Analyse: Die erträgliche Leichtigkeit des Euro-Ausstiegs

26.02.2012 | 18:21 |  NIKOLAUS JILCH (Die Presse)

Währungsunionen kommen und gehen. Ein Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone wäre – entgegen der herrschenden Meinung – wahrscheinlich keine Katastrophe, sondern die Chance auf einen Neuanfang.

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Wien. Nicolas Sarkozy hat sich längst festgelegt. „Der Euro ist das schlagende Herz Europas“, sagte er bei einem G20-Treffen im November des vergangenen Jahres. „Wir können eine Explosion des Euro nicht akzeptieren. Wenn der Euro explodiert, dann explodiert Europa.“ Angela Merkel bevorzugt eine gemäßigtere Wortwahl: „Zerbricht der Euro, dann zerbricht Europa“, betont sie immer wieder. Auch für die meisten prominenten Ökonomen scheint klar: Der Zerfall der Eurozone wäre eine wirtschaftliche Katastrophe. Einzig: Währungsunionen kommen und gehen. Allein im 20. Jahrhundert sind mehr als hundert Währungen zerfallen – meist rasch und fast reibungslos.

 

Austritt überraschend simpel

Die britischen Finanzanalysten von Variant Perceptions haben eine umfassende Studie über Währungsreformen erstellt. Der Schluss: „Fast alle schrecklichen Prognosen über einen Zerfall der Eurozone werden sich als falsch herausstellen.“

Der Euro verhülle bloß, dass es sich bei den Problemen von Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien (PIIGS) „um eine klassische Krise von Entwicklungsländern“ handle, so Variant Perception. Und diese seien in der Vergangenheit immer durch Staatsbankrotte und Währungsabwertungen gelöst worden. Solange sie im Euro bleiben, ist den PIIGS dieser Weg aber verstellt – selbst ein Staatsbankrott bringe keine Lösung, solange die Kontrolle über die Währungspolitik nicht zurückerlangt wird. Griechenland und Portugal müssten den Euro auf jeden Fall verlassen – Spanien, Italien und Irland sollten es „stark in Erwägung ziehen“, so die Studie: „Der Ausstieg aus einer Währungsunion ist überraschend simpel. Geschichtlich betrachtet hat der Wechsel von einer Währung in eine andere weder zu schweren wirtschaftlichen noch juristischen Problemen geführt. In fast allen Fällen gingen die Währungsreformen reibungslos vonstatten. Der Zerfall des Euro wäre zwar ein historisches Event, aber keinesfalls einzigartig.“

Wer wissen will, wie ein Eurozerfall ablaufen könnte, müsse nur in die Vergangenheit schauen. Währungsreformen laufen fast immer nach demselben Muster ab: Zuerst wird die Möglichkeit kategorisch ausgeschlossen, dann kommt es am Wochenende zu einer überraschenden Parlamentssitzung, bei der die Einführung einer neuen Währung beschlossen wird. Die Banken bleiben einige Tage geschlossen, an den Grenzen werden Kapitalkontrollen eingeführt und die Banknoten im Umlauf werden gestempelt oder mit einer Marke versehen. Wenn die neue Währung gedruckt ist, werden sie ausgetauscht. „Der ganze Prozess dauerte meist nur wenige Monate“, so die Studie.

 

Schulden abwerten

Die „Krone“ der Monarchie war eine dem Euro ziemlich ähnliche Währung. Selbst der Internationale Währungsfonds (IWF), der an den griechischen Hilfspaketen beteiligt ist, schreibt in einer Analyse des „Krone“-Zerfalls von 1919: „Fiskalpolitische Stabilität war eine Konsequenz der Währungsreformen, nicht die Voraussetzung dafür.“ Als sich Pakistan und Indien 1947 trennten, stellte die Währungsumstellung nur eine geringe Herausforderung dar: „Trotz der politischen Konflikte rund um die Trennung verliefen die technische Abwicklung und die Aufteilung der Reserven der Zentralbank problemlos“, so die Analysten von Variant Perceptions.

Ähnlich lief die Währungsreform nach dem Ende der Tschechoslowakei: „Die Kosten der Umstellung waren relativ niedrig und die Ordnung schnell wieder hergestellt“, sagte der tschechische Zentralbankchef Miroslav Singer 2011 in einer Rede. Die Slowakei wertete ab und stand 16 Jahre später besser da als ihr Nachbar – gut genug, um 2009 dem Euro beitreten zu können.

