Zypern: Ein Land, in dem nur noch Bargeld zählt

22.03.2013 | 18:31 |  CHRISTIAN GONSA UND JOSEF URSCHITZ (Die Presse)

Auf der Mittelmeerinsel geht ohne Geldscheine gar nichts mehr. Die Bürger des EU-Landes sind plötzlich mit Mangelwirtschaft konfrontiert.

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Nikosia/Wien . Mitte vergangener Woche landete eine mit dem Union Jack verzierte Militärmaschine auf der britischen Basis Akrotiri westlich der zypriotischen Stadt Limassol. Die brisante Fracht: eine Million Euro in kleinen Scheinen. Das Verteidigungsministerium in London wollte so sicherstellen, dass die rund 3500 britischen Militärangehörigen auf der wirtschaftlich mehr als angeschlagenen Mittelmeerinsel auch dann noch ein paar Euro für die notwendigsten Einkäufe in der Tasche haben, wenn im Rest Zyperns gar nichts mehr geht.

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Die etwas panisch anmutende Vorsichtsmaßnahme ist nicht ganz unbegründet: Seit einer Woche probt das Land unfreiwillig die Wiedereinführung der Bargeldgesellschaft. Banken sind geschlossen, Sparbücher können nicht „verflüssigt“ werden, Onlinebanking funktioniert nicht, Überweisungen sind nicht möglich. Denn das Ringen um die Rettung der beiden größten Banken des Landes und damit der (andernfalls zum Bankrott verurteilten) Republik Zypern ist offen. Und ein Aufsperren der Banken in dieser Situation würde unweigerlich zum großflächigen Abzug der Bankeinlagen und damit zu deren sicherer Pleite führen.

 

Nur Bankomaten funktionieren

Zyperns Bürgern beschert das ein Wechselbad der Gefühle: Durch die plötzliche Mangelwirtschaft realisiert man erstmals hautnah, dass die Lage wirklich ernst geworden ist. Dass man möglicherweise vor einem Staatsbankrott und dem damit verbundenen abrupten Abschied von der Wohlstandsgesellschaft steht.

Das Einzige, was noch funktioniert, sind die Bankomaten. Die spucken, je nach Bank, zwischen 260 und 800 Euro pro Tag und Karte aus. Offiziell – und theoretisch. Denn unterdessen häufen sich die Berichte, dass einzelne Automaten statt der erhofften Hunderter nur noch ein paar Zehner pro Transaktion herausrücken.

So sie nicht schon geleert sind. Denn die Banken kommen mit dem Nachfüllen der Automaten kaum nach. Schließlich versucht jeder Bankkunde, noch möglichst viel von seinem Konto zu retten, bevor der befürchtete Kollaps eintritt. Wenn er kann: Viele Pensionisten haben keine EC-Karte.

Macht nichts, denkt sich Konstantin Normalverbraucher: Wozu gibt es Kreditkarten? Ein trügerischer Gedanke. Denn in den meisten Restaurants, Hotels und Geschäften werden die kleinen Plastikkärtchen einfach nicht mehr akzeptiert. Nicht ohne Grund: Die Kreditkartenrechnung wird ja auf das Konto überwiesen. Und auf das hat man keinen Zugriff. Auch nicht, um Lieferanten oder Angestellte zu bezahlen.

Dasselbe gilt an Tankstellen: Dort gibt es Treibstoff nur noch gegen Cash. Denn der Tankstellenbetreiber braucht Bargeld, um seine Treibstofflieferungen bezahlen zu können. Der Nebeneffekt: Im an sich schon beschaulichen Nikosia ist es noch ruhiger geworden, der Autoverkehr hat deutlich nachgelassen.

Zypern ist also zumindest vorübergehend zur Bargeldwirtschaft zurückgekehrt. So richtig funktioniert das freilich nicht. Denn größere Anschaffungen lassen sich mit dem Geld aus dem Bankomaten nicht tätigen. Möbel- und Autohändler berichten, sie hätten seit Tagen keinen Kunden mehr gesehen. Aber auch in kleinen Geschäften sind die Umsätze sehr überschaubar geworden. Hier kommt manchmal eine ganz alte Methode der Geschäftsankurbelung zum Einsatz: Für gute Kunden wird „angeschrieben“.

