Zypern hofft auf Rettung durch eine Gas-Bonanza

In den südöstlichen Gewässern des Mittelmeeres vermuten Fachleute signifikante Ressourcen. Der US-Energieexperte Economides beziffert allein den Gas-Wert auf 400 Mrd. Dollar.

An employee of European Gas Limited works on British company's coalbed methane exploration site outside Folschviller
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An employee of European Gas Limited works on British company's coalbed methane exploration site outside Folschviller
Symbolbild – REUTERS

Wenn die Zyprer früher an ihre Zukunft dachten, blickten sie vor allem nach Nordosten. Denn aus Russland kamen große Summen, die dem östlichsten Euro-Staat bis zur Finanzkrise einen boomenden und überdimensionierten Bankensektor bescherten. Wenn die Zypern heute an die Zukunft denken, richten sich die Blicke immer mehr nach unten - Richtung Meeresboden. Denn in den südöstlichen Gewässern des Mittelmeeres vermuten Experten einen gigantischen Schatz, der das vom Finanzkollaps bedrohte Land sehr bald wieder sanieren soll.

"Die Vorräte an Öl und Gas sind riesig - riesiger als sich jemand vorstellen kann", sagte der US-Energieexperte Michael Economides. Der geologische Dienst der US-Regierung schätzt sie auf 3,45 Billionen Kubikmeter Gas und 1,7 Milliarden Barrel Öl in dem Bassin zwischen der Türkei, Zypern, Libanon und Israel. Und die Hälfte des Gases könnte dabei innerhalb der Seegrenzen Zyperns liegen. Economides beziffert allein den Gas-Wert auf 400 Milliarden Dollar.

Nationale Rohstoff-Fonds

Die ersten Gasfunde datieren aus dem Jahr 2011. Der US-Gesellschaft Noble Energy entdeckte südöstlich der Insel Gas und peilt eine Förderung ab 2018 oder 2019 an. Noble bereitet noch eine zweite Bohrung vor und will erst danach entscheiden, ob ein Abbau lohnt.

Der potenzielle neue Reichtum ist auch ein wichtiges Thema in der zyprischen Präsidentschaftswahl, die am Sonntag in die entscheidende zweite Runde geht. Sowohl der führende konservative Kandidat Nikos Anastasiades als auch sein von den Kommunisten gestützte Gegner Stavros Malas haben einen nationalen Rohstoff-Fonds vorgeschlagen, in den die künftigen Einnahmen fließen sollen. Vorbild ist Norwegen, das seine Gas- und Öleinkommen in einen Staatsfonds fließen lässt, mit dem dann eine gesunde Entwicklung des Landes garantieren werden soll.

Kurzfristig keine Hilfe

Beide Politiker warnen davor, den potenziellen Reichtum Zyperns nicht zu schnell zu verscherbeln. Denn der drittplatzierte sozialistische Kandidat George Lillikas hatte bereits verlangt, sich von Geldgebern für die Aussicht auf eine spätere Gas-Förderung Vorschüssen geben zu lassen, um dem bei den Euro-Partnern im Sommer 2012 beantragten Kredit von 17,5 Milliarden Euro zur Rettung des maroden Banksystems und den damit verbundenen Auflagen entkommen zu können.

Allerdings gibt es warnende Stimmen, das Fell des Bären nicht zu verteilen, bevor er erlegt ist. "Kurzfristig wird die Aussicht auf Zyperns Gas-Reichtum nicht helfen", sagte Laura LeCornu von der Consultingfirma Strata Insight. "Es ist eine langfristige Aussicht mit sehr großen Unsicherheiten."

Milliardenpoker hat begonnen

Zweifellos gebe es signifikante Ressourcen, aber deren mögliche Nutzung sei sehr schwierig zu beurteilen, bremst auch die Energie-Expertin Kirsten Westphal von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. "Das liegt zum einen an der Lage und den Spannungen mit der Türkei, zum anderen an ungelösten Fragen wie Transport und Absatzmärkte. Denkbar wäre dies wohl ohnehin nur über Flüssiggasterminals - das ist aber teuer."

Ohne eine Verständigung mit dem Nachbarn Türkei dürfte eine friedliche Förderung des Gases mit den nötigen Milliarden-Investitionen jedenfalls kaum möglich sein. Und die Regierung in Ankara hat bereits den Anspruch angemeldet, dass das Gas gleichmäßig zwischen dem türkisch besetzten Norden der Insel und dem Süden geteilt werden müsse.

Der Milliarden-Poker hat längst begonnen. Zypern vergibt fleißig Lizenzen an US- und EU-Firmen. Die Türkei übt im Gegenzug Druck auf Unternehmen aus, die sich engagieren wollen. So wurde die italienische ENI, die im Januar einen Produktionsvertrag mit der zyprischen Regierung unterzeichnet hatte, bereits verwarnt. Denn Eni ist Partner des BlueStream-Pipeline-Projektes, das russisches Gas über die Türkei nach Europa liefern soll. Zudem engagiert sich ENI ebenso wie die französische Total beim Shah-Daniz-Projekt, das Gas aus Aserbaidschan über die Türkei liefern soll. Auch Total hat bereits eine Explorations-Lizenz aus Zypern erhalten - und den dezenten Hinweis aus Ankara, dass das Unternehmen abwägen solle, welches Projekt wichtig sei.

SWP-Expertin Westphal warnt deshalb vor zu großen Enthusiasmus, weil eben nicht jedes Gasvorkommen ausbeutbar sei. "Die Gasmärkte auf dem Balkan oder in Zypern und Griechenland selbst sind eher klein", sagte sie mit Blick auf die Frage, wer das Gas überhaupt kaufen soll. "Die Nachfrageentwicklung in der EU nach Gas ist unklar und steht durch den niedrigen Kohlepreis unter Druck." Dazu kommt der Umstand, dass sich etwa durch die Entdeckung von Schiefergas in der Ukraine und anderen Orten auch andere Europäer Hoffnungen auf einen neuen plötzlichen Gas-Reichtum machen.

(APA/Reuters)

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