Der "Erfinder" des Papiergelds: Mörder und Finanzgenie

John Law war eine der schillerndsten Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts. Sein Papiergeld-Experiment endete jedoch im Desaster.

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Erfinder Papiergelds Moerder Finanzgenie
(c) Reuters (Denis Balibouse)

Es war ein tollkühner Versuch, der in einem Fiasko endete: Der Plan, das auf Silber und Gold basierende Währungssystem Frankreichs Anfang des 18. Jahrhunderts durch Papiergeld und Aktien zu ersetzen. John Law (1671-1729), dem Erfinder des Papiergeldes, brachte sein Scheitern viel Spott ein. Der Moralist Montesquieu bezeichnete dieses auf Papiergeld basierende System als "Reich der Phantasie".

Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts fanden seine Theorien Würdigung. Adam Smith bezeichnete seine Ideen als "glänzend, aber phantastisch". Joseph Schumpeter reihte ihn "in die erste Reihe der Geldtheoretiker aller Zeiten" ein. Doch wie wurde aus dem Glücksspieler und verurteilten Mörder John Law jenes Finanzgenie, das ihn kurzzeitig zum reichsten Mann seiner Zeit machte?

Die Idee: Papiergeld ohne Edelmetall-Deckung

Der als ältester Sohn eines Goldschmieds im schottischen Edinburgh geborene John Law machte sich seine außergewöhnliche Mathematik-Begabung nach der Schulzeit vor allem praktisch zu Nutze: An den Spieltischen errechnete er blitzschnell Gewinnchancen und finanzierte sich so seinen üppigen Lebensstil. Nach dem Streit um eine Frau tötete Law in einem Duell seinen Widersacher und wurde daraufhin zum Tode verurteilt. Doch Law gelang die Flucht.

Er tingelte in den nächsten Jahren quer durch Europa und war vorwiegend in den Spielcasinos zu finden - aber nicht nur. Tagsüber beschäftigte er sich "Spiegel Geschichte" zufolge mit Finanztheorie und grübelte über das Wesen des Geldes. Law gelangte dabei zur Erkenntnis, dass Geld zirkulieren muss, um Wachstum zu schaffen. Revolutionär war damals vor allem ein Gedanke: Dass es nicht entscheidend ist, ob der Geldumlauf durch Edelmetalle gedeckt ist. Law versuchte lange Zeit vergeblich,  Finanzminister und Monarchen in Europa von seinen Ideen zu überzeugen, um sein Papiergeld-Experiment zu verwirklichen. Doch erst in Frankreich öffnete ihm der Tod von Ludwig XIV. (1715) Tür und Tor.

Schulden-Beseitigung per Druckerpresse

Der neue Regent von Frankreich, der Herzog von Orléans, stand vor dem Problem, dass sein Vorgänger, der Sonnenkönig, das Land an den Rande des Bankrott getrieben hatte. Die Schulden waren auf drei Milliarden Livres gestiegen. Die Zinslast drückte, an eine Tilgung war gar nicht zu denken. Das Versprechen Laws, die Schulden per Druckerpresse zu beseitigen, klang da allzu verlockend. Im Mai 1716 erhielt Law die Erlaubnis, die Banque Générale zu gründen. Sie war die erste Bank Frankreichs, die Papiergeld ausgab, das nur durch das Versprechen des Staates, seinen Verpflichtungen nachzukommen, gedeckt war, wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schreibt.

Und Laws Plan funktionierte. "Die Zinsen sanken, unternehmerische Aktivitäten regten sich, es wurde konsumiert, produziert und investiert", schreibt Detlef Gürtler dazu in seinem Buch "Die Dagoberts - eine Weltgeschichte des Reichtums". Zudem ließ sich das Papiergeld leichter als Münzen transportieren, aber auch verstecken.

Das Mississippi-Desaster

Schließlich erhielt Law das Handelsmonopol für die französischen Überseegebiete in Louisiana und am Mississippi. Man vermutete dort massive Gold- und Silbervorkommen wie in Lateinamerika - obwohl das niemand wissen konnte. Laws Mississippi-Gesellschaft gab Aktien aus, mit deren Hilfe das Geld für die Gold-Expeditionen aufgetrieben wurde. Die Menschen "stürzten sich auf die Aktien wie die Schweine", zitiert die FAZ aus zeitgenössischen Berichten. Erstmals wurden Aktien auch für kleine Leute erschwinglich. Laws Popularität stieg rasant, er sicherte sich das Recht staatliche Banknoten zu drucken. Tatsächlich pumpte er damit eine der ersten Spekulationsblasen auf. Der Kurs der Mississippi-Aktien stieg im Jahr 1719 von Jänner bis Dezember von 500 auf 10.000 Livres.

Als kein Gold gefunden wurde und sich Louisiana immer mehr als wertloses Sumpfland entpuppte, wurden immer mehr Aktionäre misstrauisch. Gleichzeitig stieg der Umlauf an Papiergeld stetig an. Law versuchte gegenzusteuern und schränkte den Besitz von Edelmetallen ein, um eine Flucht ins Gold zu verhindern. Er veranlasste zudem massive Aktienrückkäufe, um Vertrauen wiederherzustellen. Doch es half nichts. Er blähte dadurch die Geldmenge enorm auf und trieb die Inflation in neue Höhen, schreibt "Spiegel Geschichte". Für den Ökonomen Gürtler ist der Absturz leicht erklärt: "Eine ungedeckte Papierwährung (die heute weltweit übliche Variante) ist für ihr Überleben darauf angewiesen, dass die Menschen und die Märkte ihr vertrauen. Fehlt die Vertrauensbasis, fällt die Währung ins Bodenlose".

Schurke oder Wahnsinniger?

Law wurde aus allen Ämtern vertrieben und musste das Land in Schimpf und Schande verlassen. Banknoten galten nach der Episode in Frankreich lange Zeit als Teufelszeug, Banken nannten sich lieber Crédit als Banque.

"Die Historiker streiten über die Frage, ob man ihn als Schurken oder als Wahnsinnigen bezeichnen soll", schrieb der schottische Publizist Charles Mackay 1841 in seinem Buch "Außerordentliche Verwirrung und der Wahn der Massen" über John Law. Doch Mackay fand, dass man Law Unrecht tat: Er sei eher getäuscht worden, als dass er andere getäuscht hätte. Er sei mit den Grundlagen des Kreditwesen vertraut gewesen und habe sich besser auf monetäre Fragen verstanden als irgendeiner seiner Zeitgenossen.

"Hysterische Gier einer ganzen Nation"

"Dass das System derart abrupt zusammenbrach, war weniger seine Schuld als die der Menschen, auf denen er es errichtet hatte. Er rechnete nicht mit der hysterischen Gier einer ganzen Nation", urteilte Mackay. "Wie hätte er voraussehen sollen, dass das französische Volk in seiner rasenden Gier ähnlich dem Mann in der Fabel die Gans schlachten würde, die ihm gebracht worden war, um goldene Eier zu legen?", fragte er.

Literaturtipp: Claude Cueni: Das große Spiel (2006)

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