Auch die Bescherung wird digital

Auch vor Weihnachten ist der Onlinehandel auf dem Vormarsch. Die Digitalisierung erfasst alle Branchen. Wohin führt das?

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Symbolbild – (c) Bloomberg (Daniel Acker)

Eine halbe Million Wiener machen an diesem langen Wochenende ihre Weihnachtseinkäufe – und immer mehr von ihnen vom Sofa aus. Süßer die Kassen nie klingeln? Das Geschäft mit dem Fest stagniert real seit Jahren. Auf immer reichere Gaben dürfen nur Onlinehändler hoffen: Die Unito-Gruppe der Versandhäuser Otto, Universal und Quelle rechnet mit einem Umsatzplus von 30 Prozent. Ein Drittel der Bücher, die unter dem Weihnachtsbaum landen, bestellen die Österreicher im Internet. Amazon kommt mit dem Liefern kaum nach. Und das ist erst der Anfang: Bis 2025, erwartet der Logistiker DHL, werden über 40 Prozent des weltweiten Einzelhandels über das Netz laufen.

Die Musikindustrie und die Informationsmedien waren die ersten Branchen, die von der digitalen Revolution erfasst wurden und sich neu erfinden mussten. Nun sind Handel und Banken dran. Aber auch die Arbeitswelt unserer Fabrikshallen ist dabei, sich durch Roboter, Sensoren und vernetzte Maschinen nochmals gründlich zu wandeln. Daten werden wichtiger als Dinge, Problemlösungen wertvoller als Produkte, und wer die Algorithmen hat, der hat auch die wirtschaftliche Macht. Die Finanzmärkte haben diese Entwicklung prophetisch eingepreist. Nach Umsätzen gereiht, sind zwar weiterhin Energiekonzerne und Autohersteller die größten Unternehmen. Erst recht spät folgen die Techkonzerne: Samsung auf Platz 13, Apple auf 15. Nach Gewinnen haben die großen Banken die Nase vorn, aber hier folgt Apple schon auf Platz vier. Und an der Börse ist der König der Smartphones längst das mit Abstand teuerste Unternehmen der Welt. Sogar eine Firma wie der digitale Taxidienst Uber, dessen Geschäftsmodell auf der rechtlichen Kippe steht, ist an der Wall Street 60 Mrd. Dollar wert. Alles nur eine neue Blase?

 

Österreich ist nicht gut gerüstet

Wohl kaum, wenn man die Erfahrung zugrunde legt, dass die Digitalisierung die Kraft hatte, auch stolze Marktführer wie Nokia und Kodak in wenigen Jahren vom Platz zu fegen. Die Grenzen der Branchen verschwimmen, fremdartige Konkurrenten tauchen auf: Google, längst weit mehr als eine Suchmaschine, mischt den Markt für Haustechnik auf und macht Autobauer mit seinen selbstfahrenden Gefährten nervös. Das Smartphone ersetzt die Bankfiliale, eine App das übliche Fahrradschloss. Gute Ideen kommen immer öfter von Tüftlern in Start-ups. Unternehmensberater wie Boston Consulting und Roland Berger schlüpfen in eine neue Rolle: als Vermittler zwischen der Innovationskraft der kleinen Gründer und dem Kapital der Konzerne. Wie gut eine Volkswirtschaft für die digitale Zukunft gerüstet ist, misst der Network Readiness Index des Weltwirtschaftsforums. Österreich liegt dort auf dem eher schwachen 20. Platz, deutlich hinter der Schweiz (6.) und Deutschland (13.).

Was aber sind die ökonomischen Folgen dieser Umbrüche? Geht es uns durch die Allgegenwart von Information materiell besser? Der Harvard-Ökonom Robert Jensen hat dem Segen der „digitalen Versorgung“ in einer hübschen Studie nachgeforscht: Seit indische Fischer in Küstennähe eine Handyverbindung haben, steuern sie mit ihrem Fang gezielt jene Häfen an, in denen ihre Sardinen gerade einen guten Preis erzielen. Willkürliche Preisunterschiede haben sich so austariert. Die Folge: Die Fischer verdienen mehr, die Kunden zahlen weniger – ein Gewinn für alle. Jensens Fazit: „Informationen bringen Märkte zum Funktionieren, und Märkte schaffen Wohlstand.“ Ungeahnte Gewinner der Digitalisierung könnten auch entlegene, von Landflucht bedrohte Regionen sein: Da viele wissensbasierte Jobs durch Computer, Internet und Cloud an keinen physischen Ort gebunden sind, müssen Freunde des Landlebens nicht mehr aussteigen oder weit pendeln, um das Rauschen der Wälder und das Läuten der Kuhglocken täglich genießen zu können.

 

Mehr Ungleichheit, weniger Jobs?

Hier aber endet die idyllische Vision. Schon länger trägt der technologische Fortschritt vor allem in den USA einiges dazu bei, dass sich die Einkommen ungleicher verteilen. Wer programmieren kann, Wissen hat und zum Wandel beiträgt, verdient sehr gut, andere fallen zurück. In der traditionellen Industrie konnten sich Kapitaleigner und viele Arbeitnehmer den Profit aus mehr Produktivität gut teilen. Nicht so bei den IT-Stars von heute: Die Kamera- und Filmfirma Kodak hatte zu ihren besten Zeiten 150.000 Mitarbeiter. Als Facebook vor drei Jahren um eine Milliarde Dollar Instagram kaufte, waren bei der Foto-App ganze zwölf Menschen beschäftigt. MIT-Forscher, die das „zweite Maschinenzeitalter“ ausrufen, sehen in der künftigen Arbeitswelt zwei Gruppen: eine, die Computern sagt, was sie zu tun haben, und eine zweite, denen Computer die Arbeit anweisen. Aber auch diese technologische Revolution dürfte, wie noch jede andere zuvor, mehr Jobs schaffen, als sie vernichtet – zumindest in den nächsten zehn, 20 Jahren.

Der kritische Punkt, für den es in der Geschichte kein Vorbild gibt, ist mit der „technologischen Singularität“ erreicht: wenn die künstliche Intelligenz die menschliche übertrifft. Dann erscheint auch die berüchtigte Studie aus Oxford plausibel, die bis zur Jahrhundertmitte fast die Hälfte aller US-Arbeitsplätze durch den Siegeszug der integrierten Schaltkreise gefährdet sieht. Um dennoch unseren Wohlstand zu wahren, brauchen wir dann sehr gute, sehr kreative Ideen – ein neues Denken, das uns wohl auch die superschlauen Roboter nicht abnehmen werden.

Zumindest bis dahin entscheiden aber auch wir Bürger als Konsumenten darüber, wie digital die Welt sein soll, in der wir leben wollen. Nicht immer haben die Visionäre des Virtuellen recht behalten: Das Second Life im Internet ist längst zu Grabe getragen. Und entgegen aller Hymnen auf das E-Book deuten neuere Zahlen darauf hin, dass es seinen Plafond erreicht hat – und uns Bücher, diese altmodischen Dinger zwischen zwei Deckeln, noch länger durchs Leben begleiten.

ÜBERALL BITS

Digitale Revolution in der Wirtschaft: Was in der Musikindustrie und in den Informationsmedien begonnen hat, zieht immer weitere Kreise: Der Handel und die Banken gehen zunehmend online. In den Fabrikshallen halten durch die Industrie 4.0 Roboter und datensammelnde Sensoren Einzug.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2015)

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