"Spanisches Harakiri" schockt Europas Börsen

Die Verstaatlichtung der Sparkasse Cajasur am Wochenende offenbart die größte Schwachstelle im spanischen Bankensystem: Die Sparkassen. Zudem verunsichert das schlechte IWF-Zeugnis für Spanien.

A Spanish Euro coin is photographed on Thursday, April 29, 2010 in Bruchkoebel, Germany. Europes debs deb
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A Spanish Euro coin is photographed on Thursday, April 29, 2010 in Bruchkoebel, Germany. Europes debs deb
(c) AP (Ferdinand Ostrop)

Die anhaltenden Risiken in der Euro-Zone sorgen an den Börsen für schlechte Stimmung. Die Leitbörsen in Europa sind am Dienstag mit deutlichen Verlusten in den Handel gestartet. Der Wiener Börsenindex ATX fiel zum Handelsstart um 3,05 Prozent auf 2324,67 Zähler, im Tagesverlauf rutschte er sogar über vier Prozent ab. Der deutsche Aktienindex DAX sackte um 2,57 Prozent auf 5656,35 Zähler ab und der 50 führende Unternehmen der Eurozone umfassende Euro-Stoxx-50 verlor 3,07 Prozent auf 2479,75 Punkte. Auch der Euro befand sich wieder auf Talfahrt: In der Früh kostete die Gemeinschaftswährung 1,2282 Dollar.

"Von Tag zu Tag mehr ausgeblutet"

Sorge bereitet diesmal vor allem Spanien. Am Wochenende musste die spanische Sparkasse Cajasur, das einzige von der katholischen Kirche kontrollierte Geldinstitut in Spanien, verstaatlicht werden. Medienberichten zufolge wird die spanische Zentralbank zur Rettung der fast in die Pleite geschlitterten CajaSur zwischen 550 Millionen und 2 Milliarden Euro aus dem staatlichen Rekapitalisierungsfonds nehmen. "Die Sparkasse blutet von Tag zu Tag mehr aus", hatte CajaSur-Präsident Santiago Gomez Sierra, ein Geistlicher zuletzt beklagt.

Die Nachrichten schürte an den Märkten neue Ängste vor einer Ausweitung der europäischen Schuldenkrise. Stark unter Druck kamen an den Börsen in Folge Bankenwerte. ING büßten 7,59 Prozent auf 5,85 Euro ein. Societe Generale verloren 6,71 Prozent auf 32,86 Euro. Deutliche Verluste sahen auch UniCredit (minus 5,49 Prozent auf 1,635 Euro).

"Spanisches Harakiri"

Die CajaSur sollte sich mit der Unicaja, der größten Sparkasse in Spaniens bevölkerungsreichster Region Andalusien, zusammenschließen. Aber die Kirchenmänner ließen das Vorhaben im letzten Augenblick platzen. Die spanische Zentralbank intervenierte, setzte den Vorstand ab und stellte die Sparkasse unter ihre Aufsicht.

Die Entscheidung der kirchlichen Manager, die Sparkasse lieber aufgrund laufen zu lassen als einer Fusion zuzustimmen, stieß in der spanischen Finanzwelt auf Empörung und Unverständnis. "Das war ein Selbstmord nach allen Regeln der Kunst", meinte die Wirtschaftszeitung "Expansion". "Man könnte auch von einem Harakiri sprechen."

Sparkassensektor: Schwachstelle im Bankensystem

Heute wurde bekannt, dass sich vier Sparkassen in Spanien zum fünftgrößten Geldinstitut des Landes zusammen. Die Caja Mediterraneo (CAM), Cajastur, Caja Extremadura und Caja Cantabria kamen überein, zu einer gemeinsamen Gruppe zu fusionieren. Die Fusion ist die größte in der Geschichte der spanischen Sparkassen. Sie muss allerdings noch von den Aufsichtsräten der beteiligten Unternehmen genehmigt werden.

Viele Experten versichern, dass nach CajaSur noch weitere Sparkassen dieses Schicksal erwarten wird, sollten sie nicht schnellstens mit anderen Geldinstituten fusionieren.

Weitere Fusionen geplant

Viele weitere Fusionen stehen bereits kurz vor dem Abschluss. So muss die geplante Fusion von Unicaja und Caja Jaen nur noch vom Aufsichtsrat besiegelt werden.

Auch die katalanischen Sparkassen Caixa Catalunya, Caixa Tarragona und Caixa Manresa haben ihre Geschäfte zusammengelegt und beantragen derzeit 1,2 Mrd. Euro aus dem 99 Mrd. Euro schweren staatlichen Bankrettungsfonds, den die spanische Regierung im Juli vergangenen Jahres ins Leben gerufen hat. Die Fusion zwischen Caja Navarra, Caja Canarias und Caja de Burgos steht ebenfalls kurz vor der Unterzeichnung.

Schwachstelle Sparkassen

Die Sparkassen gelten als eine Schwachstelle im spanischen Bankensystem. Die Branche ist in mehr als 50 kleine Geldinstitute aufgesplittert. Seit Jahren verlangen Experten, die Zahl der Sparkassen durch Fusionen auf weniger als die Hälfte zu reduzieren. Dies scheiterte in vielen Fällen aber daran, dass bei den Sparkassen lokale Politik-Größen den Ton angeben, die ihren Einfluss auf die Geldinstitute nicht verlieren wollen.

Lange Zeit sah es eigentlich so aus, als seien Spaniens Banken besser als ihre ausländischen Konkurrenten gegen die internationale Finanzkrise gewappnet. Bisher konnten sie die Krise dank strenger Kontrollregeln seitens des Kontrollrates der spanischen Zentralbank gut meistern. Zudem sind Geldinstitute in Spanien seit der letzten Bankkrise im Jahre 1985 dazu verpflichtet, spezielle Reserven aufzubauen, um in schlechten Zeiten nicht in Bedrängnis zu geraten.

 

Schlechtes IWF-Zeugnis für Spanien

Damit nicht genug, forderte der Internationale Währungsfonds (IWF) am Montag Spanien zu weitreichenden Reformen auf. Dabei sprachen die Experten vor allem den Arbeitsmarkt an. "Die Herausforderungen sind groß: Ein dysfunktionaler Arbeitsmarkt, die geplatzte Immobilienblase, ein großes Haushaltsdefizit, die hohe Verschuldung der Privatwirtschaft, ein blutarmes Produktivitätswachstum, geringe Wettbewerbsfähigkeit und ein schwächelnder Bankensektor", schrieben die Experten in einem am Montag veröffentlichten Bericht.

Die spanische Wirtschaft erholt sich nach Einschätzung des IWF nur schrittweise von den Folgen der schweren Rezession. Mittelfristig sei mit einem Wachstum von 1,5 bis zwei Prozent zu rechnen. Für das laufende Jahr erwartet der IWF ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung von 0,4 Prozent, 2011 sei ein Wachstum von 0,9 Prozent in Sicht.

Risikoaufschläge steigen wieder

Die Risikoaufschläge für zehnjährige spanische Staatsanleihen sind am Dienstag auf das höchste Niveau seit der Verabschiedung des Rettungspakets von EU und IWF gestiegen. Der Abstand der Rendite zur deutschen Bundesanleihe kletterte auf 155 Basispunkte.

(Ag./Red.)

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