Finanzkrise: Genau wie damals beim Gründerkrach

Aus welcher Krise von einst können wir Lehren ziehen? Nicht aus der Großen, sondern aus der Langen Depression. Die erste globale Rezession begann 1873 in Wien, dauerte sechs Jahre und erinnert gespenstisch an heute.

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Es war einmal und ist nicht mehr: eine euphorische Generation, die an schrankenloses Wachstum glaubte. Ein Bauboom, beflügelt von allzu großzügigen Krediten. Komplizierte Wertpapiere, die plötzlich nichts mehr wert waren. Ein Börsenkrach. Einige tote und viele misstrauische Banken, die nichts mehr verliehen und Firmen in die Insolvenz trieben. Arbeitslosigkeit, Protektionismus, Sündenböcke. Neue Wirtschaftsmächte, die das Kommando übernahmen. All das war einmal, anno 1873. Oder ist vielmehr, hier und heute?

Wer sich um Rezepte gegen die aktuellen Krise bemüht, malt gerne das Schreckgespenst der Großen Depression von 1929 an die Wand. Dabei wurde diese von Faktoren ausgelöst, die die heutige jüngere Generation nur aus Geschichtsbüchern kennt. Überhöhte Lagerbestände, deutsche Reparationszahlungen, britische Goldreserven? Alles längst kein Thema mehr.

Dabei gibt es diese ältere, längst vergessene Rezession, die frappant und fatal an unsere heutige erinnert: die Lange Depression von 1873 bis 1879. An ihrem Brandherd, in Österreich und Deutschland, sprach man vom Gründerkrach. Er unterbrach, heftig und mahnend, die fortschrittsgläubige Gründerzeit, die Start-up-Epoche des emanzipierten Bürgertums und der prunkvollen Ringstraßenpalais.

Subprime à la k.u.k. Alles beginnt in Österreich-Ungarn, im Mai 1873. Die Doppelmonarchie hat sich von der Stimmung der Deutschen anstecken lassen, die nach dem Sieg über Frankreich und der Reichsbildung goldene Zeiten anbrechen sehen. Tausende Unternehmen sprießen aus dem Boden, an der Börse brüllen die Bullen.

Kaiser und Regierung fördern die Gründung von Hypothekenbanken. Es wird auf Teufel komm raus gebaut. Geld ist leicht zu haben, als Sicherheit genügen halb fertige, bald sogar nur geplante Häuser. Der unregulierte Pfandbrief wird allzu populär und, modern gesprochen, zum Subprime-Papier. Die Hausse hat keine reale Basis.

Sogar für den Weizen aus dem Osten der Monarchie ist ein aggressiver Konkurrent aufgetaucht: die US-Bauern im Mittelwesten, die billiger ernten und schneller transportieren – vor allem nach Großbritannien, dem Hauptabnehmer des Habsburger-Getreides.

Noch ein anderes Problem kommt aus Übersee: giftige Papiere, die zwei Drittel der europäischen Banken in ihren Depots lagern. In den USA wurden zur Finanzierung von Bahnstrecken Anleihen gebastelt, die auch in Europa reißenden Absatz finden. Sie bieten eine Sicherheit an, die so kompliziert ist, das anfangs niemand versteht, dass sie gar nicht existiert – und die Papiere wertlos werden, sobald die Eisenbahnbarone in Schwierigkeiten geraten.

Zwischenbankzins: 148Prozent. Nun aber wächst unter den Investoren die Skepsis. Als Erstes fällt ihr die Franko-Ungarische Bank in Budapest zum Opfer, rasch folgen weitere Institute in Wien. Anleger werfen ihre Aktien auf den Markt, Bankkunden räumen ihre Konten. Kurz darauf kracht es in Deutschland, dann in den USA.