Vor dem Zerfall brachten viele Sparer ihr Geld von der slowakischen auf die tschechische Seite – heute versuchen die Griechen und Portugiesen ihr Geld nach Kerneuropa in Sicherheit zu bringen. Für Griechenland und Portugal, sei ein Euro-Exit die einzige Chance, so die Studie. Weil ein Großteil der Staatsschulden nach heimischem Recht vergeben wurde, könnten die Regierungen in Athen und Lissabon ihre Schulden danach in abgewerteten Drachmen und Escudos zurückzahlen. Firmen, die in ausländischen Währungen verschuldet sind, würden allerdings in Probleme geraten. „Es würde zu vielen Insolvenzen kommen. Das hätte allerdings auch den Vorteil, dass auch die Firmen mit frischen Bilanzen einen Neustart machen könnten.“

Die Studie verweist auf die Lehren aus der Asienkrise: „Die Prognosen sprachen von Kollaps und Armageddon. Tatsächlich ging es Asien nach Staatsbankrotten und Abwertungen schnell wieder gut. Die Erfahrung zeigt, dass nach einer kurzen schmerzvollen Phase schnell eine Erholung einsetzt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2012)

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21 Kommentare
Gast: der busfahrer
27.02.2012 16:37
3

auswirkungen des zerfalls der euro zone...

...nach Hans - Werner Sinn:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,817004,00.html

Re: auswirkungen des zerfalls der euro zone...

Danke für diesen wichtigen Link!
Das zeigt, dass der Euro auch wegen der auf Dauer nicht finanzierbaren Verflechtung zwischen EZB und nationalen Zentralbanken scheitern muss. Die gefährlichen Ungleichgewichte zwischen diesen Banken müssen aber umso größer werden, je länger man an diesem System festhält. Deshalb ist ein Ende mit Schrecken einem Schrecken ohne Ende vorzuziehen. Griechenland und ev. auch die anderen PIGS-Staaten müssen aus dem Euro raus!
Die EZB muss dann massenhaft Geld drucken um ihre Verbindlichkeiten gegenüber Deutschland und den anderen Gläubigerstaaten erfüllen zu können. Das bringt Inflation, die aber sowieso kommen muss, weil die Schuldenstände der EU-Länder ohne diese niemals auf ein solides Niveau heruntergebracht werden können.

Ziagts Enk worm an!

Antworten Antworten Gast: economics
27.02.2012 18:10
2

wenn's zu spät ist, dann sehen alle

. . . den Euro kann sich die EU nicht mehr lange leisten.

Frage

Bis dato konnte mir noch niemand schlüssig die Grauslichkeiten darlegen, die sich aus einem Zerfall es Euro bzw. der Abspaltung von der potenten EU-Länder ergeben würden.

Ich höre immer nur "dann wird es ganz schlimm"!!!.

Nun, der jetzige Zug in dem ich Sitze fährt auch auf einem ganz schönen Gefälle talwärts und man kann durchaus ohne optische Hilfen die Mauer am Ende des Gleises erkennen......

Gast: Grüner Kacktus?
27.02.2012 12:53
2

Und woher wollen

diese ANALysten wissen wie die Verbindlichkeiten zwischen Staaten und Banken sind? Den genau dies ist der Punkt. Fällt eine um mit mehreren hundert Millionen odar gar ein paar Milliarden Verbindlichkeiten an zig weitere, dann kippen alle.

Passieren wird dies früher oder später sowieso, außer man will den Weg der Inflation weitergehen und die Schulden der Banken "nachdrucken". Dann flüchten eben die Anleger bzw. Privaten aus dem System.

Höchste Zeit ist es jedenfall.s

Re: Und woher wollen

Den Weg in die Inflation geht man doch schon längst, was man an der Schwäche des Euro gegenüber anderen Währungen sieht. Aber das liest man nicht in der Zeitung, das hört man nur von Finanzfachleuten, wie unlängst von Dirk Müller in der ARD. Unsere Löhne gehen wertmäßig bergab, in China gehen sie wertmäßig nach oben und irgendwann trifft man sich. Der Informationsfluss bei uns wird von der Regierung vorgegeben, also kann man davon ausgehen, dass wir die Wahrheit nur scheibchenweise erfahren.

