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Ein ganzes Dorf auf Steuerflucht

In Crickhowell ist man stolz auf die vielen kleinen Einzelhändler in der High Street. Damit das so bleibt, fordern die Ladenbesitzer fairen Wettbewerb: Auch die Multis sollen Steuern zahlen.
In Crickhowell ist man stolz auf die vielen kleinen Einzelhändler in der High Street. Damit das so bleibt, fordern die Ladenbesitzer fairen Wettbewerb: Auch die Multis sollen Steuern zahlen. / Bild: (c) Visit Wales 

Die Ladenbesitzer eines Ortes in Wales kopieren die Steuertricks von Starbucks und Amazon. Das Beispiel soll Schule machen und die Politik dazu drängen, Schlupflöcher für Konzerne zu schließen.

 (Die Presse)

Aus Crickhowell kamen schon immer harte Knochen: ein bekannter Rugbyspieler, ein Admiral – und der unermüdliche Landvermesser George Everest, nach dem der höchste Berg der Welt benannt wurde. Hoch hinaus wollen auch die heutigen Bewohner der walisischen Gemeinde. Bis vor ein paar Tagen kannten nur passionierte Wanderer den malerischen Marktflecken am Fuße der Black Mountains. Aber zwischen Burgruine und alter Brücke braut sich eine Rebellion zusammen, die es nun in Windeseile an die Weltöffentlichkeit schafft.

Die Gewerbetreibenden von Crickhowell haben sich zusammengetan, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Vom Fleischer bis zur Floristin: Alle haben sie für bescheidene Gewinne brav Steuern gezahlt. Anders als die Apples und Facebooks dieser Welt, die ihre Profite in Steueroasen schleusen. Das verschlechtert auch die Chancen der lokalen Ladenbesitzer im Wettbewerb. Wenn sich auf der High Street ein Starbucks einnistet, kann Sam ihr Number 18 Café zusperren. Emma kämpft mit ihrem Buchladen einen ungleichen Kampf gegen den Online-Giganten Amazon. Aber deshalb marschieren die Dorfbewohner nicht etwa in Westminster auf. Ihr Protest ist subtiler und schlauer: Sie schauen sich gemeinsam die Tricks der großen Konzerne ab und machen sie nach.

Fiskus in der Bredouille. Mit einem fertigen Konzept wurden sie bei der Steuerbehörde vorstellig. Dort hat man sie, freundlich mit den Zähnen knirschend, empfangen. Nun prüft der Fiskus das Schema eingehend. Es orientiert sich an der Kaffeehauskette Caffè Nero's. Diese zahlt trotz Milliardenumsätzen seit 2008 keinen einzigen Penny Körperschaftsteuer, dank einer Holding auf der Isle of Man. Die Beamten haben nun die Wahl zwischen Pest und Cholera: Wenn sie den Kleinen verweigern, was sie dem Großen gewährt haben, geht ein Sturm der Entrüstung los. Wenn sie das Konzept aber durchwinken, macht das Beispiel Schule. Genau das ist die Absicht der Rebellen: Auch andere Gemeinden sollen die Tricks anwenden, von denen es bisher hieß, man brauche dafür ein unbezahlbares Heer bester Anwälte. Die geballte Zahlungsverweigerung soll Druck auf Schatzkanzler Osborne ausüben, auf dass er die Schlupflöcher für die Konzerne endlich schließe. „Entweder zahlen alle Steuern oder keiner von uns“, lautet der Slogan der Bewegung, die am Freitag offiziell startete. Das Dorf der störrischen Rebellen könnte damit ein paar Zeilen Geschichte schreiben.

Die Story ist freilich zu schön, um ohne ein vorgefertigtes Drehbuch auszukommen. Der Anstoß kam in Wahrheit von der BBC, die nun eine Fernsehdokumentation zum Thema dreht. Im kommenden Jahr wird sie ausgestrahlt. Immerhin haben die Regisseure Crickhowell aus gutem Grund zum Drehort gewählt: Die Leute dort sind schon im Frühling national aufgefallen. Damals wehrten sie sich ganz auf eigene Faust dagegen, dass im Gebäude eines historischen Pubs ein Supermarkt einzieht. 180 Lokalpatrioten legten eine halbe Million Pfund zusammen und kauften das Haus selbst.

