Grönland: Arbeitskräfte "made in China"

23.12.2012 | 17:38 |  HANNES GAMILLSCHEG (Die Presse)

Peking exportiert günstige Arbeiter nach Grönland, um die arktischen Rohstoffe auszubeuten. Von den lokalen Mindestlöhnen auf der Insel haben sie nichts.

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Kopenhagen. Unter Grönlands Eisdecke verbergen sich reiche Bodenschätze, deren Ausbeutung den Weg zur Selbstständigkeit der autonomen Insel finanzieren soll. Doch dafür sind gigantische Projekte nötig, für die in Grönland Kapital und Arbeitskraft fehlen. So richten die Regierenden ihren Blick nach China, was im Mutterland Dänemark heftige Kritik auslöst: aus sozialen Gründen wie aus strategischen.

Chinesische Tarife in Grönland

Das Parlament in Grönlands Hauptstadt Nuuk hat ein Sondergesetz über die Arbeitsbedingungen bei Großprojekten beschlossen, das die sonst geltenden Tarifbestimmungen aushebelt. Das bedeute „soziales Dumping“, schelten die Gewerkschaften und die rechte und linke Opposition in Kopenhagen: Sollen Grönlands Naturschätze tatsächlich von chinesischen Firmen ausgebeutet werden, mit importierten Arbeitskräften, die für Hungerlöhne und ohne Rechte nach den wertvollen Erzen schürfen?

Konkret geht es um die Eisenerzmine, die die auf chinesisches Kapital gestützte Gesellschaft London Mining im Nuuk-Fjord an der Westküste bauen will. Für die Investitionen in Milliardenhöhe ist das Unternehmen nur dann bereit, wenn es den Arbeitsgang diktieren kann. Das heißt: 3000 chinesische Arbeiter sollen eingeflogen und in eigenen, von der Lokalbevölkerung abgeschiedenen Siedlungen untergebracht und verpflegt werden, Arbeitszeit 60 Stunden pro Woche für einen Lohn weit unter dem grönländischen Tarif. Zwar soll der dort geltende Mindestlohn von 10,80 Euro prinzipiell auch für die Chinesen gelten. Davon jedoch können deren Arbeitgeber die Ausgaben für Unterkunft, Kost, Reisen und Kleidung abziehen. Die Gewerkschaften müssen außen vor bleiben.

Die dänischen Gewerkschaften drohen mit einer Klage vor der UN-Arbeitsorganisation ILO wegen der „völlig unakzeptablen“ Arbeitsbedingungen. Die Opposition fordert die Mitte-Links-Regierung auf, das Gesetz zu stoppen, wozu diese berechtigt wäre: Bei internationalen Fragen hat Kopenhagen weiter die Oberhoheit über seine nördlichen „Besitzungen“. Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt weist solche Forderungen zurück: Grönland habe 2009 weitgehende Autonomie erhalten und könne nun selbst entscheiden. „Grönland hat das Recht und die Pflicht, seine Rohstoffe auszubeuten und damit Wohlstand zu schaffen“, sagt Kuupik Kleist, Regierungschef der Insel.

Zu wenige Arbeiter auf der Insel

Eine dänische Blockade wäre „absurd“ und Ausdruck von Kolonialismus, meint die Selbstverwaltung in Nuuk, die das Anheuern chinesischer Arbeiter für unumgänglich hält: Unter den 54.000 Bewohnern der Insel gibt es nicht das Personal für solche Großprojekte. Es sei daher falsch, von sozialem Dumping zu sprechen, meint Wirtschaftsminister Ove Karl Berthelsen: „Kein Grönländer verliert seinen Job an einen importierten Billigarbeiter.“

Dennoch ist die Zweiklassengesellschaft, die durch den Aufbau der „Chinatown“ entsteht, in Grönland umstritten. Hat man doch eben erst das verhasste „Geburtsortkriterium“ abgeschafft, das jahrzehntelang dänischen Angestellten in Grönland kraft ihrer Herkunft höhere Löhne sicherte. Nun schafft man unter umgekehrten Vorzeichen ein ähnliches Kriterium: chinesische Arbeiter sollen kraft ihrer Herkunft weniger verdienen.

Kritiker fürchten, dass das Beispiel Schule macht. Viele Rohstoffprojekte sind in Planung, bei der es vor allem um jene seltenen Erdarten geht, für die China zurzeit ein Quasimonopol besitzt. Hier kommen die strategischen Bedenken ins Spiel: Wenn Chinas Firmen ihre Hand auf diese Vorkommen legen, wird Pekings Kontrolle über die für die Elektronikindustrie wichtigen Elemente vollkommen. „Der Zugriff auf Rohstoffe ist Sicherheitspolitik“, warnt Ex-Außenminister Uffe Ellemann-Jensen. Doch die Aufforderung, die arktische Schatzkammer nicht den chinesischen Investoren zu öffnen, weist Kleist zurück: „Wir arbeiten gern mit anderen zusammen. Aber die Chinesen sind die einzigen, die bereit sind, die nötigen Mittel zu stellen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2012)

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18 Kommentare

grönland ist für ganz europa von enormer bedeutung!

wenn man dort die seltenen erden günstig fördern kann, so wird die abhängigkeit von china gemindert!

ich persönlich finde es auf alle fälle eine frechheit, was die grönländer da auffürhen!

auf der einen seite kassierne sie jähtlich milliarden von dänenmark anderseits paktieren sie mit den chinesen, das ist schlichtweg verrat!

sollten die grönländer nicht zu vernunft kommen, so solte meiner meinung nach dänenmark ihnen die autonomie wegnehmen, und sie schlichtweg besetzen, dann ganz im ernst was sollen diese 60.000 grönländer denn machen, wenn vor ihrer haustür plötzlich ein par tausend dänische soldaten stehen?

