Ökonom Ariely: „Jeder von uns ist ein kleiner Betrüger“

30.11.2012 | 18:30 |  MATTHIAS AUER (Die Presse)

Der US-Ökonom Dan Ariely untersucht, was Menschen zu Lügnern macht. Seine Experimente zeigen, warum wir öfter betrügen, wenn wir gefälschte Sonnenbrillen tragen – und dass die Zehn Gebote eine echte Lösung sind.

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Die Presse: Herr Ariely, haben Sie heute schon gelogen?

Dan Ariely: Nein. Ich bin aber auch erst seit einer halben Stunde wach. Sie sind der erste Mensch, mit dem ich rede. Aber ich bin sicher, dass es heute noch dazu kommen wird.

Sie haben versucht, Lüge und Betrug über Experimente zu erforschen. Ihr Ergebnis: Fast jeder ist ein Betrüger. Warum greifen wir so oft zu, auch wenn es nur um ein paar Dollar geht?

Es stimmt, jeder von uns ist ein kleiner Betrüger. Um wie viel Geld es geht, ist nicht wichtig. Nach Kosten und Nutzen fragt bei Unehrlichkeit niemand. Entscheidend ist es, dass wir unser Handeln rechtfertigen können. Solange wir uns selbst weiter als gute Menschen sehen können, greifen wir zu.

Auffällig wird Korruption aber doch erst, wenn viel Geld verschwindet. Sind da besonders finstere Menschen am Werk, oder wäre jeder dazu fähig?

Die große Mehrheit würde es tun. Ich habe mit vielen Insiderhändlern, Dopingsündern und Steuerbetrügern gesprochen. Auch sie haben gedacht, dass sie nie dazu fähig wären. Aber dann gehen sie den ersten kleinen Schritt, rechtfertigen ihn vor sich selbst. Schon kommt der nächste und der nächste. Es ist einfach, den Zeigefinger zu heben und zu sagen: Das sind böse Menschen. Aber das ist nicht wahr.

Ist es also sinnlos, sich auf die großen schwarzen Schafe zu konzentrieren?

Es bringt nur teilweise Erfolg. Strafen sind zwar als Abschreckung wichtig. Aber die großen Fische nehmen deutlich weniger als die Summe der vielen kleinen Betrüger. Korruption passiert, wenn Menschen nur an Kosten und Nutzen denken. Das geht gut in dem System der Unehrlichkeit, das wir geschaffen haben. Jeder kann sich schlecht benehmen und dann vor sich selbst rechtfertigen. Es ist niemandem peinlich, korrupt zu sein.

Das liegt vielleicht daran, dass gute Vorbilder, etwa in der Politik, rar sind?

Für Politiker ist es leicht, Unwahrheiten zu rechtfertigen. Alles geschieht dann „für das Wohl von allen“. Im US-Wahlkampf haben beide Seiten enorm gelogen. Das ist kaum zu stoppen. Eigentlich müssten alle auf einmal damit aufhören.

Ihre Experimente haben gezeigt, dass es manche Umstände leichter machen zu betrügen. Sie gaben Menschen die Möglichkeit, eine Dose Cola oder ein paar Dollar zu stehlen. Beim Cola gab es weniger Gewissensbisse. Warum?

Je weiter unsere Handlungen von realem Geld weg sind, desto leichter können wir sie rationalisieren. Desto leichter können wir uns also eine Geschichte einreden, warum es in Ordnung ist, gerade jetzt ein wenig zu tricksen. Nur wenige Golfspieler würden einen Schlag nicht notieren, aber wenn sie den Ball „zufällig“ mit dem Fuß in das Loch bugsieren, sehen sie leichter darüber hinweg. Wir müssen zuerst uns anlügen, dann alle anderen.

Und warum betrügen wir eher, wenn wir gefälschte Sonnenbrillen tragen?

Da geht es um die Frage: Wie sehr beeinflusst, was wir von uns selbst denken, was wir als Nächstes tun? Es zeigt sich: Sobald man einen Schritt in die falsche Richtung gemacht hat, ist der nächste leichter. Wer begonnen hat zu betrügen, sieht alles von einer anderen Perspektive, denkt anders über sich selbst. Und dann kann es immer wieder passieren.

Wie lässt sich der Teufelskreis durchbrechen, etwa wenn man an illegale Downloads denkt? Es gibt eine Generation, deren Festplatten voll sind mit illegal kopierter Musik aus dem Netz.