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Als die BBC-Masterminds von dem Coup erfuhren, war ihnen klar: Hier würde ihre freche Idee eines Steuerexperiments auf fruchtbaren Boden fallen. Auch die juristischen Experten, die das Dorf beraten, hat wohl die BBC organisiert. Mit welchen Kapriolen die Konzerne ihre Steuerlast auf fast null reduzieren, durften die ländlichen Kleinunternehmer aber selbst herausfinden – mit wachsender Wut. Ein Kamerateam begleitete sie auf die Isle of Man, wo sie Briefkastenfirmen gründeten, und nach Amsterdam, wo Starbucks fiskalische Zuflucht fand. In den Hauptrollen: die Besitzerin der lokalen Lachsräucherei, der Betreiber eines Shops für Outdoor-Kleidung, der Optiker und die erwähnte Kaffeehauswirtin. Sie sind die treibenden Kräfte. Manche Kollegen haben sich noch nicht entschieden, ob sie das Konzept zur Steuervermeidung selbst nutzen wollen. Aber den „Spirit“ dahinter teilen sie alle. „Wir wollen doch Steuern zahlen, weil wir alle die lokalen Schulen und Spitäler nutzen“, erklärt Sprachrohr Jo Carthew von der Black Mountain Smokery. „Aber wir wollen auch geänderte Gesetze, damit jeder seinen fairen Anteil leistet.“

Kritik von links. Schon zieht die Initiative weite Kreise. Aus den sozialen Netzwerken kommt begeisterter Zuspruch. Aktivisten im ganzen Königreich machen sich daran, die Kopie zu kopieren. Aber es gibt auch negative Stimmen. Der prominenteste Kritiker ist Richard Murphy, der hinter dem Wirtschaftsprogramm des rabiat linken Labour-Chefs Jeremy Corbyn steht. Der Ökonom findet es gar nicht lustig, den Konzernen nachzueifern. Die BBC handle „unverantwortlich, rücksichtslos und kontraproduktiv“, wenn sie kleine Händler in ein solches Abenteuer treibe. Denn am Ende riskierten diese hohe Strafen der Steuerbehörde.

Auf jeden Fall trifft die Kampagne einen wunden Punkt. Denn der Trend zeigt: Kleinere Firmen tragen einen steigenden Anteil an der Unternehmenssteuerlast (siehe Grafik). Die britische Regierung beschwichtigt: Mit der jüngst beschlossenen Google-Steuer sei das Problem mit den unwilligen Multis gelöst. Sie müssten nun für Gewinne, die sie in Steueroasen verschieben, eine Pauschalsteuer von 25 Prozent zahlen. Aber nicht nur in Crickhowell glaubt man, dass sie dafür bald ein neues Schlupfloch finden. Das sich dann aus Protest kopieren lässt.

In Zahlen

0 Pfund Körperschaftsteuer hat die Kette Caffè Nero in Großbritannien seit 2008 gezahlt – bei Umsätzen von in Summe 1,2 Milliarden Pfund.

5 Tausend Pfund ist der Betrag, den Facebook im Vorjahr an den britischen Fiskus überwiesen hat.

9 Milliarden Pfund gehen dem
Finanzministerium in London nach eigener Schätzung pro Jahr durch Steuerflucht und unerwünschte Steuervermeidung verloren.


[LND7O]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2015)

 
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61 Kommentare
 
12
Michael
25.01.2016 08:58
0

Widerstand vom staatlichen Fernsehen organisiert und finanziert

Das könnte beim ORF nie passieren.

Michael
25.01.2016 08:49
0

Facebook ist ein Paradebeispiel

Stellt ein Programm gratis zur Verfügung, und zahlt nur 5.000 Pfund Steuern!

Das ist einleuchtend, dass das zu wenig ist.

