23.05.2013 22:44 Merkliste 0

Boomland North Dakota: Agrarstaat als Ölmacht

11.09.2012 | 10:23 |  Von Peter Huber (DiePresse.com)

In den US-Staaten North Dakota und Montana ist ein regelrechter Ölrausch ausgebrochen. Doch der Boom hat auch seine Schattenseiten.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Erinnerungen an den Goldrausch im 19. Jahrhundert werden wach: Glücksritter und Arbeitssuchende pilgern zur Zeit in die US-Bundesstaaten North Dakota und Montana. Doch diesmal lockt das Öl. Fast unbeobachtet hat North Dakota wichtige Ölstaaten wie Alaska und Kalifornien hinter sich gelassen. Nur noch in Texas wird in den USA mehr Öl gefördert. Der Agrarstaat North Dakota mit seinen 675.000 Einwohnern ist in Zeiten der Wirtschaftskrise zum Eldorado geworden. Die Arbeitslosigkeit liegt bei drei Prozent. Im Vergleich: Landesweit hält sie sich hartnäckig bei über acht Prozent. Wer bei der Fastfood-Kette McDonald's jobbt, bekommt 15 Dollar in der Stunde - das Doppelte des landesüblichen Lohns, wie "Welt" berichtet. Auch Lkw-Fahrer verdienen schon einmal 120.000 Dollar im Jahr - mehr als das Doppelte des US-Durchschnittlohns.

In keinem anderen US-Ölfeld wird derzeit so stark gebohrt wie im sogenannten Bakken in North Dakota und Montana (eineinhalb Mal so groß wie Deutschland), das bis nach Kanada reicht und mit dem umstrittenen Fracking-Verfahren erschlossen wird. "Die Energielandkarte Amerikas wird neu gezeichnet", schreibt "wallstreetjournal.de". Und US-Präsident Obama sieht in der Bakken-Formation sogar den Schlüssel für die Energieunabhängigkeit der USA, wie "Die Zeit" schreibt. Tatsächlich dürften die USA schon bald zum Ölselbstversorger werden.

Ölmacht North Dakota

Noch vor fünf Jahren war der Prärie-Staat North Dakota an der kanadischen Grenze mit einer Produktion von 3000 Fass pro Tag im Ölgeschäft so gut wie nicht vorhanden, wie "Die Presse" berichtete. Inzwischen hat sich die Produktion aber auf rund 300.000 Fass pro Tag verhundertfacht. Grund für den Boom sind demnach die hohe Qualität und die verhältnismäßig niedrigen Kosten, die in der Region für die Förderung von Öl aus Ölschiefer anfallen. Mit Hilfe der Fördertechnik "Fracking" kann Erdgas und Erdöl aus bislang unerreichbaren Gesteinsschichten gewonnen werden. Mit rund 40 Dollar je Fass ist das Öl zwar deutlich teurer als etwa konventionelles Öl im Nahen Osten, kann aber mit Tiefseeöl mithalten und ist bei einem Ölpreis von über 100 Dollar bereits profitabel.

Das Fracking-Verfahren stößt aber auch auf vehemente Kritik. Denn pro Bohrloch werden bis zu 20 Millionen Liter Wasser ins Gestein gepresst. Experten warnen zudem davor, dass Fracking Erdbeben auslösen und Trinkwasser vergiften kann.

"Fracking" von Ölschiefer
Es handelt sich dabei um keine Ölfelder im klassischen Sinn, sondern um sogenanntes „unkonventionelles Öl“ in Form von Ölschiefer. Bei Ölschiefer sind die wertvollen Kohlenwasserstoffe im Gestein gebunden. Seitdem der Ölpreis konsequent auf über 80 Dollar je Fass verweilt, werden viele bislang unwirtschaftliche Fördermethoden plötzlich lukrativ.

Möglich wurde das durch zwei technische Neuerungen in der Fördertechnik – dem horizontalen Bohren und dem sogenannten „Fracking“. So ermöglichen es Steuersysteme inzwischen, dass Bohrköpfe mehrere Kilometer unter der Erdoberfläche seitlich abgeleitet werden und die Bohrung dann zentimetergenau horizontal weiterläuft. Einer der weltweit wichtigsten Hersteller solcher Systeme ist die heimische Schoeller-Bleckmann Oilfield.

Aus dem Schiefer gelöst wird der Rohstoff durch Fracking: Dabei werden Wasser, Sand und eine Reihe von Chemikalien unter hohem Druck in das Gestein gespritzt. Die Mischung reißt künstliche Spalten in den Schiefer, durch die der Rohstoff an die Oberfläche wandern kann.

Quelle: Jakob Zirm, "Die Presse"

"1500 Dollar für ein dunkles Kellerzimmer"

Dennoch ist für viele Menschen in North Dakota der Ölboom ein Segen. "Jahrelang gab es hier nur Niedergang", sagt etwa der Öllobbyist Ron Ness laut Wochenendbeilage "der 7.tag" der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. "Die jungen Leute zogen weg, die Farmen warfen zu wenig Geld ab. Das Öl bringt endlich das Leben zurück in unsere Heimat." Der Schattenseiten des Boom ist sich aber auch der Ölunternehmer Duane Mitchell bewusst, wie "Die Zeit" berichtet: "Seit Pioniertagen wird jeder Aufbruch in eine bessere Zukunft auch von Verbrechen, Habgier und Neid begleitet."