Auf der Makroebene funktioniert die Bargeldgesellschaft naturgemäß gar nicht: Die Importe und Exporte des Landes sind – mangels der Möglichkeit von bargeldlosen Transaktionen – praktisch zum Erliegen gekommen.

Wenn das noch länger andauert, dann wird man in den Geschäften auch mit Bargeld bald nichts mehr bekommen.

Was funktioniert noch?

Bargeld ist das einzig wirklich akzeptierte Zahlungsmittel. Bankomaten funktionieren, bei vielen ist die Auszahlung aber begrenzt. Münzen (Wechselgeld!) werden langsam knapp, weshalb beispielsweise Taxifahrer dazu übergehen, Pauschalsummen in „Scheingröße“ (fünf, zehn, 15, 20Euro) zu verlangen.

Kreditkarten, EC-Karten. Bargeldloses Zahlen wird in Restaurants, Hotels, Geschäften etc. fast nirgends mehr akzeptiert, weil Geschäftsleute fürchten, auf ihre Konten nicht mehr zugreifen zu können.

Überweisungen sind, solange die Banken geschlossen halten, nicht möglich. Auch Internetbanking funktioniert nicht, die Onlinebankingsysteme sind deaktiviert.

Sparbücher. Banken sind geschlossen, Internetbanking ist deaktiviert, es gibt also zurzeit keinen Zugriff auf Sparkonten bei zypriotischen Banken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2013)

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88 Kommentare
 
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Gold statt Geld

Zypern zeigt uns allen, in welche Abhängigkeit sich die heutige Komfortgesellschaft begeben hat. Sie vertraut den Aussagen der Bankster und Politiker, ohne sich eine weitere Meinung ein zu holen. Des Weiteren hängt ihr Schicksal von einer Zahl auf dem Bildschirm oder auf einem Stück Papier ab, welche sie dann per Plastik weiter verteilt. Drücken die Verwalter dieser Illusion wie in Zypern den falschen Knopf, bricht sie über Nacht zusammen.

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Ohne Euro

gäbe es jetzt dort kein Problem. Psychologisch interessant ist unser Verhalten. Der Großteil der Landsleute spührt, daß es mit dem Euro gar wird, aber reagieren tut fast niemand.

Es gibt Überlegungen privaten Goldbesitz zu verbieten und unter hohe Strafen zu stellen um eine neue Goldpreisbindung zu ermöglichen

Das wird leider schon sehr laut gedacht! Wir schlittern immer mehr in eine Finanzdiktatur! Der ganze Abgaben-Wahnsinn, der ungeheure Bürgerechtsabbau, Substanzbesteuerung wie die sogenannte Wertzuwachssteuer,masslose Reichensteuern, Bilanzfälschungen bei Banken und staaten, Fremdstaatenhilfen sind nur der Anfang!
Wer will das noch? So blöd und opportun kann ja gar keiner sein um das noch weiter zu unterstützen! Unsere Kinder werden uns genauso zur Rede stellen wie unsre Eltern unsere Grosseltern für das Dritte Reich!

Das macht das Land sympathischer! Ich bin auch für die Abschaffung von Bargeldlos!

Es führt nur zur Versklavung und dem Abbau von Bürgerrechten!

nur Bares ist Wahres ;-)

ich selbst hab seit 1996 kein Konto mehr, und lebe unbeschwert weil nicht von Banken abhängig !

Man sollte zurück zur Brgeldauszahlung, da so auch wieder neue Jobs geschaffen werden könnten und den Banken der allmächtige von Steuerzahlern aufrecht erhaltene Wind aus den Segeln genommen wird !

Re: nur Bares ist Wahres ;-)

Darf ich fragen wie Sie dann ihr Gehalt bekommen, wenn Sie kein Konto haben auf das das überwiesen wird?

