Im Mittelalter wurde weniger gearbeitet als heute

27.02.2013 | 07:49 |  Von Peter Huber (DiePresse.com)

Bis zur Industriellen Revolution bildeten Arbeits- und Freizeit eine Einheit. Die Entlohnung war nicht an konkrete Arbeitszeiten gekoppelt.

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Rund um die Arbeitszeit sind momentan heftige Diskussionen entbrannt. "Weg mit der 40-Stunden-Woche im Staatsdienst", forderte einerseits Gewerkschaftschef Erich Foglar vor wenigen Tagen im Gespräch mit der "Presse". Andererseits machten Anfang Februar deutsche Forscher und Politiker mit einer Forderung nach einer radikal verkürzten Arbeitszeit (30 Stunden) auf sich aufmerksam. "DiePresse.com" berichtete ausführlich darüber.

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Der Hobbyökonom widmet sich daher diese Woche dem Thema der Arbeitszeit und seiner Entwicklung über die vergangenen Jahrhunderte in Europa.

Die Mär vom geknechteten Handwerker

Vor der Industriellen Revolution im ausgehenden 18. Jahrhundert bildeten in Europa Arbeits- und Freizeit mehr oder weniger eine Einheit: Phasen des Schaffens und Phasen der Ruhe gingen ineinander über. Wohn- und Arbeitsort waren üblicherweise nicht getrennt. Die Erwirtschaftung des täglichen Lebensbedarfs stand im Vordergrund. Im Mittelalter begann der Arbeitstag oft mit Sonnenaufgang und endete mit Sonnenuntergang (16 Stunden im Sommer, acht im Winter). Durchgearbeitet wurde aber nicht, wie auch die Beschreibung des Tagesablaufs eines Arbeiters von James Pilkington, dem Bischof von Durham, im Jahr 1570 zeigt. Der Arbeitstag war demnach wesentlich durch ausgiebige Pausen geprägt: Etwa für das Frühstück, das Mittagessen und den üblichen Nachmittagsschlaf.

>>> Arbeitszeit: Eine interaktive Zeitreise

Die Zeit selbst spielte eine geringe Rolle: Minuten und Sekunden waren noch nicht messbar. Die Entlohnung war nicht an konkrete Arbeitszeiten gekoppelt. Die Soziologin und gelernte Ökonomin Juliet B. Schor räumt mit dem Bild des geknechteten Handwerkers - der vor Sonnenaufgang aufsteht und im Kerzenlicht bis spät in die Nacht arbeitet - im Mittelalter auf. In ihrem Buch "The Overworked American: The Unexpected Decline of Leisure" schreibt sie, dass die Geschwindigkeit in vor-kapitalistischen Zeiten langsam war - auch das Arbeitstempo war demnach entspannt.

1830: Bis zu 85-Stunden-Wochen

Eine Folge der Industrialisierung - die den Arbeitsplatz in fremde Fabriken und Unternehmen verlegte - war die Einführung fester Arbeitszeiten sowie die Ausweitung dieser. "Durch Arbeitszeitverlängerung suchten die Unternehmer das in die Maschinen und Fabriken investierte Kapital möglichst schnell zu amortisieren", schreibt Wolfgang König in seinem Buch "Geschichte der Konsumgesellschaft". Die gesetzlich nicht geregelte Arbeitszeit in Österreich lag um 1830 bei 14 bis 16 Stunden pro Tag oder 80 bis 85 Stunden in der Woche. Freizeit gab es faktisch nur am Sonntag.

Arbeit in der Neuzeit
"Man arbeitet nicht allein, dass man lebt, sondern man lebt um der Arbeit willen, und wenn man nichts mehr zu arbeiten hat, so leidet man oder entschläft."

Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760)

Aber nicht nur das: Die Maschinen gaben ab sofort den Arbeitstakt vor. Druck auf die Arbeiter wurde aufgebaut. Jeder kleine Fehler wurde geahndet (in den Fabrikordnungen gab es Bußgeldkataloge) - mit Geldstrafen oder Entlassung. So etwas wie Urlaub gab es nicht. Sogar der "blaue Montag", die bei Handwerkern übliche Sitte, den Montag zu einem freien Tag zu machen, wurde in Österreich streng verboten.