Gast: qed
27.02.2012 12:44
2

Die Botschaft hör ich wohl,

allein mir fehlt der Glaube! Mag sein, daß es so funktioniert hätte 2007, als das Elend seinen Anfang nahm.
Nur jetzt ist es zu spät:
Prof. Sinn ist darauf gekommen, daß der Zerfall des Euro die BRD über die Target 2- Außenstände sofort ruinieren würde und das ist nachvollziehbar: neben den vielen vergeudeten Milliarden für 'Rettungsmaßnahmen' kommen noch knapp 600 Mrd aus Target 2- Forderungen dazu.
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,817004,00.html

Unsere PIGS wissen das. Weshalb die BRD ausgequetscht wird wie eine Zitrone, wir haben nur noch die Wahl zwischen Erhängen und Erschießen.
Eine Hyperinflation mit Währungsreform ist nicht mehr zu vermeiden.
Wohl dem, der Gold in seiner kleinen, feinen Geheimschatulle hat!

hätten gar nicht eintreten sollen

habe ich schon vor 2002 gewusst. Gabs da überhaupt eine Volksabstimmung wie 1995 zum EU Beitritt? Kann mich nicht erinnern. Wohlweislich habens gar keine gemacht.

Gast: Bernd1964
27.02.2012 12:35
0

Weg mit dem kriminellen Banker-Kartell!

Es wird sich nichts ändern solange das kriminelle Banker-Kartell das Zentralbankensystem unter seiner Kontrolle hat. Die Geldschöpfung muß im Sinne der Menschen an der Basis der Wertschöpfung geschehen und sie muß z.B. über einen Goldstandard begrenzt sein.

Die EU und der Euro sind Einrichtungen des kriminellen Bankerkartells, auch ein Nord-Euro wird das sein; solange die Strukturen dieses monetären Skalventums nicht beseitigt werden wird das Imperium der elitären Geldschöpfer (bestehend aus 6 Großbanken) über uns bestimmen.

Wir leben am Ende eines überkonsumptiven globalisierten Zeitalters, das von elitären Geldschöpfern für die meisten Bürger unsichtbar beherrscht wurde. Es liegt im Interesse der 99%-Majorität, das kriminelle Bankerkartell zu entmachten und in der kommenden, notwendiger Weise relokalisierten Welt, das Fiatgeld-Sklaventum der vergangenen Jahrzehnte zu beenden, welches aristokratischen Eliten unermeßlichen Reichtum, verbrecherische völkerrechtswidrige Kriege und ein immer freiheitsfeindliches Imperium im Stile von '1984' hervorbrachte.

Antworten Gast: Grüner Kacktus?
27.02.2012 12:55
0

Re: Weg mit dem kriminellen Banker-Kartell!

Außerordentlich erfreulich zu sehen wie mehr und mehr die Themen auf die Wurzel ALLEN Übels zurückgeführt werden. Aber ohne Neustart wird das Alles nix.

EU Nordstaatenwährung anstatt Drachme

Derzeit wird breit über eine Wiedereinführung der Drachme gesprochen. Da man darüber Bescheid weiß, dass auch weitere Länder wie Italien, Portugal oder Spanien auf wachelige Beinen stehen währe es aus meiner Sicht am Einfachsten den Euro in der jetzigen Form bestehen zu lassen und eine Europa Nordstaaten Währung einzuführen. somit könnte der Euro in seiner jetzigen Form abgewertet werden und man würde sich Milliardenzahlungen an marode Länder ersparen.

Antworten Gast: yrgh
26.02.2012 23:50
4

Re: EU Nordstaatenwährung anstatt Drachme

ja, das wäre die intelligenteste Lösung. Aber mächtige Investoren könnten dabei einen Verlust einfahren. Lieber zwingen sie Deutschland und Konsorten, dass doch deren Steuerzahler die Taschen öffnen. Hoffentlich bleibt Deutschland standfest.

Gast: Isch*ißmian
26.02.2012 20:07
1

Mein Vorschlag: Deutschland soll aus dem Euro austreten. Ernsthaft.

Deutschland ist das einzige Land Europas dass auf Grund seiner Wirtschaftskraft (Größe x Produktivität) nicht in diese Zone passt.

Und da die meisten User im Presseforum ja der amüsanten These anhängen dass deutsche Produkte wegen ihre "Qualität" gekauft würden (als würden sich Angebots- und Nachfragekurve im Schnittpunkt bei der Qualität und nicht beim Preis treffen) kann das für Deutschland ja auch kein Problem darstellen. Bei der Qualität würden die deutschen Waren ja auch gekauft werden wenn die DM-NEU plötzlich um 50 % aufwertet, oder?