Re: Re: nur Bares ist Wahres ;-)

ganz einfach wie früher: es bringt der Geldbriefträger....

Banken sind doch in Wahrheit

kein staatliches Unternehmen. Wenn man nun also sagt man müsse den Staat retten -> dann doch wohl nicht die Banken oder? Es ist ja nicht so, dass die Bürger eine Wahl haben ob sie mithelfen ihren Staat zu retten -> sie werden verpflichtet und zwangsENTEIGNET durch die ganzen Sperren.
Ich meine den Greisler der schon vor der Krise eingegangen ist musste! man ja auch nicht vom Staat verordnet retten...der hatte eben einfach "Pech"

Nicht Bares

..sondern Rohstoffe, Waren und Dienstleistungen sind Wahres.
Ungedecktes "Geld" ist Luft, der durch Fehlbildung der Massen und massiver Waffengewalt "Wert" verschafft wird.

Solange man seine wertvolle Arbeit gegen bunte Zettelchen und Nullen und Einsen verrichtet, ist man eben Sklave. Andere lehnen sich zurück und lassen sich die Sonne auf den Bauch scheinen, während sie die Arbeitenden belächeln.
L.m.a.A. !!!

Wenn es mit der EU so weitergeht wird bei uns nicht mal mehr das Bargeld zählen!

Danke an die Einbrockerer!

Solange es mit Bargeld geht,


ist die Welt noch in Ordnung!

Warten wir erst mal die Lebensmittelkarten ab...


Zypern

ist vielen Ländern in Europa nur einige Schritte voraus. Wir sollten genau hinsehen, wer am Ende die Rechnungen wirklich zahlen wird.
Wir und niemand sonst.

Re: Zypern

Ja Herr Gscheit, danke Herr Finanzexperte, ganz bestimmt

Re: Re: Zypern

keine Sorge, wer nichts hat braucht sich nicht zu sorgen, sie kleine Frustgrammel.

2 down,

25 to go!

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Einer Leiche ein Medikament zu verabreichen ist wenig sinnvoll

den Hinterbliebenen wird das nicht helfen sondern nur kosten.

Re: Einer Leiche ein Medikament zu verabreichen ist wenig sinnvoll

Einen klinisch Toten zu reanimieren gehört hingegen zu den moralischen Pflichten eines jeden von uns.
Man sollte niemandem Hilfe aus egoistischer Überzeugung heraus verweigern. Auch wenn dieser sich selbst zugrunde gerichtet und sich in diese brenzlige Situation hat bringen lassen...

Es handelt sich nicht um einen klinisch Toten sondern um eine Leiche

die exhumiert und unter mystischen Gesängen von 26 Regenmachern und Gestampfe von x Medizinmännern auf unser aller Kosten zum Leben wiedererweckt werden soll.

Glaube versetzt vielleicht Berge - aber ersetzt kein Geschäftsmodell. Und das hat Zypern, das nur Hütchenspielen und sonst nichts kann, eben nicht - oder wegen Casinoschliessung eben nicht mehr.

It's bancrupt - face it.

Die Bürger des EU-Landes sind plötzlich mit Mangelwirtschaft konfrontiert

Bravo EU!!!! Diese Verbrecherbande schafft es tatsächlich binnen kürzester Zeit halb Europa in den Ruin zu treiben! Die EU-Einheitswährung war und ist nach wie vor der größte Schwachsinn aller Zeiten. Aber wer von den Damen und Herren Politiker wird das wohl jemals zugeben?

Re: Die Bürger des EU-Landes sind plötzlich mit Mangelwirtschaft konfrontiert

es war der Wunsch der allmächtigsten nämlich der Banker welche ja auch in sämtlichen regierungen samt Brüssel sitzen und das Leben der Menschen diktieren, weshalb sie diese Währung auch gegen alle versprechungen vor der Eu-Wahl, durchgesetzt haben.

Re: Die Bürger des EU-Landes sind plötzlich mit Mangelwirtschaft konfrontiert

Nicht der Euro ist schlecht, diverse Entscheidungsträger sind schlecht und auch der immer massivere White-Slide macht Europa und vor allem den USA immer mehr zu schaffen.

