C&A stellt sich der Nazi-Vergangenheit

Lang hat es gedauert, bis der Bekleidungskonzern C&A sein Firmenarchiv geöffnet hat. Die nun vorliegenden Ergebnisse sind schockierend. Der Konzern hat mehr vom Hitler-Regime profitiert als ursprünglich angenommen.

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DCM, Sig.1409 (Repro Henning Rogge)

Jeder kennt die Bekleidungskette C&A. Doch die Eigentümerfamilie Brenninkmeijer ist äußerst verschwiegen. Ihr Vermögen wird auf mehrere Milliarden Euro geschätzt. Damit gehören die Brenninkmeijers zu den reichsten Familien Europas. Vor fünf Jahren wurde die Ausstellung „100 Jahre C&A in Deutschland“ gezeigt. Damals tauchten Hinweise auf, dass der Konzern während der NS-Zeit stärker mit dem Hitler-Regime kooperiert haben soll als ursprünglich angenommen. Daher hat die Eigentümerfamilie den Historiker Mark Spoerer beauftragt, die Unternehmensgeschichte zu durchleuchten.

Die Ergebnisse, die jetzt als Buch veröffentlicht werden, sind überraschend. Denn bisher vertrat die Familie Brenninkmeijer die Ansicht, dass ihre Vorfahren nur minimal mit den Nazis zusammengearbeitet haben.

Die Untersuchung von Spoerer liefert auch andere Einblicke in die C&A-Welt. Die Regeln der Unternehmerfamilie, die 1960 von einem Vertrauten niedergeschrieben wurden, lauteten unter anderem: Vertraue nicht zu viel, kontrolliere daher ständig. Handelssache ist Männersache! Also sorge dafür, dass Frauen keinen Einfluss auf das Geschäft haben. Gib allen Söhnen – bei erwiesener Eignung – die Chance, Teilhaber zu werden.

Die Wurzeln der Familie liegen im westfälischen Mettingen. Der Ort ist bis heute ein Treffpunkt für die Brenninkmeijers. 1691 zog Johann Brenninkmeijer von Mettingen in die Niederlande, um dort Leinen zu verkaufen. 1861 gründeten die Brüder Clemens und August (C&A) das erste Geschäft in den Niederlanden. C&A gehörte zu den ersten Konzernen, die Kleidung in standardisierten Größen zu erschwinglichen Preisen verkauften. Dies wurde durch die industrielle Revolution und die zunehmende Verbreitung von Nähmaschinen möglich. Zuvor nähten sich die meisten Bevölkerungsschichten ihre Kleidungsstücke selbst. Die Armen konnten sich aber nur gebrauchte Kleidung leisten.

„Rein arisch“: ein Werbeplakat der C&A-Filiale in Leipzig (nach Mai 1938).
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„Rein arisch“: ein Werbeplakat der C&A-Filiale in Leipzig (nach Mai 1938).
„Rein arisch“: ein Werbeplakat der C&A-Filiale in Leipzig (nach Mai 1938). – DCM, Sig.1409 (Repro Henning Rogge)


Katholisch. Das Bekenntnis zum Katholizismus zieht sich durch die Firmengeschichte. Bis 1955 durfte keine verheiratete Frau im Konzern arbeiten. Üblich ist, dass jährlich mindestens zehn Prozent des Nachsteuergewinns für wohltätige Zwecke gespendet werden. Bis zum Zweiten Weltkrieg war C&A in drei Ländern (Deutschland, Großbritannien und in den Niederlanden) mit Filialen vertreten, wobei sich Deutschland zum wichtigsten nationalen Markt entwickelte. Die 1929 beginnende Weltwirtschaftskrise traf die Bekleidungskette nicht so stark wie andere Firmen, weil die von Einkommensverlusten oder Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen auf billige Produkte angewiesen waren.

Als die Nazis 1933 in Deutschland die Macht übernahmen, ergaben sich für die Brenninkmeijers drei Konfliktfelder: Sie waren Ausländer, Katholiken und Kapitalisten. Es bestand daher die Gefahr, dass sie von den Nazis als potenzielle Feinde angesehen wurden. Trotzdem schafften es die für Deutschland zuständigen Familienmitglieder, mit dem Regime zu kooperieren. 1936 wollte Franz Brenninkmeijer der NSDAP betreten. Er verwies dabei auf seine deutschen Wurzeln und ließ sich von der Gemeinde Mettingen die „arische Herkunft“ bestätigen.

Sein Antrag wurde abgelehnt, weil er Niederländer war. Doch die Nazis schlugen vor, dass er statt Mitgliedsbeiträgen entsprechende Spenden leisten sollte. Diesem Wunsch wurde entsprochen. Im Dritten Reich ging ein Großteil der Spenden von C&A nicht mehr an katholische, sondern an parteinahe und staatliche Organisationen.


Gemälde für Göring. Der Historiker Spoerer fand heraus, dass C&A über Kunsthändler Gemälde aufkaufen ließ, um diese dem als eifrigen Sammler bekannten Hermann Göring zum Geburtstag zu schenken. Göring war damals der starke Mann in der Nazi-Wirtschaftspolitik.