Die britischen Banken halten ihr Kapital zurück, weil sie nicht wissen, wie viele Leichen sich in den Kellern der Kollegen stapeln. Der Zwischenbankzins steigt auf absurde 148Prozent. Die Kapitalströme trocknen aus, die Realwirtschaft darbt. Allein in New York sitzen 100.000Menschen, ein Viertel der Erwerbstätigen, auf der Straße, ohne jede soziale Absicherung.

Erst 1879, sechs Jahre später, war der Spuk vorbei – ganz von allein, denn noch halten sich die Staaten an die liberale Lehre, die Eingriffe des Staates in das Wirtschaftsgeschehen ablehnt. Die Strukturen haben sich angepasst, die USA gehen als neuer großer Player der Weltwirtschaft gestärkt aus der Krise hervor. Ein glückliches Ende?

In der Folge zuckte die Wachstumskurve lange hektisch vor sich hin, bis sie ab 1895 wieder konstant nach oben strebte. Doch die Mär, die Weltwirtschaft habe bis dahin stagniert, lässt sich durch Zahlen nicht belegen. Sie wuchs alles in allem recht kräftig – nur nicht in der Wahrnehmung der Wirtschaftssubjekte, die auch auf kleine Rückschläge sehr nervös reagierten. Denn der Glaube der Kleinbürger an die Segnungen des Kapitalismus lag unter den Trümmern des Gründerkrachs begraben. Das hatte eine gute und zwei sehr üble Folgen.

Die gute: Durch das Erstarken der Gewerkschaften rückte die soziale Frage ins Blickfeld. Erste Schritte zu einer allgemeinen Sozialversicherung wurden getan. Die üblen: Protektionismus löste den Freihandel ab. Erst führte der deutsche Reichskanzler Bismarck Zölle zum Schutz der deutschen Industrie ein, dann ließen die USA und Frankreich die Grenzbalken herunter.

Auch die Sündenböcke für die Launen des Marktes waren schnell gefunden – ausländische Banken, raffgierige Spekulanten, vor allem aber die Juden. Im Klima eines immer salonfähiger werdenden Antisemitismus reifte dann in Wien ein dilettierender Maler aus Linz zum Mann und Monster.

Was wir aus all dem lernen können? Man muss nicht viel ändern, um die hier skizzierte Analyse des US-Wirtschaftshistorikers Scott Reynolds Nelson auf heute umzumünzen. Geändert hat sich die Rolle der Regierungen. Sie verlassen sich nicht auf die automatischen Stabilisatoren, deren Grundstock damals gelegt wurde, sondern spielen, unter Einsatz gewaltiger Summen, Feuerwehrmann statt Nachtwächter. Mit ungewissen Folgen: Sicher scheint nur, dass der Bankensektor vorerst gerettet ist und die Staatsschulden dramatisch steigen.

Und die Sündenböcke? Diesmal werden es, einigen Rülpsern über die „Ostküste“ zum Trotz, nicht mehr die Juden sein, die die Schuld am Schlamassel tragen. Für den kleinen Mann von heute taugen dazu besser die Ausländer, von denen er – der Evidenz zum Trotz – annimmt, dass sie ihm die Arbeit rauben, als Migranten vor Ort oder als Fabrikarbeiter in China. Der Hass auf den Finanzkapitalismus aber ist ein Stockwerk höher gestiegen, vom miefigen Parterre des Kleinbürgers in die Beletage intellektueller Zirkel.

Wirtschaftskrise 1873–1878

Der Gründerkrach in Österreich folgte einer ersten Welle der Globalisierung und des Freihandels und breitete sich rasch auf Europa und die USA aus.

Die Auslöser waren eine Immobilienblase, die durch zu schwach besicherte Darlehen entstanden war, und komplexe, nur scheinbar risikoarme Wertpapiere.

Die „Lange Depression“ ging 1878 zu Ende. Bis 1895 verlief die Konjunktur sehr volatil; auch kurze Rückgänge lösten Nervosität und Rezessionsängste aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2009)

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