Der White-Slide-Effekt wurde von US-Immobilienmarklern so benannt und bedeutet, dass bei Zuzug von Farbigen die Häuserpreise fallen, da der negative Effekt den gewisse Menschengruppen mit sich bringen, den positiven Effekt der höheren Nachfrage überlagert und dadurch insgesamt die Häuserpreise fallen. US-Staaten mit weniger Zuzug solcher Gruppen entwickelten sich nachweislich viel besser.

Gegen den White-Slide-Effekt kann z. B. der Euro nichts ausrichten.

Der Euro ist in Wahrheit auch nicht das Problem. Preise können ja auch nach unten angepasst werden, wenn eine Abwertung einem Land nötig erscheint.

Das Problem ist in Wahrheit Lissabon und Maastricht. Seit Maastricht ist die EU in der Krise, da die Menschen frei verschoben werden und nicht wie vorher nur die Waren. Lissabon brachte das Fass zum Überlaufen und verschlimmerte alles massiv.

Weg mit Maastricht und Lissabon, dafür den Wirtschaftsraum für freien Warenverkehr über Russland bis Indien ausweiten. Damit wäre die Region unschlagbar, vor allem wenn sie eine einheitliche Währung hätte, die dann unumstrittene Reservewärhung wäre.

Pro 100 Mrd. Reserve verdient die EZB bei 2,5 % Inflatin 2,5 Mrd. Euro bei 10.000 Mrd sind das 250 Mrd. jedes Jahr!

Durch den Euro kommt so viel Geld nach Europa ohne, dass echt etwas raus geht!

Re: Re: Die Bürger des EU-Landes sind plötzlich mit Mangelwirtschaft konfrontiert

Der Euro IST das Problem, solange ihn Staaten nutzen, die diesen sich nicht leisten können.

Re: Re: Re: ... diesen sich nicht leisten können?

Die Frage stellt sich mir, wie lange wir uns dieses wertlose Papier noch leisten können?

Die €U scheitert nicht an den noch zu plündernden Volkswirtschaften, sie scheitert an Syndizierungen der sogenannten "Leistungsträger"!

Zypern = Asien

Jetzt rettet die EU sogar schon einen asiatischen Staat und bewirkt damit einen weiteren Schritt in den EU-Untergang.
BRAVO. EIne Meisterleistung.
Allerdings ist es schade um das viele österreichische Steuergeld.

Überweisen ohne Banken längst möglich

An sich hat die EZB Patente für diebstahlsichere Zertifikate auf Bargeld zur Verfügung.

Das funktioniert so. Es handelt sich dabei um Geldscheine aus Kletthaftpapier, wo auf einer Seite die Vorderseite mit Seriennummer steht und auf der 2. Seite das Gegenstück zum anderen Kletthaftpapier mit Rückseite und gleicher Seite.

Die Vorder- und Rückseite kann getrennt werden und damit kann zuerst die 1. Seite verschickt werden und dann wenn die angekommen ist die 2. Seite.

Damit braucht man bei Überweisungen selbst in Krisengebiete in Afrika keine Banken. Ganz nebenbei ist dank RFID-Chips in den Zertifikaten auf Bargeld der Geldkreislauf sogar staatlich überwachbar.

Das Argument man müsse Banken künstlich am Leben erhalten, da sonst der Warenkreislauf zusammenbreche, da Zahlungen nicht abgewickelt werden können, stimmt in Wahrheit nicht.

Warum die EZB die Scheine, die mit Sicherheit für solche Situationen längst bereit liegen, nicht rausrückt, ist mir schleierhaft.

Re: Überweisen ohne Banken längst möglich

nachdem man die ganze show in zypern ja nur als abschreckung für pigs veranstaltet und um zu zeigen, wie wichtig es ist, dass banken ganz unbedingt um jeden preis gerettet gehören ist das letzte was man dort will eine lösung ohne banken.

 
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