Illegaler Download ist wie Korruption. Er ist allgegenwärtig, und niemand fühlt sich deshalb schlecht. Wenn man heute einen Jugendlichen fragt, was er sagen würde, wenn eine Zeitung ihn als illegalen Downloader bloßstellen würde, heißt es: Nichts könnte mich weniger stören. Es wird also verdammt hart, dieses Problem zu bekämpfen, weil es schon so tief verankert ist. Aber es gibt eine gute Nachricht: Menschen unterscheiden in ihrer Unehrlichkeit streng zwischen einzelnen Kategorien. Also nur weil viele Junge illegal Musik herunterladen, werfen sie nicht alle moralischen Vorstellungen über Bord.

Was würde denn helfen? In Ihren Experimenten haben Sie gezeigt, dass etwa die Zehn Gebote selbst Atheisten vom Betrug zurückschrecken lassen.

Die Erinnerung an einen moralischen Code ist wichtig. Das muss nicht immer und überall passieren, sondern in dem Moment, in dem man in Versuchung geführt wird. Da reicht es oft schon, wenn Menschen das Steuerformular auf der ersten Seite, also vor dem Ausfüllen, unterschreiben müssen, statt auf der letzten, wenn es zu spät ist.

Lügen wir heute mehr als früher?

Ja, Menschen lügen mehr als vor 50 Jahren. Aber das liegt nicht daran, dass sie schlechter geworden sind. Es gibt einfach viel mehr Technologien, die es uns erlauben, mit einer größeren Distanz zu betrügen. Und auch die Medien spielen hier eine Rolle: Betrügen ist salonfähiger geworden.

Aber Zeitungen schreiben ja nicht, dass Betrug und Korruption in Ordnung sind.

Das nicht. Aber sie schreiben, dass Joe es gemacht hat und Jim und Bob. Menschen, die ehrlich bleiben, kommen seltener vor.

Auch wir berichten intensiv über die großen Korruptionsfälle in Österreich. Schadet das mehr, als es nützt?

Berichte über Korruption lösen immer zwei Dinge bei den Lesern aus. Erstens, die Sorge erwischt zu werden. Zweitens, das Gefühl, dass es ganz normal ist, so zu handeln. Vieles deutet darauf hin, dass die zweite Kraft stärker ist.

Sie haben sich intensiv mit Lüge und Betrug beschäftigt. Was hat sich dadurch in Ihrem eigenen Leben verändert? Schwindeln Sie weniger?

Ich habe mir selbst viele neue Regeln auferlegt. Etwa bei der Steuererklärung. Es gibt so viele Grauzonen, in denen wir versucht sind, unehrlich zu sein. Die versuche ich zu eliminieren. Auch bei meinen Studenten bin ich viel strenger. Aber die Tatsache, dass ich die Unehrlichkeit verstehe, ist eine große Belastung für mich. Wenn mir mein Arzt oder Anwalt etwas vorschlägt, denke ich jetzt zuerst: Warum macht er das? Wie profitiert er? Was sind seine Hintergedanken? Dabei glaube ich gar nicht, dass sie schlechte Menschen sind.

Haben Sie Ihr Vertrauen in die Menschheit verloren?

Ich vertrauen niemandem mehr blind. Es ist schwer jemandem gegenüberzusitzen und zu wissen, dass er in seinen Meinungen voreingenommen ist und es vielleicht selbst nicht einmal weiß. Ich mache mir mehr Gedanken, hole immer zweite Meinungen ein. Das ist aufwendig, aber sehr wichtig.

Auf einen Blick

Dan Ariely (44) ist Psychologe und Betriebswirt. E-Mails beendet der Professor an der Duke University mit den Worten „Irrationally yours“ – und verrät damit sein akademisches Lebensthema: Warum handeln Menschen so oft irrational? Warum lügen wir, selbst wenn die Gefahr, entdeckt zu werden, groß und der Nutzen klein ist? Arielys neuestes Buch „Die halbe Wahrheit ist die beste Lüge“ ist im Verlag Droemer erschienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2012)

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29 Kommentare
 
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So sind wir nun mal!

In vollen Zügen trinken wir die schmeichelnde Lüge,
aber nur tropfenweise schlucken wir die bittere Wahrheit hinunter.
Denis Diderot (1713 - 1784)

Die Lüge ist wie eine Süßigkeit

Man nimmt sich vor sie weg zu lassen, nascht aber dann doch... heimlich. Das ist jedoch nicht wichtig.

Die Lüge ist eine Freiheit der Menschen über die sie selbst bestimmen können. Das ist auch gut so. Die Grenze ist da, wo sie die Freiheit anderer Menschen einschränkt.