Antworten Gast: Grüner Kacktus?
27.02.2012 12:57
2

Re: Mein Vorschlag: Deutschland soll aus dem Euro austreten. Ernsthaft.

Ein freies und unabhängiges Deutschland wäre die stärkste Wirtschaftsmacht der Welt und laut Günther Verheugen ist der Zweck der EU genau dies zu verhindern.

Stellen Sie sich vor was es bedeutet ein Land zu sein, dass noch selbst wirtschaftlich notwendige und einzigarte Produkte entwickelt und baut während der rest der ehemaligen Industriestaaten und Neo-Dritte-Weltstaaten (wie die USA) nur mehr von Konsum auf Kredit lebt...

Antworten Gast: lololol
27.02.2012 11:56
0

Re: Mein Vorschlag: Deutschland soll aus dem Euro austreten. Ernsthaft.

Das wäre sicher die eleganteste Lösung.
Nur Deutschland wird es nicht tun, wo sie doch alle so schön im Würgegriff hat.

Antworten Gast: Schamott
26.02.2012 22:32
1

Re: Mein Vorschlag: Deutschland soll aus dem Euro austreten. Ernsthaft.

ich fürcht, das war für die meisten hier zu kompliziert ;-

Gast: Schamott
26.02.2012 19:57
2

na servas

Was hier als *Analyse* durchgeht. Da werden eifrig Äpfel und Birnen verglichen, Fakten ausgeblendet, irgendwelche obskuren *Analysten* zitiert und dann allen Ernstes behauptet, man hätte die Lösung für die Eurokriste gefunden.

Wer an einer fundierten Betrachtung des Themas interessiert ist, lese hier: http://www.economist.com/node/21547750

Die Diskussion im Anschluss an den Artikel ist aber mindestens, wenn nicht noch erhellender, als der Beitrag der beiden Ex-Nationalbanker

Das hätten Sie der Vollständigkeit halber anführen dürfen.

Es werden von den beiden Autoren auch angenommen, dass Griechenland auf Dauer vom Rest der EU leben wird - müssen.

Genauso gehen die Autoren davon aus, dass die Reformen tatsächlich durchgeführt werden - zumindest keine ungewagte Aussage.

Kurz und gut: Griechenland wird auf Dauer ein unsouveräner Staat bleiben, der sich nur aufgrund fremder Hilfe überleben wird - ob mit oder ohne EURO.

Tatsache ist auch, dass GRE nie - ich betone es nochmals, weil man ja so schnell vergisst - die Bedingungen für den EURO Beitritt erfüllt hatte.

Fakt ist auch, dass GRE mit oder ohne EURO ein dysfunktionaler, oder anders ein "failed state" ist, in dem die Bürokratie nicht willens ist Vorgaben der Politik tatsächlich umzusetzen; indem nicht einmal klar wer aller im öffentlichen Dienst steht, und, und.....

Kurz und gut: Griechenland und der EURO - eine fatale Kombination, für die wir noch alle zahlen werden "dürfen".

dafür machen wir eine 2 Billionen Brandmauer!

und Olli Rehn hat wohl einen an der Waffel für die Aussage!

"Dazu muss der permanente Rettungsschirm ESM aufgestockt werden. EU-Währungskommissar Olli Rehn sagt, viele tausend Kilometer von zu Hause entfernt, dass alle Europäer dies wollten. Er sei zuversichtlich, dass man im März eine Entscheidung zur Aufstockung treffen werde. Damit sollte Rehn vor allem gut Wetter bei den anderen Industrienationen machen, die in Mexiko erneut unmissverständlich zum Ausdruck brachten, dass es keine Finanzhilfen gebe werde, wenn der ESM nicht auf 2 Billionen aufgestockt werde."

10

Währungsreform also in ganz Europa?


Das könnte jederzeit passieren.
Kurze Schmerzen, alle Ersparnisse weg - reset...

Gast: Pensador
26.02.2012 18:48
16

Jetzt derfens es sagen!

Na alsdann.
Jetzt darf sogar die "Presse" schon schreiben, dass der Himmel in Wirklichkeit blau und nicht gelb ist.
Vor ein paar Monaten wurden noch postings, die meinten, es wäre das Vernünftigste, wenn GR aus dem € austritt, in diesem Forum gelöscht. Vielleicht auch, weils, horribile dictu,
auch seit jeher der Strache sagt.
Man könnte sich freuen, wenns nicht schon bald zu spät wäre.

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