Mit elf Pfund schwerem Hammer elf Stunden schlagen?

Ein Fabriksbesitzer in Ebreichsdorf gewährte nicht einmal den 15- bis 16-jährigen Arbeitern eine Stunde am Tag zur Erholung. Aber nicht allein die Arbeitsdauer war ausschlaggebend: In Produktionszweigen, bei denen die Arbeitszeit kürzer war, waren die Arbeitsbedingungen umso härter. Herbert Matis schildert in seinem Buch "Von der frühen Industrialisierung zum Computerzeitalter" den Fall des Folienschlägers Collins von der Neuhauser Fabrik. Collins klagte demnach im Jahr 1780: "Wem ist es möglich, mit einem elf Pfund schweren Hammer elf Stunden also zuzuschlagen?"

Der Wiener Mediziner J. Kolz untersuchte laut Matis von Amts wegen die Verhältnisse in den niederösterreichischen Spinnereien. Zwar habe er versucht, die Zustände in rosigem Licht darzustellen, doch die Tatsachen hätten für sich gesprochen. "In Pottendorf und Trumau genehmigte man eine halbe Stunde Mittagszeit, in einigen anderen Spinnereien vor- und nachmittags je eine halbstündige Essenspause, in der den Fabriksarbeitern gestattet war, Frühstück und Jause einzunehmen, ohne dabei jedoch die Arbeit zu unterbrechen", so Kolz.

Exkurs: Arbeitszeit im Bäckergewerbe
Im Mai 1893 forderte etwa die deutsche Kommission für Arbeiterstatistik den Fachverein der Bäcker dazu auf, sich zur Frage der gesetzlichen Regelung der Arbeitszeit und der Sonntagsruhe im Bäckergewerbe zu äußern. Die erste Frage lautete: Kann die regelmäßige tägliche Arbeitszeit einschließlich der Pausen und der auf Nebenarbeiten zu verwendenden Zeit für die Gesellen in Bäckereien allgemein auf zwölf Stunden beschränkt werden?

Die Antwort: "Ja. In kleineren Bäckereien wird vielfach jetzt schon zwölf Stunden gearbeitet und in größeren Bäckereien können sehr gut ein oder mehrere Arbeiter eingestellt werden. Wir halten sogar noch eine viel kürzere Arbeitszeit (neun Stunden) durchführbar. Von "Pausen" kann in den Bäckereien keine Rede sein; denn wenn die Arbeiter auch einige Minuten nicht arbeiten, so müssen sie doch dieselbe Zeit zur Überwachung des Gärungsprozesses, des Backofens usw. benutzen. Die Bezeichnung "Pausen" ist demnach nur eine leere Redensart."

Mensch im Mittelalter arbeitete nicht mehr als heute

Die durchschnittliche Jahresarbeitszeit im Mittelalter ist in Europa übrigens mit der heutigen durchaus zu vergleichen. "Interessant ist in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass im Mittelalter und bis zum 17. Jahrhundert - zeitlich - deutlich weniger gearbeitet wurde, als dies beispielsweise im 19. Jahrhundert oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts war", schreibt der Ökonom Bert Rürup. "Die jährliche Arbeitszeit eines Arbeitnehmers im 16. Jahrhundert betrug - ohne einen tariflichen Urlaubsanspruch zu haben, aber bedingt durch die zahlreichen kirchlichen und weltlichen Feiertage - etwa 2000 Stunden pro Jahr, d.h. kaum mehr als heute."

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87 Kommentare
 
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Im Mittelalter war es auch noch einfach

Da gab es die Lehnsherren welche um ihre Pfründe buhlten.
Dann gab es die Raubritter - welche auch immer irgendwelche guten Kontakte hatten.

Und dann gab es den Leibeigenen.

Re: Im Mittelalter war es auch noch einfach

Was mich an der Bibel so fasziniert, im Buch Genesis erschuf Gott die Welt und als er seine Arbeit getan hatte ruhte er und so heißt es dann in der Bibel "Gott sah, dass es gut war."