Und da beginnt das moralische Problem. Wenn ich jeden Tag die Straße meines Nachbarn benutze um zu meinem Haus zu kommen, werde ich ihm etwas dafür bezahlen, da er die Straße ja erhalten muss. Zahle ich nicht, werden alle im Dorf das bald wissen, und ich stehe nicht gut da.

Fahre ich jedoch ein Jahr auf der Autobahn ohne Vignette, und erzähle das dem Dorf bin ich ein Held.

Die Lösung ist ganz einfach. Nach dem Prinzip der Fisch stinkt vom Kopf. Wenn die Führer aus Wirtschaft und Politik sich einem entsprechenden Ehrenkodex unterstellen, wird es das Volk das auch tun.

Speak for yourself, Dan!


der größte Lügner und Verbrecher

ist und bleibt der Staat.

Wer in der Privatwirtschaft lügt wird sehr schnell out-of-business sein. Denn die Geschäftspartner sind auch nicht blöd.

Man hätte ihn am Ende des Interviews fragen sollen, wie oft er gelogen hat und nicht am Anfang.

Aber klar so bleibt der Betrüger,
der den Betrug entlarft,
der Held des Tages.

Musikdownload

Ich rechtfertige das Herunterladen von Musik damit, dass es (in Ö) nicht illegal ist. Punkt. Zusätzlich wollen Lobbyisten der Industrie uns mit ihren Moralvorstellungen ein schlechtes Gewissen machen, um ein veraltetes Geschäftsmodell krampfhaft am Leben zu erhalten.

Abgesehen davon finde ich das Interview sehr interessant und großteils nachvollziehbar.

was ist das heute? ich bin ein zeck und verzapfe schwachsinn-tag?

kommt da noch was?

wie waers wenn man die kaufkraft des euro seit 2001 gold gegenueberstellt, oder silber oder die realinflation von lebensmitteln und energie mit der "offizellen inflation/warenkorb" vergleicht um die leute zu motivieren gegen diesen kaufkraftdiebstahl aufzubegehren.

aber das waehr' vielleicht zu komplex.

Nicht nur Menschen,

sondern auch Tiere - und sogar Pflanzen - lügen. Die Orchidee, die sich als Hummel ausgibt, um bestäubt zu werden, der Sonnentau, der mit Nektar lockt, um Insekten zu fangen, der Schmetterling, der mit Augenflecken Vögel abschreckt sind Beispiele dafür, dass in der Natur Lüge, Täuschung und Verschlagenheit im Überlebenskampf notwendig sind. Und ebenso deren Aufdeckung.

tiere und pflanzen haben keinen moralbegriff

menschen sxhon

was du nicht willst, das man dir tut,......

Die sogenannte Moral

ist nichts anderes als die Regel, die sich eine Gemeinschaft gibt, um nicht pausenlos Machtkämpfe ausfechten zu müssen. Übrigens helfen die immer ganz zufällig genau denen, die bereits an der Macht sind. Besonders im Sozialstaat halten sich die Mächtigen die Tüchtigen vom Leib, indem sie unter dem Mäntelchen der Moral fleißig abkassieren und dabei gleichzeitig die weniger Tüchtigen von sich abhängig machen.
Und es heißt richtig:
Was du nicht willst, dass man dir tu,
das füg' auch keinem andern zu.

selbstüberschätzung

man soll eben nie von sich selbst auf andere schließen.

Dieses Interview haette er sich sparen koennen

- ich glaube diesem Typen kein Wort ;)

Re: Dieses Interview haette er sich sparen koennen

Aus meiner Lebenserfahrung weiß ich das er recht hat

Wenn die Redaktion unterbeschäftigte Kräfte hat

dann soll sie diese einmal ansetzen an die Vereins- und Presse-Förderungen der Stadt Wien, nachzulesen in den Sitzungsprotokollen des Wr. Gemeinderates.
Dann bräuchte Redakteur Auer nicht mehr über "gefälschte Sonnenbrillen" philosophieren.
Und "die intensiven Berichte über die großen Korruptionsfälle in Österreich" hätten dann vermutlich mehr Wahrheitsgehalt

rofl...

"Aber die großen Fische nehmen deutlich weniger als die Summe der vielen kleinen Betrüger."
1 % klaut deutlich weniger als 99?

betriebswirt und psychologe. wie nobel...

double fail.

Ich halte eine gefälschte Brille zu tragen

für weniger tragisch als den Kauf eines Kärntner Schlösschens zum Schnäpfchenpreis....

Re: Ich halte eine gefälschte Brille zu tragen

Ganz einfach Sie haben den Artikel nicht verstanden

Re: Ich halte eine gefälschte Brille zu tragen

Sie meinten wohl den Verkauf ;-)

Re: Ich halte eine gefälschte Brille zu tragen

das heißt Zäpfchenpreis.