Schon vor der Machtübernahme durch die Nazis beschäftigte C&A in Deutschland keine jüdischen Mitarbeiter. Dies wurde mit religiösen Motiven begründet. So wurde 1929 ein zum katholischen Glauben konvertierter Jude als Verkaufsleiter eingestellt, nachdem sich die Firma vergewissert hatte, dass er den Glauben praktizierte. Evangelische Christen wurden zwar beschäftigt, aber in der Regel nicht in der Führungsebene. Bis Anfang der 1930er-Jahre spielten in deutschen Städten jüdische Unternehmen im Textilhandel eine nicht unbedeutende Rolle. Dies änderte sich mit den Nazis. Jüdische Geschäftsinhaber wurden zur Aufgabe gezwungen. Zudem mussten sie ihre Immobilien billig verkaufen. Hier griff C&A in mehreren Fällen zu.

Ein besonders schlimmes Beispiel ist das Schicksal der Jüdin Fanny Bialystock, der in Bremen ein Haus mit einem Geschäft gehört hat. C&A tat alles, um die Immobilie günstig zu erwerben. Bialystock wollte auswandern. Doch die Ausreise verzögerte sich. C&A weigerte sich, den von Bialystock geforderten Preis zu zahlen. Schließlich gab die Frau angesichts des Drucks auf Juden in Deutschland nach.

In der Reichskristallnacht 1938 wurde ihr Geschäft von Nazis demoliert. Nur eine Woche später war C&A als neuer Eigentümer eingetragen. Die Kosten für die Zerstörung in der Reichskristallnacht musste Bialystock übernehmen. „Die Härte, mit der die C&A-Unterhändler der durch die Zeitumstände schwer bedrängten Frau begegneten, zeigen, dass das Unternehmen die Rechtslage in diesem Fall eiskalt ausnutzte“, schreibt Spoerer.


Beschwerde bei Göring. 1937 hatte C&A in Leipzig Probleme mit den lokalen Behörden, eine Filiale zu eröffnen. Daher schrieb das C&A-Hauptbüro an Göring: „Wir waren eines der Unternehmen, die vor dem Kriege in die Vormachtstellung eindrangen, die der jüdische Textileinzelhandel besaß und haben uns gegen die Kapitalmacht des Waren- und Kaufhauses und gegen die Vormachtstellung der gesamten jüdischen Konkurrenz durchsetzen müssen und durchgesetzt. Es ist seit der Gründung niemals ein Nichtarier bei uns beschäftigt gewesen.“

Zudem wurde wieder darauf hingewiesen, dass die Familien Brenninkmeijer „rein arisch“ sei. Göring setzte sich daraufhin für C&A ein.

Nachdem die Nazi-Truppen im September 1939 Polen überfallen hatten, schrieb Franz Brenninkmeijer an alle Führungskräfte in Deutschland. Darin hieß es, die Firma und ihre Inhaber stehen „vorbehaltslos zu allem, was der Führer und sein Beauftragter von uns verlangen“. Man habe die Haltung im Betrieb und im Privatleben so einzurichten, dass sie „als Beispiel auf alle übrigen Gefolgschaftsmitglieder und Volksgenossen wirkt“.


Uniformen für die Wehrmacht. Im Zweiten Weltkrieg fertigte C&A Uniformen für die Wehrmacht. In den letzten Kriegsjahren wurde kaum noch zivile Kleidung hergestellt. Beauftragt wurde unter anderem das jüdischen Ghetto in Litzmannstadt (Lodz). Lodz war vor der Besetzung durch die Nazis eines der bedeutendsten Zentren der polnischen Textilindustrie. Von den 73.000 beschäftigten Ghettoinsassen arbeiteten 31.000 als Schneider und weitere 12.000 in Leder- und Schuhbetrieben.

Als im September 1944 mit der Räumung des Ghettos begonnen wurde, war eine C&A-Tochter für kurze Zeit der „größte privatwirtschaftliche Kunde der Textilabteilung der Ghettoverwaltung“, schreibt Spoerer.

Katastrophal waren die Bedingungen für Ostarbeiterinnen, die ab 1942 in Berlin für eine C&A-Tochter arbeiten mussten. Die Frauen waren im Dachstuhl eines Fabrikgebäudes untergebracht. Von Sommer 1943 bis Sommer 1944 sind neun Todesfälle aus diesem Lager belegt. Dabei handelte es sich um vier junge Frauen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren sowie fünf Kinder im Alter zwischen neun Tagen und drei Jahren. Die Todesursachen seien „typische Folgen von Mangelernährung. Die Hauptverantwortung dafür muss C&A zugerechnet werden“, betont Historiker Spoerer.

In den deutschen C&A-Filialen brachen die Umsätze nach Kriegsausbruch ein, weil die meisten Kleidungsstücke nur noch nach Vorlage der Reichskleiderkarte verkauft werden durften. Daher wurden mehrere Standorte geschlossen. Bis 1945 wurden fast alle übrigen C&A-Häuser im Zuge von Luftangriffen beschädigt oder zerstört.

Nach 1945 begann der Wiederaufbau. „Die Vergangenheit im Dritten Reich spielte im Unternehmen nach dem Krieg keine erkennbare Rolle“, heißt es im jetzt erschienenen Buch. Heute beschäftigt C&A etwa 35.000 Mitarbeiter. In die über 1500 Filialen kommen täglich mehr als zwei Millionen Kunden. Die Firma wird in sechster Generation nach wie vor von der Gründerfamilie geführt.

Details:

Der Historiker Mark Spoerer hat die Geschichte von C&A wissenschaftlich aufgearbeitet.

Sein Buch „C&A – Ein Familienunternehmen in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien 1911–1961“ erscheint im Verlag C. H. Beck, München 2016, 480 Seiten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2016)

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