SuperMarkt: Schmerzensgeld statt Wehrpflicht

Die jungen Menschen dieses Landes werden vom Staat zum Dienst an der Allgemeinheit gerufen. Ein ziemlich dreistes Ansinnen. Es wäre an der Zeit, sich mit den Jüngeren zu solidarisieren.

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Bundesheer – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Als sich im 19. Jahrhundert die sogenannten Manchester-Liberalen ans Werk machten, den Zöllen und anderen Handelsbarrieren an den Kragen zu gehen, war eine Bewegung geboren, die noch zwei Jahrhunderte später zu den meistgehassten der Welt zählen sollte. Heute jemanden einen Manchester-Liberalen zu nennen, ist zweifelsfrei nicht besonders nett gemeint. Es ist ein vergleichsweise elegantes Schimpfwort, das umgehend ein glasklares Bild in die Köpfe der Menschen zaubert: jenes vom unsympathischen Großkapitalisten, der seine geknechteten Arbeiter mit schwingender Peitsche ins nächstgelegene Bergwerk „bittet“.

Interessant, denn zu ihrer Zeit haben die Manchester-Liberalen keineswegs die Vorrechte der Ausbeuter verteidigt, ganz im Gegenteil. Sie wetterten gegen den Feudalismus, propagierten freie Wahlen, erkannten im Protektionismus den Grund für die Verelendung der Massen, hatten für den Kolonialismus nichts übrig – und machten gegen den verpflichtenden Militärdienst mobil. Dieser sei nichts anderes als die Ausbeutung der Armen durch den Adel, der mit billigen Soldaten seinen Besitzstand wahrte.


Die Obrigkeit ruft zum Dienst.
Zwei Jahrhunderte später erinnert die Obrigkeit ihre jungen Untertanen noch immer an deren Pflicht. Zumindest in Österreich. „Jeder muss in diesem Land einen Beitrag leisten – ob beispielsweise als Soldat oder Katastrophenhelfer. Es ist die Grundvoraussetzung für Solidarität“, wie Vizekanzler Michael Spindelegger (ÖVP) jüngst meinte. Seine Regierungskollegen von der SPÖ wiederum erwarten von Männern und Frauen ein „freiwilliges“ Sozialjahr. Was also beide Lager verbindet, ist die Einschätzung, dass die Jungen dem Staat etwas „zurückzugeben“ hätten. Entweder in Form von ein paar spärlich entlohnten Monaten in Uniform, oder im etwas weniger schlecht entlohnten Sozialdienst.

Ein ziemlich unverfrorenes Ansinnen, wurden die jüngeren Menschen dieses Landes doch schon längst zum umfassenden Dienst an der Allgemeinheit verdonnert. Und das nicht nur für ein paar Monate, sondern für die Dauer ihres Erwerbslebens. Sie wurden ungefragt in die „solidarische Pflicht“ genommen, weil ihre Elterngeneration in den vergangenen 40 Jahren vorzugsweise Regierungen in den Sattel geholfen hat, die geliehenes Geld besonders großzügig unters Volk streuten. Mit der einigermaßen unerfreulichen Konsequenz, dass die Staatsschulden seit den 1970er-Jahren von 3,6 Milliarden Euro auf mittlerweile 230 Milliarden Euro gejagt wurden. Eine Versechzigfachung in 40 Jahren, die dazu führt, dass heute auf jedem Erwerbstätigen 55.372 Euro an Staatsschulden lasten.


Knechte des verschuldeten Staates.
Praktizierende Anhänger des spendierfreudigen Staatswesens werfen an dieser Stelle leidenschaftlich gern ein, dass den hohen Schulden ja auch ein noch nie dagewesener Wohlstand gegenüberstehe. Stimmt. Allerdings wird dieser auf der Stelle verspeist, weshalb jedes Jahr immer höhere Summen herangeschafft werden müssen, um die wachsende Zahl hungriger Münder in gewohnter Weise versorgen zu können. Die Beschenkten zahlen zwar über ihre Steuern die Zinsen für die eingegangenen Verbindlichkeiten, tragen die beeindruckenden Schuldentürme aber nicht ab, sondern erhöhen und hinterlassen sie einfach den nachkommenden Generationen.

Deshalb haben diese auch keinerlei Aussicht, jemals mehr Netto von ihrem Brutto zu sehen, um so aus eigener Kraft nennenswertes Vermögen zu schaffen. Sie sind und bleiben die Knechte eines über beide Ohren verschuldeten Staates, der sich eine Entlastung seiner Bürger nicht leisten kann – und auch nicht will. Bevor die öffentlichen Organe ihre Ausgaben reduzieren, sparen sie lieber über noch höhere Steuern und Abgaben bei den Bürgern. Gleichzeitig führen sie den Talentiertesten der nächsten Generation dieser Tage wieder einmal eindrucksvoll vor, worauf es hierzulande wirklich ankommt, um nach oben zu kommen: auf das passende Parteibuch.

Viel hat sich in all den Jahren also nicht geändert. Abgesehen davon, dass die internationale Konkurrenz deutlich härter geworden ist und es nicht mehr reicht, „nur“ fleißig zu sein. Heute warten hungrige und bestens ausgebildete Konkurrenten aus den aufstrebenden Teilen der Weltwirtschaft auf die Abgänger der teuersten, aber laut internationalen Vergleichen mittelmäßigsten Einrichtungen des rot-weiß-roten „Gratis“-Bildungswesens.

Interessanterweise beklagen sich die Jungen über all das nicht. Sie beobachten das närrische Treiben mit geradezu gespenstischer Teilnahmslosigkeit. Sie stürmen nicht auf die Straßen, wenn wieder einmal ein Rädelsführer des Frühpensionistenverbandes auf die Einhaltung des Generationenvertrages pocht. Sie weisen nicht darauf hin, dass sich der Staat doch gefälligst der Märkte bedienen könnte, wenn er Arbeitskräfte für seine Sozialeinrichtungen sucht. Viele von ihnen halten es sogar für eine Selbstverständlichkeit, zum Heer zu gehen, um sich vor Ort vom verheerenden Zustand der österreichischen Streitkräfte zu überzeugen.


Verkehrte Solidarität. Es wäre also an der Zeit, sich mit den Jüngeren zu solidarisieren – und nicht von diesen permanent Solidarität einzufordern. Am besten, indem die politischen Eliten endlich damit beginnen, den sagenhaften Reformstau aufzulösen, statt kommende Generationen dazu einzuspannen, den staatlichen Besitzstand zu wahren. Wie es aussieht, könnte die österreichische Obrigkeit von den berüchtigten Manchester-Liberalen noch eine Menge lernen.



franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2013)

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