IWF: Kapitalverkehr darf kontrolliert werden

Der Währungsfonds verabschiedet sich von einem seiner Grundsätze. Freier Kapitalverkehr gilt nicht mehr in jedem Fall als wünschenswert. Schwellenländer sollen Kapitalzuflüsse aus Industrieländern einzudämmen.

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(c) REUTERS (CHARLES PLATIAU)

Wien/Gau. Dominique Strauss-Kahn ist kein Mann leerer Worte. Seit einigen Tagen geht der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) mit einer Rede hausieren, in der er einen marktkritischeren Kurs ankündigt. Denn die Globalisierung habe „eine dunkle Seite“. Zwar habe der freie Handel von Gütern „hunderte Millionen Menschen aus der Armut befreit“. Die Globalisierung der Finanzmärkte aber führe zu einer größeren Kluft zwischen Arm und Reich.

Am gestrigen Mittwoch gab der IWF nun neue Richtlinien bekannt, die es Schwellenländern erlauben, der „Globalisierung der Finanzmärkte“ Einhalt zu gebieten. Ein historischer Schwenk, denn der freie Kapitalverkehr galt in dem Fonds bisher unter allen Umständen als wünschenswert. Das Paradigma lautete: Ungehinderte Kapitalflüsse führen zur besten globalen Verteilung von Kapital und fördern so das Wachstum.

Das gelte in den meisten Fällen auch weiterhin. Nicht aber in der Situation, in der sich viele Schwellenländer aktuell befinden. Aus den Industriestaaten fließen große Mengen an Kapital in Länder wie Brasilien, Chile, Südkorea, Indonesien, Südafrika oder die Türkei.

Früher investierten dort vor allem ausländische Unternehmen in Fabriken und Büros. Heute schaffen in erster Linie Investmentfonds und Versicherungen ihr Geld herbei. Angelockt werden sie vom starken Wachstum, soliden Staatsfinanzen und höheren Zinsen. Sie kaufen Aktien, Anleihen oder Rohstoffe aus kurzfristigem, oft spekulativem Interesse. Dieses Portfoliokapital fließt sehr rasch zu und führt dann zu einer starken Aufwertung der heimischen Währung, die Exporteuren das Leben schwermacht. Auf den Rohstoff- und Immobilenmärkten bilden sich Blasen, das Kreditvolumen wächst ungesund schnell, die Preise steigen.

Erhöht die Notenbank deshalb die Zinsen, zieht sie nur noch mehr Kapital ins Land – ein Teufelskreis. Ändert sich die ökonomische Großwetterlage, ist das Kapital sehr schnell wieder weg, was zu neuen Turbulenzen führt. Deshalb intervenieren Notenbanken auf dem Währungsmarkt und stocken ihre Devisenreserven auf. Oder Regierungen behindern den Kapitalverkehr durch direkte Eingriffe, wie Steuern oder Mindestbehaltefristen für gekaufte Vermögenswerte. Zu solchen Mitteln griffen sie schon bisher, auch ohne den Sanktus des IWF. Der Fonds argumentiert nun pragmatisch: Er wollte nicht die Augen vor der Realität verschließen und hat lieber empirisch untersucht, welche Mittel besser wirken als andere.

Daraus entstand das Regelwerk. Es sieht grob so aus: In jedem Fall am besten ist es, den heimischen Kapitalmarkt tiefer und breiter zu machen. Starke Zuflüsse von außen werden dann besser absorbiert, die Kurse schlagen weniger aus. Sind höhere Zinsen nicht möglich, soll alternativ die Fiskalpolitik restriktiver werden. Ist diese Variante ausgereizt, sind auch Devisen-Interventionen erlaubt. Weil sie die Inflation antreiben können, sollen sie, so weit möglich, sterilisiert werden (die Geldmenge bleibt gleich). Als Ultima Ratio bleibt – vorübergehend – die direkte Kontrolle des Kapitalverkehrs.

 

Kritik von Schwellenländern

Aufzwingen kann der IWF die Regeln seinen Mitgliedern nicht, aber als wichtiger Kreditgeber hat er ein starkes Lock- und Drohpotenzial. Die großen Schwellenländer melden Widerstand an, sie wollen sich nicht einschränken lassen. Auffallend ist, dass die „politikgemachte“ Ursache für die Kapitalströme kaum erwähnt wird: die Geldpolitik der Industriestaaten, vor allem die tiefen Zinsen. Mit diesem Thema will sich der Fonds in der nächsten Studie befassen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2011)

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