Pünktlich zum Gipfel wird Irland herabgestuft

Bereits zum vierten Mal dieses Jahr setzte es unmittelbar vor einem EU-Spitzentreffen schlechte Noten für die Kreditwürdigkeit von Euroländern. Die Agentur Moody's bewertet Irland nun fünf Stufen schlechter.

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(c) REUTERS (THIERRY ROGE)

Wien/Gre/Ag. „Baa 1“ lautet die neue Bewertung, die die amerikanische Ratingagentur Moody's dem trudelnden Irland und seiner Kreditwürdigkeit am Freitag ausstellte. Diese Note liegt fünf Stufen unter der bisherigen Bewertung und nur noch zwei Stufen über dem sogenannten „Ramsch-Status“ (Synonym für hoch spekulativ). Für Irland bedeutet das künftig höhere Risikoaufschläge und damit eine teurere Refinanzierung der Staatsschulden. Der irische Premierminister Brian Cowen zeigte sich in einer Stellungnahme enttäuscht – besonders über die Entscheidung der Agentur, den Ausblick von „stabil“ auf „negativ“ zu setzen.

Die irischen Finanzprobleme werden allerdings in den nächsten drei Jahren von einem 85 Mrd. Euro schweren Rettungspaket abgefedert, das von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) geschnürt wurde. Der IWF gab am Freitag seinen Anteil in Höhe von 22,5 Mrd. Euro frei: Der Kredit soll Irland die nötige Zeit geben, um „das Vertrauen der Märkte zurückzugewinnen und das Land bei der finanziellen Stabilisierung unterstützen“, so IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn.

 

Agenturen setzen EU unter Druck

Die Ratingagentur Moody's droht Irland trotzdem mit weiteren Abwertungen, falls das Land nicht bald seine Schuldenentwicklung unter Kontrolle bringt. Auch den anderen Euro-Krisenstaaten Spanien und Griechenland wurden „aus Sorge über das Schuldenniveau“ weitere Herabstufungen angedroht. Und das passiert während des EU-Gipfels zum „Europäischen Stabilitätsmechanismus“ („Die Presse“ berichtete).

Schon während des laufenden Jahres setzten die Ratingagenturen Moody's und Standard & Poor's sowie Fitch (mit Standorten in New York und London, der Eigentümer sitzt in Paris) die EU-Spitze unter Druck – gewollt oder nicht. Bereits im Februar drohte Moody's einen Tag vor einem EU-Sondergipfel zur griechischen Krise mit weiteren Herabstufungen der griechischen Bonität. Drei Mal wurde am Vortag eines Gipfels eine Abstufung bekanntgegeben, ein weiteres Mal fand die Abstufung immerhin zwölf Tage vor dem Treffen statt. Bloß bei einem einzigen Gipfel Mitte September hielten sich die Ratingagenturen zurück. Dieser war allerdings ohnehin vom Roma-Streit zwischen dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und der EU-Kommission überschattet.

Um diesen ungewollten Zwischenrufen der Ratingagenturen zu entgehen, regten in der Vergangenheit sowohl die deutsche Kanzlerin Angela Merkel als auch Sarkozy die Gründung einer „europäischen“ Agentur an. Bundeskanzler Werner Faymann äußerte sich im Juni zustimmend: Es käme ihm so vor, als ob sich vor jedem EU-Gipfel Ratingagenturen oder „Spekulanten“ einmischten. Deshalb hielte er die Schaffung einer europäischen Ratingagentur für notwendig.

Diese könnte zu einer Steigerung der Objektivität und zu größerer Unabhängigkeit von den etablierten (amerikanischen) Agenturen führen, die in den letzten Jahren immer wieder mit negativen Schlagzeilen im Rampenlicht standen.

 

Drei Agenturen kontrollieren den Markt

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Ländern, Banken und anderen Unternehmen mit eigenen Notensystemen. Standard & Poor's und Fitch verwenden Skalen von AAA (Bestnote) bis D (Zahlungsunfähigkeit). Das von Moody's verwendete Schema ist etwas komplizierter (siehe auch nebenstehende Grafik). Diese Ratings müssen im Normalfall bestellt und von der geprüften Organisation oder dem bewerteten Land bezahlt werden, was die Agenturen anfällig für Kritik macht. Ihr Ruf wurde unter anderem im September 2008 angekratzt, als sie der Investmentbank Lehman Brothers bis kurz vor ihrem Zusammenbruch die höchste Bonität attestierten.

Die bereits genannten Rating-Agenturen Moody's und Standard & Poor's teilen sich 80 Prozent des Marktes, nimmt man Fitch dazu, kommen sie schon auf 95 Prozent. Kleine Anbieter haben kaum eine Chance, eine kritische Größe zu erreichen, um vom Markt wahrgenommen zu werden. Einzig eine europäische Agentur könnte den Markt aufwirbeln.

Wie die Ratings zustande kommen, ist Betriebsgeheimnis. Ein Problem wird jedoch am Fall Lehman Brothers deutlich: Die Ratings stellen ein Zeugnis zu einem bestimmten Zeitpunkt dar, und dieses Rating gilt bis zur nächsten Überprüfung. Und die Häufigkeit dieser Überprüfungen ist nicht zuletzt eine kostspielige Angelegenheit.

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APA, Moody's

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2010)

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