30-Stunden-Woche: "Marxistisch und absolut weltfremd"

Deutsche Politiker und Forscher fordern eine Verkürzung der Arbeitszeit auf 30 Stunden. Selbst linksgerichtete Ökonomen halten wenig davon.

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In Deutschland sorgt ein offener Brief für Aufregung, in dem über 100 Politiker und Wissenschaftler eine 30-Stunden-Woche fordern - bei vollem Lohnausgleich (mehr dazu ...). Die Forderung stößt auf viel Unverständnis, auch bei Ökonomen, die eher dem gewerkschaftsnahen Lager zugeordnet werden können.

"Das wäre wie das Paradies mit den gebratenen Tauben", sagt Heiner Flassbeck, Direktor der UNO-Organisation für Welthandel und Entwicklung (Unctad), zu "Spiegel Online". Er selbst hätte den Brief nicht unterschrieben. Damit ein voller Lohnausgleich funktioniere, müsste die Produktivität der Arbeitnehmer im selben Maße wie der Stundenlohn steigen, was bei einer Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden pro Woche unmöglich wäre.

"Für Deutschland ist das sicher der falsche Weg", sagt auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger. Grundsätzlich sei Arbeitszeitverkürzung eine gute Idee. So hätte etwa Kurzarbeit den starken Konjunkturrückgang 2009 abgefedert. Jetzt gebe es in Deutschland jedoch fast eine Vollbeschäftigung. Probleme würden eher durch Fachkräftemangel und demografischen Wandel verursacht.

"Griff in die Mottenkiste"

Die Forderung nach einer 30-Stunden-Woche sei "absolut weltfremd", sagt Karl Brenke, Konjunkturexperte am DIW-Institut. Die Idee stamme aus den siebziger Jahren und sei von der marxistischen Vorstellung geprägt, dass der Gesellschaft die Arbeit ausgegangen sei. Für Arbeitslosigkeit gebe es in Deutschland heute aber ganz andere Gründe. So seien etwa viele zu schlecht ausgebildet, um einen Job zu finden.

Dass Deutsche aufgrund fehlender Qualifikationen arbeitslos werden, sagt auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. Die Forderung sei ein "Griff in die Mottenkiste". Eine künstliche Verknappung der Arbeitszeit sei "völlig kontraproduktiv". Im Gespräch mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" warnte Geschäftsführer Martin Wansleben, eine solche Maßnahme würde Jobs vernichten, weil damit die Kosten massiv steigen würden.

(Red.)

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