„Schiefergas wird nie so groß wie in den USA“

Connie Hedegaard, EU-Kommissarin für Klimaschutz, warnt die Europäer vor unrealistischen Erwartungen an die Entwicklung der Energiepreise. Die klimapolitischen Ankündigungen von Präsident Obama sieht sie skeptisch.

BELGIUM EU CLIMATE CHAGE CONFERENCE CANCUN
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BELGIUM EU CLIMATE CHAGE CONFERENCE CANCUN – EPA

Cambridge/Massachusetts. Connie Hedegaard ist in Harvard ein gern gesehener Gast. Mehrmals wurde sie schon von der weltberühmten Universität in Cambridge, Massachusetts, eingeladen, um über den Klimawandel zu sprechen. Und so glaubt sie, einen Wandel in der Einstellung der Amerikaner oder zumindest deren intellektueller Elite bemerkt zu haben. „Als ich das letzte Mal in Harvard war, konnte man das Wort Klimawandel kaum erwähnen. Das wollte niemand verwenden“, sagte die 52-jährige EU-Kommissarin unlängst am Rande einer Konferenz der Studenten der Kennedy School for Government und der Harvard Business School im Gespräch mit der „Presse“.

Mittlerweile scheint dieses Thema regelmäßig in den politischen Ansprachen des amerikanischen Präsidenten auf. „Um unserer Kinder und unserer Zukunft willen müssen wir mehr tun, um den Klimawandel zu bekämpfen“, sagte Barack Obama am 12.Februar in seiner Rede zur Lage der Nation.

Er appellierte an den Kongress, ein seit Jahren in der Schublade liegendes Gesetzesvorhaben der Senatoren John McCain und Joe Lieberman zur Schaffung einer Kohlendioxid-Handelsbörse anzunehmen. Und er kündigte an, selbst zu handeln und per Verordnungen gegen Luftverschmutzung vorgehen und die Anpassung an den Klimawandel unterstützen zu wollen.

 

„Wir in Europa sind nicht naiv“

Für Hedegaard sind diese Worte „Musik in meinen Ohren“, doch sie bleibt äußert skeptisch: „Wir sind in Europa nicht naiv. Wir müssen jetzt sehen, ob diese Worte in Taten umgesetzt werden. Wir haben schon früher interessante Stellungnahmen aus Amerika gehört, denen dann nichts gefolgt ist.“ Hedegaard ist in dieser Frage ein gebranntes Kind: Sie leitete im Jahr 2009 die Verhandlungen jener Weltklimakonferenz in Kopenhagen, die am Unwillen von China, Indien, Brasilien und Russland sowie am fehlenden Handlungswillen des damals neu gewählten Präsidenten Obama gescheitert ist. Skeptisch bewertete Hedegaard auch die Erwartung mancher europäischer Politiker und Energiemanager, wonach sich die Ausbeutung von Schiefergas ähnlich stark auswirken könnte, wie das in den Vereinigten Staaten seit einigen Jahren der Fall ist. „Wir dürfen nicht vergessen, dass unsere geologischen Formationen nicht so einfach zugänglich sind wie hier in den USA, in North Dakota und anderswo. Europa ist dichter bevölkert, und die Sorgen der Bürger werden eher angehört als jene von Amerikanern in dünn besiedelten Landstrichen. Welche Experten Sie auch fragen: Schiefergas wird bei uns nie so groß werden wie in den USA, und die Energiepreise werden nie so stark sinken, wie wir es in den USA gesehen haben.“

Hedegaard betonte auch, dass die Wahl der Energieträger „absolut bei den Mitgliedstaaten“ liegt. „Nichts in den europäischen Politiken hält sie davon ab, Schiefergas zu entwickeln. Wir bereiten in der Kommission aber einen regulatorischen Rahmen vor, damit klar ist, welche Umweltstandards man einhalten muss“, fügte sie hinzu.

Bei ihrem US-Besuch machte Hedegaard auch einen Zwischenstopp im Weißen Haus. Sie traf dort Todd Stern und Michael Froman, Obamas wichtigste Berater in Fragen des Klimaschutzes. Hauptthema dieser Unterredung war der Streit um die Teilnahme amerikanischer Fluggesellschaften am EU-Emissionshandel. Obama hatte am 27.November den „European Union Emissions Trading Scheme Prohibition Act“ mit seiner Unterschrift in Kraft gesetzt.

 

Streit um US-Fluglinien ungelöst

Dieses Gesetz erlaubt es dem Verkehrsministerium, US-Fluglinien die Teilnahme am europäischen CO2-Handel zu verbieten. Was hat der Termin bei Stern und Froman in dieser Frage gebracht? „Wir haben definitiv noch einige Unterschiede, aber es ist auch sichtbar, wo Lösungen gefunden werden können“, wich Hedegaard aus. Bekanntlich hat sie die Einbeziehung der US-Fluglinien bis Herbst gestoppt, um eine gütliche Lösung zu finden. „Es sollte unseren amerikanischen Freunden sehr klar sein: So, wie sie ihren Senat haben, haben wir das Europäische Parlament“, warnte Hedegaard mit eiVerweis auf den Druck der Parlamentarier, die US-Fluglinien bei andauerndem Zuwiderhandeln zu bestrafen. „Manchmal handeln Politiker so lange nicht, bis es zwingend ist, dass sie die Kurve kriegen.“

Auf einen Blick

Connie Hedegaard ist seit Anfang 2010 EU-Kommissarin für Klimaschutz. Die 52-jährige Dänin war zuvor TV- und Zeitungsjournalistin sowie Politikerin der konservativen Volkspartei. Die Wirtschaftskrise und der globale Unwille, die CO2-Emissionen zu verringern, stellen sich ihren Bemühungen seit Amtsantritt entgegen. [EPA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2013)

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