Das ist der Sinn der Arbeit - denke ich mir

Re: Re: Im Mittelalter war es auch noch einfach

wenn mir jetzt einer meine stinkenden Füße wäscht, wähl ich ihm zum Papst

All das

und mit vielen Beispielen belegt schon bei K. Marx (Kapital Bd 1) nachlesbar.

Arbeitszeiten

für sich zu betrachten kann auch in die Irre führen. Man müsste daher zumindest auch den dadurch erwirtschafteten und leistbaren Lebensstandard mit berücksichtigen.

Um nur ein Beispiel zu nennen, keine Spitals-Notaufnahme rund um die Uhr.

Arbeitszeitentwicklung

Eine schöne Übersicht über die Entwicklung der Arbeitszeit findet sich in folgendem Artikel: http://oekonomika.wordpress.com/2012/11/30/erstaunliches-zur-arbeitszeitentwicklung/

Re: Arbeitszeitentwicklung

besonders schön, die Zahl der Arbeitstage. 135 im 13.Jhdt. und 120 im 14.Jhdt., danke für den link zu den christlichen Quellen, in den Klöstern hat man doch nahezu alles aufgeschrieben - in der Zeit vor google..

im Mittelalter

wurde dafür auf mehr gehungert,und mehr gefroren, mehr gemordet uns sicher auch schwerer gearbeitet. Weit ist es mit der Gewerkschaft gekommen.

streicht doch diesen Wulst

auch zusammen nach eurem Gusto!

bei unseren beamten mit der vorgeblichen "40-Stunden-Woche im Staatsdienst"

gehört das essen und ruhen auch zur arbeit. schwerarbeit meistens.
immerhin ist die schwer beladene gabel mehrfach zum mund zu führen und der brocken zu brei zu zermalmen.
das erschöpft verständlicherweise.

beim mittelalter muß man bedenken daß der totale mangel an fließend warmwasser, elektrischen haushaltsgeräten, automatischen heizanlagen und motorisiertem verkehr das leben auch in der freizeit um einiges schwerer gemacht hat. logisch daß da alles viel langsamer abläuft, geht ja gar nicht anders.

auch der zehent(10%steuerlast) war im vergleich zu der steuerlast für die asvg arbeitnehmer heutzutage geradezu ein schnäppchen. dafür freuen sich heute die casinobankenkonzerne(o,5% steueraufkommen) umso mehr- u danken der politik


Re: auch der zehent(10%steuerlast) war im vergleich zu der steuerlast für die asvg arbeitnehmer heutzutage geradezu ein schnäppchen. dafür freuen sich heute die casinobankenkonzerne(o,5% steueraufkommen) umso mehr- u danken der politik

Es ist ein Unterschied, ob ich 10% von dem nehme, was so schon nicht zum Überleben reicht oder ob ich 40% nehme und es dann nicht mehr für den Stadt-SUV reicht.

1570 durch ausgiebige Pausen geprägt: Etwa für das Frühstück, das Mittagessen und den üblichen Nachmittagsschlaf

Zur Wiederholung, dies war 1570.

Dieses Modell verteidigt der Lehrergewerkschafter Kimberger heute noch!

Mittelalter

Ja, so gesehen wars stressfreier im Mittelalter. Im 20. Jhd. wurden die Leute immer mehr degeneriert, ... Aber nicht überall gehts so streng zu wie in der westlichen Welt. Klar haben sie (die sogenannten Entwicklungs oder Schwellenländer) weniger, dafür aber vielleicht mehr vom Leben... langsam werde ich immer mehr davon überzeugt. Denn die meisten Landsleute haben ja auch nicht mehr als einer selber. So kann Neid nicht entstehen, und solange die Grundbedürnisse gestillt sind....

Modernes Sklaventum

Die Schuldzinsen für die Kredite der Maschinen, welche die Gewinne für die Konzernherren und Banker erwirtschaften, werden aus uns Herausgepresst. Wir schuften als Lohnsklaven, die Eigner liegen faul in der Sonne und frönen den sieben Todsünden.
Es ist das Schuldzinsgeldsystem dass sie benutzen, um uns zu versklaven. Die Politiker schaffen die Gesetze dafür.
Wir müssen "NUR" die Geldschöpfung von den Privatbanken wieder hin zum Staat, zum Volk holen, um diese Sklaverei zu beenden.

