Japans Senioren wollen länger arbeiten

Während in Europa Arbeitnehmervertreter gegen ein höheres Pensionsantrittsalter sind, stellten sich in Japan die Arbeitgeber quer. Sie fürchteten stark steigende Lohnkosten. Anfang April tritt nun dennoch eine Reform in Kraft.

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Tokio. Kazuo Endo ist zufrieden mit dem Kompromiss. „Wir haben jetzt ein Modell, das Arbeitgebern und Arbeitnehmern Flexibilität bietet“, sagt er im 20. Stockwerk eines Wolkenkratzers im Zentrum Tokios. Endo arbeitet für Nippon Keidanren, die mächtigste Wirtschaftslobby Japans. Jahrelang habe die Organisation um einen akzeptablen Deal gekämpft, sagt er. „Hätten wir dieses Ergebnis nicht erreicht, wäre es für die meisten Unternehmen nicht bezahlbar, die älteren Kollegen weiterhin zu beschäftigen.“

Anfang April treten im Pensionsrecht Japans, der am schnellsten alternden Gesellschaft der Welt, neue Regeln in Kraft. Zunächst steigt das reguläre Pensionsantrittsalter von 60 auf 61 und wird bis 2025 schrittweise auf 65 Jahre angehoben. Hinzu kommen Verpflichtungen für Unternehmen, das lebenslange Arbeiten ihrer Mitarbeiter zu unterstützen. Wer zukünftig das Pensionsalter erreicht, aber weiterhin arbeiten will, der wird bessere Chancen auf Beschäftigung haben. Der Kompromiss ist dabei, dass es sich der Arbeitgeber meist aussuchen darf, wo er seinen Mitarbeiter dann beschäftigt. In Japan, wo schon heute ein Viertel über 60 Jahre alt ist und dieser Wert bis 2025 auf ein Drittel ansteigen wird, ist ein erheblicher Teil der Bevölkerung direkt betroffen.

Der Streit um dieses Thema ist ein besonderer. Anders als in europäischen Ländern, wo vor allem die Arbeitnehmer gegen die Anhebung des Pensionsantrittsalters sind, hat sich in Japan die Unternehmenslobby in den Weg gestellt. Das liegt daran, dass Gehälter in Japan noch deutlicher als in anderen Ländern mit dem Alter der Arbeitskraft mitwachsen. In einer so stark alternden Gesellschaft wie der japanischen würden die Gehaltsrechnungen für Arbeitgeber bei einer bloßen Anhebung des Pensionsantrittsalters daher drastisch steigen.

 

Schlecht bezahlte Jobs für Rentner

Arbeitnehmer sind dagegen Unterstützer eines späteren Pensionsantritts. Eine Umfrage zeigte 2008, dass acht von zehn Japanern länger als bis zur Vollendung des 65. Lebensjahr arbeiten wollen. Schon heute ist das Alter, in dem die Japaner tatsächlich aufhören, gegen Bezahlung zu arbeiten, deutlich höher als das des offiziellen Pensionsantritts. Männer arbeiten im Schnitt bis 70, Frauen bis zu einem Alter von 67 Jahren.

„Das liegt auch daran, dass die Pensionen für die meisten Menschen nicht zum Leben ausreichen“, sagt Naohiro Ogawa von der Nihon-Universität in Tokio. „Die Mehrheit nimmt nach der Pensionierung Jobs an, die schlechter bezahlt sind und oft in keinem Zusammenhang zu ihrer vorigen Tätigkeit stehen.“ Viele ältere Japaner beaufsichtigen täglich Baustellen oder winken Passanten über Zebrastreifen.

Das deutet auf ein weiteres Problem hin. Alle nach 1950 geborenen Japaner bekommen im Ruhestand weniger Geld aus der Pensionskasse heraus, als sie vorher an Beiträgen einzahlen müssen. „Deswegen zahlen nur noch 57 Prozent der Japaner ein“, sagt Ogawa. „Die Zahlung ist zwar eigentlich verpflichtend, aber eine schlechte Investition.“ Außerdem ist rund ein Drittel der Arbeitsbevölkerung gar nicht mehr in einem regulären Angestelltenverhältnis beschäftigt, sondern verdient sein Geld als Freiberufler oder mit Werkverträgen. Diese Gruppe hat auch keine gesicherte Altersvorsorge. Durch die neu eingeführten Regeln, auch im höheren Alter noch eine Beschäftigung zu erhalten, sind diese Menschen zusätzlich benachteiligt.

 

Auch in Europa sind Reformen notwendig

„Die durchschnittliche Pension liegt heute bei 45.000 Yen (rund 350 Euro) im Monat. Davon kann man nicht leben, und jeder weiß das“, so die Vereinigung japanischer Pensionisten. Mit den neuen Bestimmungen steige weder dieser Betrag noch das Einkommen der Mehrheit der Bevölkerung. Auch Kazuo Ende ist sich sicher: „Für die meisten Älteren werden die Einkommen im Alter künftig nicht mehr steigen, sondern sinken.“ In einer alternden Gesellschaft gebe es einfach ein zu hohes Angebot älterer Arbeitskräfte.

Für Hochqualifizierte aber, die aus Topjobs kommen, erwartet Endo im Alter eher höhere Gehälter. Denn da Japans Bevölkerung sinkt, wird der Bedarf an Arbeitskräften steigen. Jene Menschen mit seltenen Fähigkeiten würden dann stärker nachgefragt.

Auf Europa könnten ähnliche Reformen zukommen. Angesichts der steigenden Lebenserwartung und vielerorts kaum nachhaltiger Pensionssysteme veröffentlichte die OECD im Jahr 2006 eine Analyse unter dem Titel: „Live longer, work longer“, in der auf einen späteren Ruhestand gedrängt wird. Naohiro Ogawa unterstützt diese Idee: „Aber man muss aufpassen, dass dadurch keine breite Altersarmut entsteht.“ Japan etwa galt lange Zeit als Gesellschaft geringer Einkommensunterschiede. „Den Status haben wir längst verloren. Und durch die neuen Bestimmungen dürfte sich das verschärfen.“

Auf einen Blick

Nach langen Verhandlungen haben sich in Japan Unternehmen und Arbeitnehmer auf eine Pensionsreform geeinigt. Die neuen Regelungen treten Anfang April in Kraft. Ziel ist es, dass die Firmen ihre Mitarbeiter nach dem Erreichen des Pensionsalters weiter beschäftigen. Schon jetzt arbeiten in Japan die Männer im Schnitt bis 70 und Frauen bis zu einem Alter von 67 Jahren. Denn die Durchschnittspension von 350 Euro im Monat reicht zum Leben nicht aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2013)

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