Analyse: Die erträgliche Leichtigkeit des Euro-Ausstiegs

Währungsunionen kommen und gehen. Ein Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone wäre – entgegen der herrschenden Meinung – wahrscheinlich keine Katastrophe, sondern die Chance auf einen Neuanfang.

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Wien. Nicolas Sarkozy hat sich längst festgelegt. „Der Euro ist das schlagende Herz Europas“, sagte er bei einem G20-Treffen im November des vergangenen Jahres. „Wir können eine Explosion des Euro nicht akzeptieren. Wenn der Euro explodiert, dann explodiert Europa.“ Angela Merkel bevorzugt eine gemäßigtere Wortwahl: „Zerbricht der Euro, dann zerbricht Europa“, betont sie immer wieder. Auch für die meisten prominenten Ökonomen scheint klar: Der Zerfall der Eurozone wäre eine wirtschaftliche Katastrophe. Einzig: Währungsunionen kommen und gehen. Allein im 20. Jahrhundert sind mehr als hundert Währungen zerfallen – meist rasch und fast reibungslos.

 

Austritt überraschend simpel

Die britischen Finanzanalysten von Variant Perceptions haben eine umfassende Studie über Währungsreformen erstellt. Der Schluss: „Fast alle schrecklichen Prognosen über einen Zerfall der Eurozone werden sich als falsch herausstellen.“

Der Euro verhülle bloß, dass es sich bei den Problemen von Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien (PIIGS) „um eine klassische Krise von Entwicklungsländern“ handle, so Variant Perception. Und diese seien in der Vergangenheit immer durch Staatsbankrotte und Währungsabwertungen gelöst worden. Solange sie im Euro bleiben, ist den PIIGS dieser Weg aber verstellt – selbst ein Staatsbankrott bringe keine Lösung, solange die Kontrolle über die Währungspolitik nicht zurückerlangt wird. Griechenland und Portugal müssten den Euro auf jeden Fall verlassen – Spanien, Italien und Irland sollten es „stark in Erwägung ziehen“, so die Studie: „Der Ausstieg aus einer Währungsunion ist überraschend simpel. Geschichtlich betrachtet hat der Wechsel von einer Währung in eine andere weder zu schweren wirtschaftlichen noch juristischen Problemen geführt. In fast allen Fällen gingen die Währungsreformen reibungslos vonstatten. Der Zerfall des Euro wäre zwar ein historisches Event, aber keinesfalls einzigartig.“

Wer wissen will, wie ein Eurozerfall ablaufen könnte, müsse nur in die Vergangenheit schauen. Währungsreformen laufen fast immer nach demselben Muster ab: Zuerst wird die Möglichkeit kategorisch ausgeschlossen, dann kommt es am Wochenende zu einer überraschenden Parlamentssitzung, bei der die Einführung einer neuen Währung beschlossen wird. Die Banken bleiben einige Tage geschlossen, an den Grenzen werden Kapitalkontrollen eingeführt und die Banknoten im Umlauf werden gestempelt oder mit einer Marke versehen. Wenn die neue Währung gedruckt ist, werden sie ausgetauscht. „Der ganze Prozess dauerte meist nur wenige Monate“, so die Studie.

 

Schulden abwerten

Die „Krone“ der Monarchie war eine dem Euro ziemlich ähnliche Währung. Selbst der Internationale Währungsfonds (IWF), der an den griechischen Hilfspaketen beteiligt ist, schreibt in einer Analyse des „Krone“-Zerfalls von 1919: „Fiskalpolitische Stabilität war eine Konsequenz der Währungsreformen, nicht die Voraussetzung dafür.“ Als sich Pakistan und Indien 1947 trennten, stellte die Währungsumstellung nur eine geringe Herausforderung dar: „Trotz der politischen Konflikte rund um die Trennung verliefen die technische Abwicklung und die Aufteilung der Reserven der Zentralbank problemlos“, so die Analysten von Variant Perceptions.

Ähnlich lief die Währungsreform nach dem Ende der Tschechoslowakei: „Die Kosten der Umstellung waren relativ niedrig und die Ordnung schnell wieder hergestellt“, sagte der tschechische Zentralbankchef Miroslav Singer 2011 in einer Rede. Die Slowakei wertete ab und stand 16 Jahre später besser da als ihr Nachbar – gut genug, um 2009 dem Euro beitreten zu können.

Vor dem Zerfall brachten viele Sparer ihr Geld von der slowakischen auf die tschechische Seite – heute versuchen die Griechen und Portugiesen ihr Geld nach Kerneuropa in Sicherheit zu bringen. Für Griechenland und Portugal, sei ein Euro-Exit die einzige Chance, so die Studie. Weil ein Großteil der Staatsschulden nach heimischem Recht vergeben wurde, könnten die Regierungen in Athen und Lissabon ihre Schulden danach in abgewerteten Drachmen und Escudos zurückzahlen. Firmen, die in ausländischen Währungen verschuldet sind, würden allerdings in Probleme geraten. „Es würde zu vielen Insolvenzen kommen. Das hätte allerdings auch den Vorteil, dass auch die Firmen mit frischen Bilanzen einen Neustart machen könnten.“

Die Studie verweist auf die Lehren aus der Asienkrise: „Die Prognosen sprachen von Kollaps und Armageddon. Tatsächlich ging es Asien nach Staatsbankrotten und Abwertungen schnell wieder gut. Die Erfahrung zeigt, dass nach einer kurzen schmerzvollen Phase schnell eine Erholung einsetzt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2012)

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