"Der letzte Luxus": Die Ökonomie des Schrebergartens

Die einen betrachten den Schrebergarten als Ort des Spießertums, die anderen als letzte Oase. Eine volkswirtschaftliche Annäherung.

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letzte Luxus oekonomie Schrebergartens – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

"Weg vom Schrebergartendenken", lautet heutzutage eine gern verwendete Floskel, wenn es darum geht nicht engstirnig zu denken. Vor über 100 Jahren waren Besitzer eines Schrebergartens aber durchaus weitblickend, wie die folgende Geschichte zeigen soll. "Glücklich schätzten sich in dieser Zeit all jene, die über einen Schrebergarten verfügten", schreibt Franz. X. Eder in seiner Studie "Privater Konsum und Haushaltseinkommen im 20. Jahrhundert".

Die Geschichte der Schrebergärten ist übrigens ziemlich genau 200 Jahre alt und eng mit der Industrialisierung verbunden. Im deutschen Ort Kappeln soll es den ersten Kleingartenverein gegeben haben. 1814 wurde ein Pachtvertrag geschlossen. Seit rund 150 Jahren hat das Kleingartenwesen aber wirklich System. Dabei ging es zu Beginn oft gar nicht um Gärten: "Auf dem Schreberplatz in Leipzig kümmerten sich die Menschen im Jahr 1865 zuerst nur um Kinder, die sich an der frischen Luft bewegen sollten", berichtet der deutsche TV-Sender NDR. "Aber weil die Kinder bald keine Lust mehr hatten, wurden daraus nach und nach Schrebergärten für Erwachsene."

Armengärten als Vorläufer der Schrebergärten

Vorläufer der Kleingärten waren übrigens die sogenannten "Armengärten" des 19. Jahrhunderts. Die Armen sollten Pachtland zum Nahrungsmittelanbau erhalten. Die städtischen Armenkassen sollten damit entlastet werden. Dieses Prinzip löste sich aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf. "Zum einen zeigte sich, dass auf Dauer gesehen die Unterstützung der ärmeren Bevölkerungsschichten aus öffentlichen Mitteln gegenüber der Gartenlandbereitstellung für die Städte kostengünstiger war. Zum anderen äußerte sich bereits wenige Jahre nach Entstehen der Gärten ein Interesse an derartigem Gartenland auch in bürgerlichen Kreisen", ist auf der Kleingarten-Webseite "kleingarten-finder.de" nachzulesen.

Und: "Fortan entwickelte sich diese Form des Gartenwesens zu einem indirekten Rechnungsposten der städtischen Kassen, indem sich die Vergabe der Gärten schon bald nach dem Prinzip des Meistbietenden richtete und die ärmeren Bevölkerungskreise im allgemeinen nicht mehr an der Pacht solcher Gärten partizipieren konnten."

1920 gab es 55.000 Schrebergärten in Wien

Während des Ersten Weltkriegs und der folgenden Wirtschaftskrise erlangten die Schrebergärten auch in Österreich für die Ernährung der städtischen Bevölkerung eine immer größere Bedeutung. Im Jahr 1915 gab es in etwa in Wien 3000, gegen Ende des Ersten Weltkrieges bereits 18.500 und 1920 schon 55.000 dieser Selbsversorgungseinrichtungen. "Der Schrebergarten war unverzichtbar", zitiert Studienauor Franz. X. Eder einen Zeitzeugen: "Alle Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln, Gemüse und Erdbeeren und anderes Obst konnte man ernten. Die ersten Erdbeeren wurden verkauft und auch Frühgemüse sorgten für eine bescheidene Einnahme. Um gute Ernte zu erzielen brauchte man Dünger. Großvater machte sich in der Früh mit Besen, Schaufel und Leiterwagerl auf den Weg um Roßmist (Pferdemist) zu sammeln. (...) Auch die Hasenzucht im Schrebergarten besserte den Speisezettel damals auf."

Tatsächlich waren diese Beiträge zum Überleben vieler Haushalte notwendig, schreibt Eder. Im Jahr 1925 machte der Anteil der Nahrungsmittel an den Ausgaben 56 Prozent aus, nach einem kurzen Rückgang auf 46,6 Prozent im Jahr 1931 stieg er Mitte der 1930er Jahre wieder auf 49 Prozent an.

NS-Zeit: Der Kleingarten als Überlebensoase

Auch die Nationalsozialisten erkannten die Bedeutung der Kleingärten, wie folgendes Zitat zeigt:

NS-Reichsbundleiter Hans Kaiser (1936)

"Die Kleingärtner sind die Musketiere des Führers, die den feindlichen Belagerungsring durchbrechen und das deutsche Volk neben den Bauern mit ernähren."

