich selbst, dass sie minderwertige Nahrung (die mit Giftstoffen belastet ist) kaufen... So wie Raucher, die sich rechtfertigen, dass sie rauchen...
Es wird immer wieder Schwarze Schafe überall geben - man denke nur an das Glykol im Weinskandal - und das war kein Bio-Wein... od. tödliches Olivenöl in Spanien... das war auch kein Bio-Öl! Leute sterben beim Anbau in konventionellen Plantagen vor lauter Gift - da sollen die Früchte noch gesund sein? Ausschauen tun sie ja schön, die konventioniellen Früchte... Österreichischer Bio-Ware vertraue ich sehr wohl. Man schmeckt auch einen Unterschied zu konventioniell, man sieht auch einen Unterschied in den Zellgrößen, Bio-Milch enthält mehr Vitamine u. Omega 3 Fettsäuren. Es gibt sehr wohl unabhängige Studien, die Beweisen, dass in Bioprodukten mehr Vitamine, mehr sekundäre Pflanzenstoffe und mehr Zucker drinnen ist. Was natürlich bei uns im Winter im Glashaus gezogen werden muss (weil im Winter bei uns halt nichts wächst) schmeckt natürlich auch nicht viel anders als anderes Glashaus Zeugs... ist irgendwie logisch! Ich bin für Gift freie, die Umwelt nicht verseuchende, Gentechnik-freie möglichst nah produzierte Produkte! Ich möchte meinen Kindern diese Erde erhalten! Das bin ich ihnen schuldig! Dafür zahle ich lieber etwas mehr..

http://www.global2000.at/site/de/magazin/international/ananascostarica/

Geiz ist geil - solange die anderen sterben!

Re: Bio Schmäh Fanatiker - stehen auf Giftcocktail!

>... mehr Zucker drin ist...

Und ist das gut so?

Bio ist primär ein Marketing-Schmäh

Bio in der jetzigen Form ist höchstens ein Marketing-Schmäh.
Ich selbst habe auch schon Bio-Lebensmittel gekauft, diese schmecken(ist natürlich subjektiv) nicht besser und ob sie gesünder sind, ist auch nicht eindeutig erwiesen.
Teurer sind sie, das ist auch schon alles, daher sind sie ein gutes Geschäft für den Handel.
"Bio" ist einfach so etwas wie eine Marke geworden in den letzten Jahren.

Antworten Gast: arancia
18.02.2012 16:34
1 0

Das ist nun wirklich Blödsinn!

Denn die Leute, die sich durchgesetzt haben und ihren Betrieb umgestellt haben auf Bio, die haben einiges aushalten müssen. In den ersten 3 Jahren darf man nicht unter Bio verkaufen und darf dennoch keine chemischen Dünger etc. einsetzen damit der Boden den Bio-Voraussetzungen entsprechen kann. Sie sprechen ehrlichen Leuten verantwortungsvolle gute Arbeit ab! Diese Leute gibt es in Österreich und haben so eine doofe Verallgemeinerung einfach nicht verdient!

Re: Das ist nun wirklich Blödsinn!

...sehen sie es doch von der seite:

es kann nie gut genug sein, dann hätten viele sogenannte interessensgruppen einfach nix mehr zu tun. selbst wenn jeder seinen salat im vorgarten anbauen würde, würde sich wieder jemand finden, der der meinung ist, dass das doch alles nur schwindel sein kann.

Re: Das ist nun wirklich Blödsinn!

...sehen sie es doch von der seite:

es kann nie gut genug sein, dann hätten viele sogenannte interessensgruppen einfach nix mehr zu tun. selbst wenn jeder seinen salat im vorgarten anbauen würde, würde sich wieder jemand finden, der der meinung ist, dass das doch alles nur schwindel sein kann.

Bio Schmäh

Das wusste ich auch ohne Buch.

Fakt ist: ohne gentechnisch veränderte Lebensmittel ist eine überbevölkerte Erde mit 7 Mrd. nicht mehr zu ernähren!

Antworten Gast: arancia
18.02.2012 16:45
0 0

Studien zeigen Organ-Schäden durch Gentechnik-Fütterung

http://www.keine-gentechnik.de/news-gentechnik/news/de/24123.html

So weit ich weiß wird die Weltbevölkerung hauptsächlich durch Kleinbauern ernährt... und nicht durch Konzerne...