Antworten Außerirdischer
26.01.2016 10:50
1

Re: Facebook ist ein Paradebeispiel

Genau, weil die gesammelten Gratis-Daten der Kunden sowenig wert sind ist Google ein führendes Unternehmen an der Börse!

<ironie-off>

Bernhard Lascy
17.11.2015 07:25
1

Österreichs Legislatur hat das ja auch geschafft.

Mit dem Paragraphen StGB §278 Absatz 3 stellt man die Zahlung von Steuern unter Strafe - jeder der in Österreich Steuer bezahlt ist laut diesem Mafiaparagraphen, der ja eigentlich nur für die Tierschützer gedacht war, kriminell.

Entweder sollte man unter Verweis jede weitere Steuerleistung verweigern, oder zumindest den Überweisungstext in etwa so gestalten. Bezahlung der Steuer unter Vorbehalt wegen §278, man zahlt die Steuern nicht freiwillig sondern beugt sich nur dem Druck der kriminellen Organisation.

Ich habe Selbstanzeige gemacht, da ich mich nicht strafbar machen will nur weil ich Steuern zahle.

Google: fisch und fleisch selbstanzeige

Bernhard Lascy
16.11.2015 22:08
0

In Österreich braucht man das nicht,

hier wurde das elegant mit StBG §278 Absatz 3 gelöst. Man darf keine Steuern zahlen, sonst macht man sich strafbar.

https://www.fischundfleisch.com/blogs/tabus/eine-ehrenwerte-gesellschaft-ein-blick-auf-oesterreichs-beamte-politiker-und-andere-teil-2-selbstanzeige.html

Captain Blood
16.11.2015 05:48
5

Vorbildlich

Sollte auch in Oesterreich ausprobiert werden, aber bei uns gibts zuviele Duckmauser,ausgenommen Heini Staudinger.

Antworten gastwriter
16.11.2015 14:42
1

Re: Vorbildlich

heini staudinger, bester mann

Dr. Strangelove
15.11.2015 16:05
2

Und was machen Lohnsteuerzahler?

Auswandern? Isle of Man und dann 2 halbjährige Urlaube hier? Für Pensionisten ginge das.

Antworten Mr.Protest
16.11.2015 10:02
3

Re: Und was machen Lohnsteuerzahler?

Artikel nicht verstanden!

Setzen. Fünf!

Antworten kmu23
15.11.2015 17:41
10

Re: Und was machen Lohnsteuerzahler?

Aber, aber - aus dem Artikel geht doch eines deutlich hervor:

Die BBC will auf die Misstände bei der Konzernbesteuerung - und das ist eine Schweinerei - hinweisen.

Gleiches Recht für alle.

d.h. natürlich - jeder zahlt seine Steuern.

Antworten Antworten Außerirdischer
26.01.2016 11:04
0

Re: Re: Und was machen Lohnsteuerzahler?

Es geht um die Wettbewerbsverzerrung, wo "arme" Unternehmer gegenüber "reichen" Unternehmern so eklatant schlechter gestellt werden!

Wo ist die Benachteiligung von Angestellten gegenüber anderen Angestellten?

(Die Kleinen Selbständigen schaffen 80 Prozent der Arbeitsplätze und sind von vielen Sozialleistungen ausgeschlossen, die Angestellte als ganz selbstverständlich betrachten - obwohl sie genug SV-Beiträge zahlen!)

Antworten Antworten Dr. Strangelove
16.11.2015 08:14
0

Re: Re: Und was machen Lohnsteuerzahler?

Eben nicht.
Die Aktion hat zwar das Ziel, daß jeder seine Steuern zahlt. Aber eben nur das Ziel. Jetzt ist es anders.

gerechtiker
15.11.2015 15:37
23

ORF

hihihi, eine super geschichte!

ob der ORF sowas finanzieren würde?
nein, sicher nicht, denn dann könnte kein steuergeld der kleinen arbeiter und gewerbetreibenden für Inserate für den grinsekanzler verschleudert werden!

sorry, liebe österreicher, wählts nur weiter diese versagerpolitiker!