Re: Modernes Sklaventum

Ja wäre fatal, denn dann würde das System kollabieren. Es wird so kommen wie Norbert Rost, Orlov, Foss es sehen: Es wird für die Unpriviigierten eine Art von Bitcoin oder lokale Währung entstehen. Hoffentlich denn dann sind die wertfreien Zahlen auf den Konten der Privilgierten nichts Wert und die Angestelltenschaft und Arbeiterschaft braucht das Zentrale Geld nicht mehr. Daher selbst Energie, Brot, Gemüse, Transport und alles andere machen...

Re: Re: Modernes Sklaventum

und dann kommt sie endlich, die internationale Revolution der Arbeiter?

Nichts für ungut, man kann ihr Posting auch dahingehend interpretieren.

IMHO ist das aber auch keine Option. Wenn ich an die Gräuel des real existierenden Sozialismus denke ...

Als Strafarbeiter im Gulag musste man sicher unter weitaus wiedrigeren Bedingungen arbeiten (und wahrscheinlich auch länger) als zeitgleich in den "kapitalistischen" Ländern.

Re: Re: Re: Modernes Sklaventum

"Wenn ich an die Gräuel des real existierenden Sozialismus denke ..."

was hatte der real existierende sozialismus mit dem kommunististischen gesellschaftssystem zu tun?
genau gar nichts!
der name wurde gestohlen, das war es dann aber auch schon.

Re: Re: Re: Re: Modernes Sklaventum

Welches kommunistische Gesellschaftssystem? Können Sie das bitte erklären?

Re: Re: Re: Modernes Sklaventum

Lyndon LaRouche sieht das ein wenig schwärzer, obwohl sein Lösungsansatz die Menschen auch nicht wirklich von der Zinssklaverei befreit.
http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=ZIFjxHc0mJc

Die Menschheit hat sich also entwickelt, gut so !

Ein sehr positiver Aspekt. Wohlstand ist nicht umsonst, in Österreich aber fast. Den fleißigen Steuerzahlern sollte gedankt werden !

es ist zu honorieren

dass es hier mal einen artikel gibt, der nicht irgendwo herkopiert wurde.

allerdings ist er aber auch nichts als nur selten dämlich.

Re: es ist zu honorieren

inwiefern ist der Artikel dämlich?

Das die Industrialisierung die Arbeitszeit verändert hat, ist common sense in der Forschung. Zahlreiche Berichte der Zeit geben davon Auskunft, auch wie radikal diese Veränderung war.

Im Mittelalter gab es unter Handwerkern auch den "blauen Montag". Die Arbeit war nicht so strukturiert. Man hat vlt. an einem Tag 12h gearbeitet, dafür am nächsten Tag nur 4h. Arbeit war viel projektorienterter, um ein modernes Wort zu verwenden.

Re: es ist zu honorieren

so, so, dämlich also? Kannst das begründen?

Re: Re: es ist zu honorieren

es wird ein einzelner aspekt des lebens herausgepickt, ohne auch nur ansatzweise auf andere faktoren einzughen, die diesen faktor ganz wesentlich beeinflussen: lebenserwartung, allgemeine gesundheit, bildung, aufbau der gesellschaft, ziele derselben usw usf.

vielleicht hats ja damals auch öfter geregnet? oder seltener? so what?

Re: Re: Re: es ist zu honorieren

Ich finde, wir haben uns den Wohlstand teuer erkauft. Viele Sorgen und Stress. Ob das dafür steht, steht auf einem anderen Blatt. Sind wir noch selbstbestimmt oder doch schon mehrheitlich fremdbestimmt?

Das Mittelalter dauerte ca. 1000 Jahre. Man kann das nicht nur auf Inquisition und Hexenverbrennungen reduzieren, auch wenns das gegeben hat. Im Endeffekt: So "dunkel" war das Mittelalter bei weitem nicht.

 
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