Klaus Neumann betonte im November 2012 in seinem Festvortrag zum 100-jährigen Jubiläum des Bezirksverbandes Spandau der Kleingärtner aber: "Sosehr sich die Nationalsozialisten auch bemühten, den Kleingarten zu einem Satelliten der Partei zu machen, ganz gelang es ihnen nicht. Im Gewirr der laienhaft gestalteten Kleingärten entstanden rechtsfreie Räume, zum Teil regelrechte Dickichte aus Bretterverschlägen, Systeme aus Höhlen und Erdgruben. Alles ausgezeichnete Menschenverstecke. Der Kleingarten wurde zur rettenden Überlebensoase."

Exkurs: Kleingarten in der DDR

Interessant ist auch die Funktion der Kleingärten in der DDR. Ihre vermeintliche Kleinbürgerlichkeit und Spießigkeit glaubte man im Sozialismus überwunden zu haben, berichtet der deutsche TV-Sender MDR. "Kleingärtner sollten umerzogen werden", sagt demnach die Kulturwissenschafterin Isolde Dietrich. Versuche, eine Massenorganisation der Kleingärtner zu bilden, scheiterten aber vorerst. Erst wachsende Versorgungsschwierigkeiten in den 1960er und 1970er Jahren führten zum Durchbruch der Kleingartenbewegung. Ab 1976 wurden die Kleingärten staatlich gefördert. Deren Bedeutung für den Obst- und Gemüseanbau stieg so weit, dass die SED diese Siedlungen von den Kommunen mit Strom und Wasser versorgen ließ.

Die über den Eigenbedarf produzierten Früchte wurden aus den Kleingärten abgezogen. Zumindest saisonweise konnte der Bedarf an Gurken und Tomaten gedeckt werden. Die Geschäfte muteten teilweise aber skurril an: "Oft nämlich verkauften Kleingärtner ihre Ware hinten an der Annahmetheke teuer an den Staat, kassierten den Ertrag und kauften ihre eigene Ware vorn im Laden billiger wieder ein. Um sie dann wieder zur Hintertür an die Annahmetheke zu bringen."

Heute: Freizeitnutzung im Vordergrund

Im Lauf der Zeit hat sich die Funktion der Kleingärten aber gewandelt. Der wirtschaftliche Nutzen geriet in den Hintergrund, die Freizeit- und Erholungsnutzung rückte in den Vordergrund. In Österreich gibt es derzeit rund 35.000 Kleingärten. Seit 1992 ist das ganzjährige Wohnen möglich. Das hat auch ökonomische Hintergründe, zumal der Verbleib von Familien in der Stadt zunehmend von privat nutzbaren Gartenflächen abhängt. Und jede Stadt benötigt Einwohner, um Geld für die Stadtkasse zu erhalten.

Doch es gibt auch solche, denen die Schrebergärten ein Dorn im Auge sind. Ulf Poschardt, der stellvertretende Chefredakteur der "Welt", hat voriges Jahr ein Plädoyer für das Abreißen von Schrebergärten geschrieben: "Wie Favelas der unteren Mittelschicht nagen sie an dem Strukturteppich der Stadt und verblüffen selbst von oben mit einer Scheußlichkeit, die nicht einmal bei der Obstblüte im Frühling oder strahlendem Sonnenschein im Juli relativiert wird."

"Ein von Hecken und Enge geprägter Entwurf"

Schrebergärten würden wertvolles Bauland blockieren, so der Vorwurf von Poschardt: "Die Schrebergärten beglücken nur die Besitzer ihrer Parzellen. Es ist ein privatistischer von Zäunen, Hecken und Enge geprägte Entwurf einer lebenswerten Stadt, der oft genug die Unansehnlichkeit und Formlosigkeit jenes Kleinbürgertums extrapoliert."

Tatsächlich wird die volkswirtschaftliche Sinnhaftigkeit immer wieder in Frage gestellt. Der Blogger "Stadtoekonom" hat eine Rechnung für die Stadt Zürich aufgestellt. Er vergleicht dazu die möglichen Nutzungen. Sein Schluss: "Die Nutzung einer Parzelle als Schrebergarten ist eine Verschwendung der knappen städtischen Bodenressourcen". Bei einer Nutzung als öffentlicher Park würden seiner Meinung nach deutlich höhere positive Effekte anfallen. Er zitiert dazu den Landschaftsarchitekten Frederick Law Olmsted, den Planer des Central Park in New York. Dieser schätzte bereits 1860, "dass mit dem Bau der Parkanlage sich die Preise der angrenzenden Liegenschaften verdoppelt hatten".

"Garten ist letzter Luxus unserer Tage"

Der oben erwähnte Kleingärtner Neumann sieht das natürlich anders. Es gehe "nicht nur um die wirtschaftliche und renditeorientierte maximale Ausnutzung von Grundstücken als Bauland". Auch ein Heimatgefühl können man sich per Scheck nicht kaufen. Die Gesellschaft heute würde von vielem zwar immer mehr den Preis, aber von immer weniger den Wert kennen. Sein Schluss: "Der Garten ist der letzte Luxus unserer Tage, denn er fordert das, was in unserer Gesellschaft am kostbarsten geworden ist: Zeit, Zuwendung und Raum."

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