New York tauscht Charme gegen Reichtum

Die Stadt ist sicherer als vor 20 Jahren. Doch der Preis dafür ist hoch. Viele New Yorker beklagen die astronomischen Mietpreise und Lebenskosten. Vom Wandel New Yorks von der rauen Metropole zum farblosen Konzernsitz.

Hillary Clinton stickers are pictured on a street post near her campaign headquarters in the Brooklyn borough of New York
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Hillary Clinton stickers are pictured on a street post near her campaign headquarters in the Brooklyn borough of New York
Brooklyn/New York – REUTERS

Ich hatte mich bei meinen Freunden schon seit Jahren über die Veränderungen im New Yorker Stadtbild beschwert. Sie sagten bloß: ,Das ist normal so – New York verändert sich andauernd.‘ Aber ich wusste, dass hier etwas anderes passiert“, erzählt Jeremiah Moss. Dann habe er mit seinem Blog begonnen. „Jeremiah's Vanishing New York“ ist heute stadtbekannt.

Rund achteinhalb Millionen Menschen leben in New York City. Auf einer (Agglomerations-) Fläche von knapp über 8000 Quadratkilometern drängen sich damit so viele Einwohner wie im mehr als zehnmal so großen Österreich. Und der Zuzugsstrom reißt nicht ab. Schließlich weiß dank der Globalisierung jedes Kind, dass man nirgends näher am Puls der Zeit ist als in der Stadt, die niemals schläft. Doch mit dem einmaligen Marketingkonzept Manhattan, mit dem Glanz, Glamour, den Lichtern und der Aufregung stellt sich bei vielen gebürtigen New Yorkern mittlerweile Katerstimmung ein. Es mag stimmen, dass der Nabel der Welt irgendwo auf dieser übervölkerten Insel liegt. In nächster Nachbarschaft befinden sich aber auch die Schattenseiten des Ruhms.


Gentrifizierung im Zeitraffer. Klassisch ärmere Viertel mit einer überwiegend schwarzen, einkommensschwächeren Bevölkerungsschicht werden nach und nach von schicken Gegenden voller mehrheitlich weißer Bestverdiener abgelöst, an den Rand und schließlich ganz von der Insel und dem Umland verdrängt. Dieser sozioökonomische Strukturwandel heißt im Fachjargon Gentrifizierung und kann in geringen Dosen und langsamem Tempo angewandt zu Sicherheit und Wohlstand eines Viertels beitragen. In New York jedoch geht der Wandel nicht behutsam vor sich, sondern fegt seit einigen Jahren zunehmend stärker von West nach Ost und von Nord nach Süd durch die Straßenschluchten. „Das ist kein organischer Prozess, der von einzelnen Individuen vorangetrieben wird“, sagt Moss. „Vielmehr ist es eine Strategie, ausgedacht von der Stadtregierung und den großen Konzernen, die sie gemeinsam anwenden, um ganze Nachbarschaften zu übernehmen und sie für die Upperclass umzumodeln.“

Diese Strategie produziere schicke Apartments, Konzernfilialen und von jeglichem Charme und Rauheit gesäuberte Viertel. Hypergentrifizierung wurde dieses großstädtische Phänomen getauft. Was in den 1970ern und 1980ern Soho und etwas später Chelsea den ökonomischen Aufschwung brachte, ist längst auch in früher als verrucht bis lebensgefährlich verschrienen Gegenden wie Brooklyn, dem East Village oder der Lower East Side angekommen.


Little Italy ist überall. Sicherheit kam zum Preis emporschnellender Mieten. Ein aktueller Fall in Little Italy bringt das Dilemma New Yorks auf den Punkt. Anfang des 20. Jahrhunderts war das Viertel im Süden Manhattans Heimat 40.000 süditalienischer Immigranten. Heute ist es ein trauriger Schatten seiner selbst, der auf zwei Straßenzüge, klischeebeladene Touristenlokale und Souvenirläden zusammengeschrumpft ist. Die 85-jährige Adele Sarno, italienisch-amerikanischer Herkunft und seit über 50 Jahren in Little Italy zu Hause, ist eine der wenigen verbliebenen „Einheimischen“. Sie kämpfte fünf Jahre um ihre für Manhattan spottbillige Wohnung. Bisheriger Kostenpunkt: 820 Dollar. Dann verlangte der Vermieter 3500 Dollar pro Monat. Sonst drohe die Räumung. Brisantes Detail: Der Vermieter ist das Italienisch-Amerikanische Museum.

Somit die Institution, die sich der Erhaltung des verblassenden Kulturerbes in Little Italy verschrieben hat. Frau Sarno ist der personifizierte Inbegriff dieser aussterbenden Kultur. Doch das schien ihr in diesem Fall nichts zu nützen. Der Rechtsstreit ist verloren. Bis Ende Juni hat die betagte Dame Zeit, eine andere Unterkunft zu finden. Fälle wie dieser, wenn auch weniger emblematisch, ereignen sich täglich in New York. Der Small Business Congress NY, eine 1991 gegründete Organisation, die sich für das Überleben der Kleinunternehmer einsetzt, schätzt die Zahl der kleinen Läden, die jeden Monat aufgrund steigender Mietpreise zusperren müssen, auf 800 bis 1000.


Anonymer Robin Hood. Viele New Yorker haben mittlerweile genug davon, dass täglich eine weitere traditionelle Bar, ein alteingesessenes Diner oder gemütliches Buchgeschäft von einer Starbucks- oder Dunkin-Donuts-Filiale abgelöst wird. Ein lokaler Journalist und Aktivist ist zu einem der wichtigsten Sprachrohre ihres Unmuts geworden. Unter dem Künstlernamen Jeremiah Moss betreibt er den Blog „Jeremiah's Vanishing New York“. Seine wahre Identität will er aus Berufsgründen nicht preisgeben.

Der anonyme Rächer der New Yorker Mieter und Kleinbetriebe erfreut sich einer ansehnlichen Lokalberühmtheit in der Stadt. Seit Start des Blogs 2007 hat Moss darin auf lakonische, witzige und bissige Art in fast 3000 Einträgen die Veränderungen im New Yorker Stadtbild dokumentiert. Im Gefolge tausende Facebook- und Twitter-Freunde, die seine Nachricht von dem sterbenden rauen Charme der Metropole eifrig unter dem Hashtag #SaveNYC in den sozialen Medien verbreiten. Für die „Presse am Sonntag“ hat er von seinem Projekt erzählt. „Ich möchte, dass die Menschen sehen, was hier passiert, damit sie es später nicht leugnen können. Ich möchte Beweise anhäufen. Tag für Tag. Um zu zeigen, dass es sich hier nicht um ein einzelnes Geschäft da und dort handelt. Hier geschieht eine kulturelle Säuberung“, sagt Moss.

Big Apple

Jeden Monat sperren in New York zwischen 800 und 1000 Kleinunternehmer zu, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können.

Eingesessene Familien müssen ihre Wohnung verlassen. In Little Italy verlangen Vermieter statt 820 mittlerweile 3500 Dollar pro Monat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2015)

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