Was das konkret bedeutet? Die Zeitung listet auf: "Ein Drittel mehr Straftaten, 50 Prozent mehr Verkehrsunfälle, Dreck, Lärm, raufwütige Männer, Alkohol, Drogen und raffgierige Vermieter, die einem Ölarbeiter für ein dunkles Kellerzimmer oder ein Bett in der Garage 1500 Dollar im Monat abknöpfen." Ward Koesner, Bürgermeister des Orts Willston, dem Epizentrum des Ölrauschs, sagt einem "CNBC"-Bericht zufolge: "Ich würde nicht sagen, dass die Lage außer Kontrolle ist, aber wir stehen knapp davor".

"Ölrausch ist Wunschdenken"

Josef Braml, USA-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, hat grobe Zweifel an Szenarien, wonach die USA zu einem führenden Ölproduzenten aufsteigen könnten. "Alles was man vom Ölrausch hört, ist Wunschdenken", merkt Braml laut "Wirtschaftswoche" an. Es sei längst nicht klar, wie viel Öl tatsächlich und zu welchem Preis gefördert werden können, sagt der Autor des Buches "Der amerikanische Patient". Auch die umweltschädigenden Auswirkungen seien noch nicht abzuschätzen.

Sein Fazit: "Bis auf Weiteres bleiben die USA, insbesondere deren Transportsektor und Wirtschaft, in höchstem Maße von Erdöl abhängig, das nach wie vor zu einem sehr hohen wirtschaftlichen und militärischen Preis aus instabilen Weltregionen importiert werden muss."

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Mehr auf DiePresse.com

10 Kommentare

fracken ist weder neu noch besonders riskant

ach ihr lieben Journalisten, schreibt, wovon ihr etwas versteht!

Und in 20 Jahren sieht's dorten dann so aus wie in Detroit!

Nachhaltigkeit, Ressourcennutzung ohne Folgeschäden sind Fremdwörter für die Amis. Laut Wiki stellen die Deutschen (da Engländer, Schotten und Iren getrennt gerechnet werden) mit knapp 50 Millionen die größte Einwanderungsgruppe in den Staaten dar. Ohne dieses Intellektuelle Potential aus dem Volke der Dichter und Denker wäre dieses Land schon längst im Chaos versunken und könnte keine Ansprüche mehr auf die Vorherrschaft am Blauen Planeten stellen. Jetzt bleiben die Deutschen aus, aber dafür kommen die Latinos und damit ist der Untergang nur noch a question of time.

Re: Und in 20 Jahren sieht's dorten dann so aus wie in Detroit!

frage mich wie oft sie schon in den usa waren?

die latinos sind durch die bank alle sehr harte arbeiter die motiviert sind und den "vorwaertsdrang" der einwanderer noch haben

god bless america

my home sweet home

:-)

Super!

Es gibt noch immer genug Bio-Öl auf diesem Planeten!

Re: Super!

und das beste (die gruen fanatiker wollen das sicher nicht hoeren) - es kommt wieder! oel wird anorganisch im erdinneren durch hohen druck erzeugt. es gibt zig berichte wo sich "angeblich" leere lagerstaetten seit jahrzehnten wieder fuellen und rein rechnerisch schon 100x ausgetrocknete felder immer noch oel geben

peak oil is daher humbug - es gibt hoechstens peak - fiat waehrung.

in silber gerechnet kostet die gallone immer noch 10 cent, nicht 4 dollar. es gibt also kein oel-problem sondern nur ein geld-problem.

fantastic

wenn die Förderung immer kostspieliger wird ,die Bohrer immer tiefer gehen müssen ,die letzten Reste aus Gestein gekratzt werden ,wenn aus dem Wasswerhahn Gas kommt
peak oil
auch für jene ,die die Gegenwart nicht wahrhaben wollen

Gast: Bankingguru
11.09.2012 14:43
1 0

Das North Dakota Staatsbank Modell ist sehr interessant.


Nicht vergessen

North Dakota war auch schon davor schuldenfrei, was sich daraus ergibt, dass sich dieser Bundestaat nicht unter die Fittiche der FED begeben hat, sondern eine völlig eigenständige Geldpolitik betreibt. Mit dem Vorteil, dass nicht Banken allein Kredite an Private und Gewerbetreibende vergeben, sondern auch die Landesbank selbst, die aber nach strengen Regeln aufgestellt ist. Dazu sind solche Kredite extrem günstig.

Von einer Immobilienblase hat man in North Dakota noch nichts gehört, inzwischen möchten andere Bundesstaaten (schon seit längerem) sich diesem geschlossenen System - unter Verwendung des US-Dollars - anschließen.

Antworten Gast: yes, we can do banking too
11.09.2012 14:33
2 0

Bank of North Dakota, die einzige Bank der USA im Besitz eines Bundestaates

Bank of North Dakota, die einzige Bank der USA im Besitz eines Bundestaates; erfolgreich auch in der "Krise".

- Danke dies wollte ich auch beifügen.

mehr zur bemerkenswerten Bank:
Bank of North Dakota - Wikipedia
http://en.wikipedia.org/wiki/Bank_of_North_Dakota

"Bank of North Dakota: America's only 'socialist' bank is thriving during downturn"
http://www.huffingtonpost.com/2010/02/16/bank-of-north-dakotasocia_n_463522.html

"How the Nation’s Only State-Owned Bank Became the Envy of Wall Street"
http://www.motherjones.com/mojo/2009/03/how-nation%E2%80%99s-only-state-owned-bank-became-envy-wall-street

Meinung

Wirtschaftskolumnen auf DiePresse.com »