Antworten Antworten Gast: gentechnik
18.02.2012 18:31
0 0

Re: Studien zeigen Organ-Schäden durch Gentechnik-Fütterung

Also den Link halte ich für reine billige Propaganda. Warum soll Niere und Leber Schaden nehmen? Die Pflanzen wurden durch Züchtung und Kreuzung schon jahrhundertelang verändert.

Re: Bio Schmäh

Die Weltbevölkerung wäre sehr wohl zu ernähren(nicht allein mit Bio, stimmt), nur ist die Nahrung sehr ungleich verteilt.
Wir in den westlichen Ländern werfen Lebensmittel auf den Müll und anderswo verhungern Menschen.Das ist einfach nur pervers.

Re: Bio Schmäh

Na und? Besser 5 Milliarden Gesunde, als 10 Milliarden Kranke. Dies besonders deshalb, da wir die Selektion quasi ausgeschaltet haben und die Menschheit so über kurz oder lang auszusterben droht.

Re: Re: Bio Schmäh

Mit dem Biospritwahn gehen noch mehr Ackerflächen verloren. Das möchte ich sehen, ob das alles mit Bio funktioniert.

Wenn Sie sagen, 5 Mrd.. Wie wollen sie die Leute so kurzfristig reduzieren???

Re: Re: Re: Bio Schmäh

Warum kurzfristig? So viel Nahrung da ist, so viele werden hier leben können.

Übrigens: Ein Großteil der Ackerflächen wird Tieren gefüttert, damit Sie dann über Ihr Fleisch 10 % davon zurückbekommen.

Sehen Sie mal den Film http://www.takepart.com/foodinc

So gesehen sind dann all Ihre Argumente mit "Ackerflächen reichen nicht" und "Biosprit" ohnehin aufgehoben.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Biospritgegner
18.02.2012 14:52
0 0

Re: Re: Re: Re: Bio Schmäh

Da stimme ich zu. Es wird viel zu viel Fleisch verzehrt. Das Verhältnis ist zwischen 7 und 20g Eiweiss Pflanzen bringt 1 g tierisches Eiweiss. Das ist Verschwendung pur.

Zum Biosprit: Wo wird denn das am meisten angebaut? Mitteleuropa? nein, da ist der Grund und Boden zu schade. Es wird importiert. Dabei werden riesige Flächen tropischer Regenwald abgeholzt. Diese Biospritmafia gehört eingesperrt.

Gast: hepi
17.02.2012 18:49
2 1

Bioschwindel

Ich kann dem Buch " Bio Schmäh" nur zustimmen.
Es geht den großen Firmen nur ums Geld.Einer der größten Schmähführer ist der "Biopionier"Werner Lampert" von Hofer.
In kürzester Zeit wurden die Artikel bei Hofer teurer, aber nicht besser. Wobei Hofer immer eine gute,frische Ware hatte.
Sogar beim Mineralwasser gibt es einen Aufschlag.
Seine Argumente sind ja größtenteils nicht nachvollziehbar.

Re: Bioschwindel

Und? Was nun? Nur noch minderwertigen Dreck aus dem Supermarkt kaufen, weil der wenigstens billig ist?

Sicher wird Schwindel betrieben. Aber der Konsument hat die Möglichkeit, nachzufragen, nachzugooglen, und sein Urteil zu fällen. Produkt für Produkt.

Re: Re: Bioschwindel

...und außerdem ist es gleich viel besser, wenn sich alle wiener in ihren suv setzen und zum biobauern ins burgenland fahren, um möglichst autentisches biogemüse zu kaufen. frisch vom feld sozusagen...


Gast: MönchMaier
17.02.2012 17:32
1 1

Noch nie ...

... wurde so viel überteuerte Frischware in den Supermärkten weggeworfen wie seit dem Bio-Boom.

Gast: Grüne Welle
17.02.2012 16:12
1 1

REWE- Group überlegt seit dem letzten Jahr den geschickten Rückzug aus dem "Bio-Schmäh"

Aber solange die Konsumten und die Mitbeweber glauben das es so sein muss, muss man halt mitmachen.
Bin gespannt, welcher Discounter den ersten zu erwarteten Schritt machen wird!!!

Antworten Gast: pächter der wahrheit
17.02.2012 17:50
0 0

Re: REWE- Group überlegt seit dem letzten Jahr den geschickten Rückzug aus dem "Bio-Schmäh"

Solange die Kunden den Mehrpreis für dasselbe bezahlen - dann wären sie schön dumm.

Das Problem ist halt, dass von Konsumenten nur wenige eine Vorstellung von "Bio" haben. Und das nutzen die Hersteller und Händler halt weidlich aus.

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