Antworten Bernhard Lascy
16.11.2015 22:46
0

Re: ORF

In Österreich gibt es dafür StGB §278 Absatz 3 - das ist der Mafiaparagraph der eigentlich nur gegen Tierschützer angewendet wird.

Jeder der hier in Österreich Steuer zahlt macht sich strafbar.

Google "fisch und fleisch selbstanzeige"!

cuniculus
15.11.2015 13:48
22

Österreichische Variante

Ich weiß nicht, was alle hier haben. Das Café Rosa hat ja auch keine Steuern bezahlt. ;)

Antworten Alien
16.11.2015 15:07
0

Re: Österreichische Variante

aber wenn man jahrelang nur rote Zahlen schreibt und niemandem bewußt ist, was ein Gewinn ist, dann ist das auch schwer! (MWSt haben sie allerdings schon abführen dürfen!)

vendare
15.11.2015 13:35
13

was steckt dahinter?

bei aller Sympatie für die Protestaktion gegen Steuersünder,
-eines ist aber noch nicht diskutiert worden:
die Menschen versuchen Alles um den hohen Steuern( speziell in Europa) zu entkommen. ist es nicht langsam an der Zeit von Seiten der Politik nach zu denken ob es wirklich rechtens ist den Bürgern die Hälfte ihres Einkommens abzuknöpfen? ( Gesamtsteuern inkl. MwSt!) ist es ok unter dem Deckmantel der " klassenlosen Medizin ( die wir extra bezahlen)

Antworten Schlaumaier
15.11.2015 16:56
4

Re: was steckt dahinter?

die Frage ist was mit diesen Steuern gemacht wird und wie sorgsam sie verwendet werden !!!

kmu23
15.11.2015 13:06
23

genau das wäre es: gleiches Recht für alle.

Wenn (theoretisch ;)) ein Konditor bisher Steuern hinterzog , konnte er Starbucks Paroli bieten.

Mit der Registrierkassenpflicht ist das vorbei.

1:0 für Starbucks & Co.
K.O. Für die Kleinen.


Kritiker1A
15.11.2015 12:49
15

In Österreich finden unsere Politiker das 10% im Ausland bezahlt "Köst" eine ausreichende Besteuerung darstellt. Im Inland muß man 25% bezahlen!

Jedes Land könnt diese Schlupflöcher schon längst geschlossen haben, da Sie diese Schlupflöcher selbst in die Gesetze geschrieben haben.

Aber dann würde wohl keine Supernebenjobs, Beratungshonorare und sonstige Vitamin B Gaben mehr verteilt werden!

Antworten salvatore1
15.11.2015 20:59
0

Re: In Österreich finden unsere Politiker das 10% im Ausland bezahlt "Köst" eine ausreichende Besteuerung darstellt. Im Inland muß man 25% bezahlen!

das Bankgeheimnis wurde ja auch binnen Kürzestem abgeschafft.
Ergo, wenn man will, geht's ja eh.....

Kreis6
15.11.2015 11:45
24

Das Beispiel kann in Österreich nicht reüssieren,

weil sich die Rot Grünen großräumig stets Objekte aussuchen, mit dehnen sie solidarisch sein dürfen und den österreichischen Steuerzahler möglichst viel Geld kosten müssen. Wie etwa Rettungsschirme, Banken, Griechenland, Flüchtlinge ohne Ende, usw.. Freundschaft!.

Antworten Schnabeltierfresser
15.11.2015 12:53
0

Re: Das Beispiel kann in Österreich nicht reüssieren,

In Österreich hätten wir auch recht wenig Steueroaseninseln.

presseleser3400
15.11.2015 11:15
21

Tolle Idee

Bitte weiter berichten ☺

Antworten moni hana
15.11.2015 12:13
8

Re: Tolle Idee

wunderbar😊😏👉

tomschi
15.11.2015 10:45
29

Die Linken hätten gerne...

...unmündige Bürger, die an der Zitze des Staates hängen, das Verhalten der Einwohner von Crickhowell passt da natürlich überhaupt nicht ins Konzept.

 
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