Übrigens, "gefälschte Sonnenbrillen" sind mir sehr sympatisch, denn eigentlich sind die "echten" die falschen. Die echten sind nur schweinisch überteuert.

Re: Ich halte eine gefälschte Brille zu tragen

mag schon sein , dass das "Schlösschen" günstig war. Das Schlösschen wurde aber renoviert und was besonders wichtig ist vom eigenen rechtmäßig erworbenen Geld bezahlt!

Re: Re: Ich halte eine gefälschte Brille zu tragen

Niemand der genug Geld hat um ein Schloss zu renovieren hat dieses Geld rechtmäßig, da ein einzelner Mensch gar nicht so viel erwirtschaften kann. Da haben viele andere Menschen mit ihrer Leistung geholfen einen einzelnen derart reich zu machen. Mit Gerechtigkeit hat das wenig zu tun. Aber, ich würde gar kein Schloss haben wollen. Was macht man mit so einem Kasten? Das Problem ist, dass der eine im Schloss sitzt während die anderen sich nicht mal mehr das Heizen leisten können.

Re: Re: Re: Ich halte eine gefälschte Brille zu tragen

Nicht immer so schnell mit dem "Unrecht"... Mag sein, dass es nicht gerecht oder volkswirtschaftlich nicht gut ist. Vermutlich hat es auch kaum jemand "verdient", so viel Geld zu haben.
Aber das heißt keineswegs, dass es immer nicht rechtmäßig ist. Nur in einigen Fällen ist es eben nicht einmal rechtmäßig, dass ist dann zuallererst zu bekämpfen - durch die Justiz. Ist schon eine andere Qualität, oder?

Re: Re: Re: Ich halte eine gefälschte Brille zu tragen

ich gebe ihnen teilweise recht, dass zB. bei einem Konzern immer auch viele andere Menschen am Gewinn mitgewirkt haben. Darum bin ich auch dafür, dass Mitarbeiter auch ihren "gerechten Anteil" am Lohn erhalten. Auch wenn die Entscheidung über den "gerechten Anteil" am Lohn nicht einfach ist.
Andererseits habe ich selbst erlebt wie ein Generaldirektor einen heutigen österreichischen Großkonzern in die roten Zahlen geführt hat. Eine Auffanggesellschaft bestehend aus der Konkurrenz u.a. war im Entstehen.Die vielen Mitarbeiter wussten über die damalige Situation gar nicht Bescheid! Es war ein klares Managementversagen! Der im letzten Moment eingesetzte neue Generaldirektor führte diesen damals noch kleineren Konzern innerhalb kurzer Zeit aus den roten Zahlen und zu guten Erträgen und einer sehr guten zukünftigen ökonomischen Perspektive. Hier war die Leistung eines einzelnen maßgebend, weil er sofort die Situation genau analysierte und wichtige Maßnahmen sofort einleitete.
Ich habe mit meinem Hinweis auf das eigene rechtmäßig erworbene Geld aber eigentlich ansprechen wollen, dass einige in Österreich sich mittels Korruption sehr reich gemacht haben. Also einiges sich zusammen gekauft haben mit Geld, das sie nicht rechtmäßig erworben haben. Und zum Schloss meine ich. Es war schon da. Es ist doch schön wenn man Investoren findet, die zum Erhalt solcher Objekte beitragen können.

Re: Re: Re: Ich halte eine gefälschte Brille zu tragen

dann hat doch jeder das was er will und kann zufrieden sein

Re: Re: Re: Re: Ich halte eine gefälschte Brille zu tragen

Unsere Gesellschaft sorgt dafür, dass immer mehr von unten nach oben umverteilt wird, allen sozialen Bemühungen zum Trotz. Alle einschlägigen Statistiken auf der ganzen Welt sind eindeutig. Ob das für die Entwicklung einer Gesellschaft gut ist, ist die Frage. Es geht nicht drum, dass alle gleich viel haben, es geht drum, dass jeder seine Grundbedrüfnisse (wie heizen) decken kann und dann auch noch Geld hat um sich als Teil der Gesellschaft zu fühlen. Alle die hier Minus klicken sind neidig, und zwar den Armen das was sie eh nicht haben. Die halbe Welt hungert, damit wir hier billig fressen können. So sieht die Realität aus.

Re: Re: Re: Re: Re: Ich halte eine gefälschte Brille zu tragen

Und was ist mit dem Geld was von der Mitte in die Unterschicht verteilt wird.

 
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