CDS: Die Angst vor einer Kettenreaktion

Seit Freitagabend steht fest: Erstmals in der Geschichte der Eurozone ist mit Griechenland ein Staat Bankrott gegangen. Die Regierung wird einen Teil der Gläubiger zum Schuldenerlass zwingen.

Angst einer Kettenreaktion
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Angst einer Kettenreaktion
(c) AP (Dimitri Messinis)

Mehr als sechs Stunden diskutierte das 15-köpfige Gremium, ehe am späten Freitagabend die Entscheidung feststand: Der Schuldenschnitt in Griechenland ist ein sogenanntes „Kreditereignis“, entschied die Spitze des Branchenverbandes „International Swaps and Derivatives Association“ (Isda). Damit ist klar, dass erstmals in der Geschichte der Eurozone ein Mitglied offiziell Bankrott gegangen ist. Weniger klar ist indes, was das nun für das weltweite Finanzsystem bedeutet.

Durch die Feststellung eines „Kreditereignisses“ ist zumindest ein Teil jener Investoren zu entschädigen, die sich gegen einen Zahlungsausfall Griechenlands versichert haben. Solche „Credit Default Swaps“ (CDS) kaufen viele Inhaber von Staatsanleihen, um sich abzusichern. Es steht Investoren aber auch frei, auf einen Zahlungsausfall zu spekulieren, ohne dem Geschäft zugrunde liegende Staatsanleihen zu halten.

Unklarheit über exakte Summe

Mit Spannung schaut die Finanzwelt nun auf die Folgewirkungen der Fälligkeit von CDS. Laut dem US-Abwicklungshaus für Derivate DTCC beläuft sich das weltweite Volumen griechischer CDS auf 69,9 Milliarden Dollar (53 Milliarden Euro). Allerdings treten viele Händler als Käufer und Verkäufer dieses Finanzproduktes auf. Das Nettovolumen, also die nach Gegenrechnung von Gewinnen und Verlusten übrig bleibende Differenz, belaufe sich demnach auf lediglich 3,2 Milliarden Dollar.

Diese Summen allein können das Finanzsystem sicher nicht ins Schwanken bringen. Allerdings: Niemand kann mit absoluter Sicherheit sagen, wie viele CDS sich tatsächlich im Umlauf befinden. Verträge auf Kreditausfallsversicherungen können nämlich „over-the-counter“ abgeschlossen werden. Sie müssen nicht in einem regulierten Markt, etwa einem offiziellen Börseplatz, stattfinden. Außerdem kann sich ein Investor auch gegen die mögliche Fälligkeit eines CDS-Papiers erneut versichern – ein CDS auf CDS sozusagen. Alle diese Punkte machen das Risiko schwer kalkulierbar und lassen die Börsenwelt nun zittern.

KA Finanz mit doppeltem Risiko

Kleinere Institute, die in großem Stil mit CDS gehandelt haben, dürften nun jedenfalls in erhebliche Schwierigkeiten geraten. So ist in Österreich für die 2008 notverstaatlichte KA Finanz aller Voraussicht nach eine weitere Kapitalspritze der Steuerzahler vonnöten. Die Bad Bank der Kommunalkredit hatte ein doppeltes Verlustrisiko mit griechischen Staatsanleihen auf sich genommen – einerseits, indem sie Anleihen selbst gekauft hat, andererseits, indem sie auch Versicherungen gegen einen Zahlungsausfall Griechenlands verkauft hat. Zumindest 400 Millionen Euro wird der Steuerzahler voraussichtlich für fällige CDS nachschießen müssen, in etwa 600 Millionen Euro kommen für griechische Staatsanleihen hinzu, die nun durch den Schuldenschnitt an Wert verloren haben.

Weltweit bleibt abzuwarten, ob ähnlich wie 2008 nach der Pleite von Lehman Brothers erneut eine Kettenreaktion bevorsteht. Damals geriet der Versicherungsriese AIG ins Wanken, weil er CDS auf das New Yorker Investmenthaus in seinen Büchern hielt. Erst eine Teilverstaatlichung des Konzerns durch eine milliardenschwere Kapitalspritze der US-Regierung konnte die Lage annähernd beruhigen.

Misstrauen der Banken

Trotzdem misstrauten sich Bankinstitute weltweit über lange Zeit hinweg, weil unklar war, wer wie viele „Leichen“ in Form fällig werdender CDS im Keller versteckt hatte. Das Vertrauensproblem besteht auch heute im Zusammenhang mit der europäischen Schuldenkrise. Weil die Banken nicht sicher sind, welcher Konkurrent eine Staatspleite Griechenlands eventuell nicht überlebt, leihen sie sich kaum Geld. Die US-Notenbank Fed und die EZB versuchen durch die Vergabe von günstigen Krediten entgegenzuwirken und Liquidität bereitzustellen.

Der Tenor in der internationalen Finanzwelt lautete am Wochenende: Die Gefahr einer Kettenreaktion durch griechische CDS bestehe zwar, doch bestehe eine gute Chance, dass es nicht dazu kommt. Tatsächlich sprach der Derivateverband DTCC nach der Pleite von Lehman von einem ausstehenden CDS-Volumen von rund 500 Milliarden Dollar – also knapp siebenmal soviel wie nun bei Griechenland.

Erleichterung in Griechenland

Betont gelassen zeigte sich zum Wochenende der griechische Finanzminister Evangelos Venizelos. „Das macht uns keine Sorgen. Das ist eine Summe, die für Griechenland und die europäische Wirtschaft zu vernachlässigen ist“, sagte er in Bezug auf griechische CDS. Venizelos hofft, dass sein Land nach dem über die Bühne gegangenen Schuldenschnitt die Verschuldung bis 2020 auf 120 Prozent der Wirtschaftsleistung drücken kann. Dazu beitragen soll die Beteiligung privater Gläubiger im Ausmaß von mehr als 100 Milliarden Euro sowie das zweite Hilfspaket der Troika aus EU, EZB und IWF in Höhe von 130 Milliarden Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2012)

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