Dümmer gehts nicht...

"Es lebe die Korruption" ... denn Geld stinkt bekanntlich nicht.
Das Volk der Proletarier ist sowieso nur Pöbel und gehört ausgenommen.
Das wußte schon Nero.

Politiker die sowas beschließen dürfen sich ethisch auf eine Stufe mit Nero stellen. Der schob bekanntlich den Brand in Rom den Christen in die Schuhe.

Blechdose

Hab mal eine Blechdose im grönländischen Nationalpark aufgehoben und wollte sie später entsorgen - na mehr hab ich nicht gebraucht - mögliche Zerstörung eines historischen Dokuments lautete der Vorwurf - naja da sind die Chinesen mit ihren Mienen schon ein geringeres Problem - oder ? Überings jede zweite Krone, die Grönland brauch kommt aus Dänemark - aber auch eine Tatsache - bis weit in die 60-iger Jahre haben die Dänen die Grönländer sehr schlecht behandelt.
Auf Grund der Aussichtslosigkeit ihrer Lebenssituation bringen sich fast 30% der Jugendlichen in NO Grönland um.

Wo bitte ist das Problem?

Die Daenen machen liber Homo-Ehen statt im Bergwerk zu arbeiten. UNd ind Groenland will man die sowieso nicht mehr.

hedisi

Es steht ja oben:
Die Chinesen bringen Kapital und Arbeitskräfte, welches der Westen nicht mehr hat.

Kein Geld mehr für Milliarden-Investitionen. Eine Mine in Betrieb zu nehmen dauert oft 5 Jahre und verschlingt Unsummen von Geld.

Und dann die Arbeitskräfte: kein Volk versteht so viel von Bergbau wie die Chinesen. Siehe "seltene Erden".
Die gibt es auch anderswo, nur haben andere Länder verlernt, sie abzubauen.

Re: hedisi

was niemand so richtig begreift, die Chinesen treffen eine Entscheidung für die wir in Europa Jahre brauchen. Es ist wie das Wettrennen zwischen Igel und Hase. Der Igel ist schon da. Der Chinese macht die guten Geschäfte nur innerhalb seiner "Familie". Alle anderen Geschäfte gehen nach der Doktrin; gib mir dein Geld damit ich bei dir einkaufen kann.
Damit ist alles gemeint auch der Technik -Transfer den sie kostenlos bekommen.
Bis Europa aufwacht, haben die Chinesen das Geschäft schon gemacht. Es gibt noch genug Minen in der Welt die Europäer haben könnten, aber die Arbeitsweise behindert sie selbst. Der Chinese fährt hin ohne ein Papier in der Hand zu haben und schaut sich das selbst an. Europäer benötigen bevor sie ihren Hintern bewegen alle Papiere auf den Tisch sind in der Entscheidungsebene so träge da kann einfach nichts zustande kommen. Es ist oft so, dass sie ihren eigenen Entscheidungen nicht trauen.
Aber jammern !!!!!!!!

Re: Re: hedisi

Ja, und?

Siebenhundert Jahre lang haben wir die Welt beherrscht.

Jetzt sind eben mal die anderen dran.

Eine Mitte links Regierung..

Man möge es sich merken: Mitte Links - Sozi eben! So sind sie.

wow,

apartheid auf dänisch, mal was neues...

China die zukünftige Weltmacht

Das noch viel grössere Problem ist,dass sich China beim Abbau der Bodenschätze um die Umwelt nicht schert. Und spezielle in Grönland,eine Insel, reagiert die Umwelt sehr sensibel.Die Grönländer sind dabei aus Profitgier sich selbst umzubringen. Viel Vergnügen.

Re: China die zukünftige Weltmacht

Umbringen wirds die Groenlaender nicht, und um die Tantiemen fuer den Bergbau kann man das Leben fuer alle verbessern.

Wie ich diese Chinesen hasse....


Re: Wie ich diese Chinesen hasse....

Das hilft dir nichts.

Versuche lieber, auf eine profitable Weise mit ihnen umzugehen. Alles andere zerstört dich selbst, und sie werden über dich lachen, wenn du untergehst.

Es ist ohnehin schon zu spät.

Die Chinesen werden zumindest eine Hälfte der Welt beherrschen.

Jetzt gilt es für uns nur noch, einen Platz für uns zu finden, bevor wir von ihnen vollständig ersetzt werden.

Re: Es ist ohnehin schon zu spät.

Vor diesem Hintergrund macht eine EU doch plötzlich wieder Sinn

Re: Re: Es ist ohnehin schon zu spät.

nein, die EU erleichtert es den Grossmaechten, euch ueber den Tisch zu ziehen. Solange sie sich mit denen in Bruessel arrangieren passt alles denn niemand sonst hat mehr etwas mitzubestimmen.

Re: Es ist ohnehin schon zu spät.

Anfang der 90er hat auch jeder gedacht wir müssten jetzt alle Japanisch lernen, weil Japan bald die Welt beherrschen würde.

Re: Re: Es ist ohnehin schon zu spät.

Nun, es gilt immer Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen.

Allgemeingültige Regeln lassen sich niemals anwenden.

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