Vor hundert Jahren starb der mächtigste Bankier der Welt

JP Morgan rettete die USA zwei Mal vor dem Zusammenbruch. Für manche war er ein "Übermensch", für andere ein Betrüger und Intrigant.

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Morgan Jahren starb maechtigste – JP Morgan: Fotos ließ er stets retuschieren

Vor rund hundert Jahren, im Dezember 1913, wurde die US-Notenbank Federal Reserve aus der Taufe gehoben. Ein Mann, der wesentlich zu ihrer Gründung beigetragen hatte, erlebte den Akt nicht mehr: John Pierpont Morgan - besser bekannt als JP Morgan - verstarb am 31. März 1913 im Alter von 75 Jahren. Der wohl mächtigste Bankier aller Zeiten rettete die Vereinigten Staaten zwei Mal vor dem Zusammenbruch. Zum ersten Mal im Jahr 1895: Die USA verloren während einer Depression einen Großteil ihrer Goldreserven, der Goldstandard war in Gefahr. JP Morgan organisierte gemeinsam mit den Rothschilds eine 65 Millionen Dollar schwere Anleihe in New York und London. Zwölf Jahre später bewahrte er während einer Panik an den Börsen nicht nur die Stadt New York vor der Zahlungsunfähigkeit, sondern rettete auch Finanzgesellschaften und Banken.

Er versammelte dutzende Bankiers auf seinem Anwesen und brachte sie dazu, zu investieren. Die dramatischen Rettungsaktionen erinnern an die nächtlichen Sitzungen der Euro-Finanzminister. Bis 4:45 Uhr tüftelten die Banker am 3. November an ihrem Rettungspaket, das die Märkte schließlich beruhigte, schreibt die "Zeit". Danach waren sich Regierung und Finanzwelt einig, heißt es in dem Artikel weiter: Nie wieder dürfe "die Wirtschaft ohne Geld dastehen und so sehr vom Wohl und Wehe eines einziges Mannes abhängen". Der Grundstein für die Gründung der Fed war gelegt.

"Kaiser und Könige schmeicheln ihn"

Anlässlich des Todes von JP Morgan veröffentlichte die "Neue Freie Presse" einen ausführlichen Nachruf (>>> siehe "Presse"-Archiv). Darin wird unter anderem der Wirtschaftsjournalist B. C. Forbes, der wenige Jahre später das "Forbes"-Magazin gründete, zitiert: "Seit Jahrzehnten ist er (Morgan) der von der ganzen Welt anerkannte Autokrat. Könige und Kaiser schmeicheln ihm, die Finanzgrößen des alten und neuen Kontinents suchen seine Gunst zu erhalten, und kein Mensch steht ihm nahe genug, um ihm über irgendeinen Gegenstand die Wahrheit zu sagen". Forbes nannte Morgan einen "Übermenschen", eine "mythologische Gottheit". Ob ihm "Flügel oder Hörner gebührten", ließ er offen.

Kritiker beschuldigten den Bankier unter anderem, sein Vermögen aufgebaut zu haben, indem er im amerikanischen Bürgerkrieg defekte Gewehre zu horrenden Preisen an die Armee verkaufte. Außerdem wurde ihm vorgeworfen, er selbst habe jene Gerüchte gestreut, die die Panik von 1907 auslösten - um danach finanziell profitieren zu können.

"Mischung zwischen Zentral- und Privatbank"

Fest steht jedenfalls: Nach Morgan hatte nie mehr ein einzelner Bankier so viel Einfluss. "Das frühe Haus Morgan war eine Art Mischung zwischen einer Zentralbank und einer Privatbank", zitiert die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" Morgans Biographen Ron Chernow. Die "Zeit" bezeichnet Morgan als "den ersten Investmentbanker der Finanzgeschichte". Sein Erfolgsrezept sei damals mit "Morganization" beschrieben worden. Er habe sich nie aus einem von ihm mitfinanzierten Unternehmen zurückgezogen, wenn es bergab ging. Stattdessen habe er saniert, fusioniert, und seine Vertrauten im Management installiert. Damit sei er im ausklingenden 19. Jahrhundert für ausländische Investoren der "einziger Garant für Stabilität" in der US-Wirtschaft gewesen.

Den Grundstein für sein Imperium legte JP Morgan im Alter von 27 Jahren, als er mit seinem Vater das Bankhaus J. S. Morgan & Co. gründete, das später in JP Morgan & Co. umbenannt wurde. Er sanierte und fusionierte marode Eisenbahnlinien. 1901 schmiedete er die damals größte Aktiengesellschaft, die US Steel Corp. Und er rettete den Stromkonzern General Electric vor dem Bankrott.

"Dunkel und unpersönlich"

Über sein Privatleben ist relativ wenig bekannt. JP Morgan lebte zurückgezogen oder wie es die "Neue Freie Presse" 1913 formulierte: "Er blieb die längste Zeit hindurch gewissermaßen dunkel und unpersönlich". Dies lag wohl auch an einer Hautkrankheit, die ihn seit seiner Jugend plagte. Fotos ließ er stets retuschieren.

Morgans Leidenschaft galt der Kunst und Kultur, die er als Mäzen förderte. Am aktuellen politischen Geschehen war er dagegen weniger interessiert. "Pierpont Morgan war gelegentlich auch Gast des deutschen Kaisers", schrieb die "Neue Freie Presse" in ihrem Nachruf. "Es wurde erzählt, dass Kaiser Wilhelm im Gespräch mit seinem amerikanischem Gaste die Unterhaltung auf den Sozialismus brachte. Jedoch nur, um zu seiner Überraschung wahrzunehmen, dass Morgan diesem Thema nur geringes Interesse abgewinnen konnte".

Einen seiner größten Auftritte hatte Morgan ein Jahr vor seinem Tod im US-Senat, als er gefragt wurde, welche Kriterien entscheidend für die Vergabe eines Kredits seien. Er antwortete: "Ich selbst begründe mein Vertrauen nie auf den Besitz, sondern auf den Charakter eines Mannes".

JP Morgan, Besitzer der Titanic

1902 hat JP Morgan die Schifffahrtsgesellschaft White Star Line in seine Reederei IMMC integriert - und wurde damit zum Chef der Titanic, die bei ihrer Jungfernfahrt im April 1912 mit einem Eisberg kollidierte. 1500 Menschen kamen bei der Katastrophe ums Leben.

Seefahrt war eine private Leidenschaft von JP Morgan. Trotzdem ging er am 2. April 1912 nicht an Bord seines Luxus-Schiffes - mehrere Quellen deuten auf eine kurzfristige Erkrankung hin, wie das "Handelsblatt" schreibt. Ein Jahr später starb Morgan in einem Hotel in Rom. Zwei Jahre danach musste die IMMC aufgrund der Titanic-Katastrophe Konkurs anmelden.

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