Bob Doll: "Wieso Ratingagentur? Wir machen selbst Research"

05.07.2011 | 18:23 |  JOSEF URSCHITZ (Die Presse)

Chefstratege der weltgrößten Fondsgesellschaft BlackRock, Bob Doll, vertraut nicht auf die Noten externer Agenturen und meint, dass deren große Macht ausschließlich darin liege, dass alle ihren Urteilen glaubten.

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Wien. Mit einem verwalteten Vermögen von 3600 Mrd. Dollar (das ist mehr als das zwölffache des österreichischen Bruttoinlandsprodukts) ist BlackRock der mit Abstand größte Vermögensverwalter der Welt. Viel Geld, für dessen Management eine Menge an Informationen nötig ist. Wie weit vertraut die in New York ansässige Fondsgesellschaft dabei den Noten der internationalen Ratingagenturen?

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„Überhaupt nicht“, sagt Bob Doll, Chefstratege von BlackRock, im Gespräch mit der „Presse“. „Wir bei BlackRock beachten Ratings nicht. Wir machen unseren eigenen Credit-Research.“ Und woher kommt dann die Macht der Agenturen, wenn sich die größten Player auf den Finanzmärkten nicht immer nach deren Noten richten? „Die kommt daher, dass das eben doch viele Leute ernst nehmen“, meint Doll. Und zwar in Europa mehr als in den USA. Denn die vor Kurzem ausgesprochene Drohung, die USA abzustufen, habe dort relativ wenig Aufregung verursacht.

Die in Europa vorherrschende Meinung, dass die Agenturen europäische Länder deutlich strenger benoten als etwa die USA, findet der US-Experte „interessant“. Das habe aber weniger politische Gründe, sondern liege daran, dass sie „auf die USA als Land mit der Weltreservewährung blicken“. Das schaffe andere Voraussetzungen – und werde sich in dem (allerdings in weiter Ferne liegenden) Augenblick ändern, in dem Amerika diesen Status verliert.

Man müsse auch sehen, dass die USA zwar viele Probleme (auch mit den Staatsschulden) habe, aber eben immer noch weniger als andere. Doll: „Wir sind das beste Haus in einer schlechten Gegend.“

 

Griechenland ist pleite

Zur Griechenland-Krise meint der US-Experte, jeder in der Finanzwelt wisse, dass Griechenland nicht zahlen könne. Der „Default“ sei also praktisch da. Die Frage sei jetzt, „wann man in Europa anerkennen kann, dass Griechenland zahlungsunfähig ist“. Dazu brauche es noch Zeit. Zumal es nicht so aussehe, als hätten die EZB und die Euroregierungen eine Lösung zur Verhinderung der Staatspleite parat.

Doll würde eine Lösung einfallen: niedrige Zinsen. „Schuldner, egal ob Staaten, Unternehmen oder Private, werden nicht von ihren Schulden erwürgt, sondern von den Zinszahlungen“. Niedrigstzinsen würden beispielsweise das hoch verschuldete Japan seit Jahren vor dem Kollaps bewahren. Auch in den USA seien die hohen Staatsschulden noch nicht wirklich ein Problem, weil der Anteil der Zinszahlungen am BIP nicht wesentlich gestiegen sei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2011)

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7 Kommentare

als näschstes kauf ich mir USA

ist wie bei DKD, deuscher kaufmann.....
wie hieß das noch

die italiener haben gesehen

die griechen bekommen geld - das können wir auch...

und mir gehört bald ganz europa

Niedrigere Zinsen?

Wenn man Griechenland niedrigere Zinsen berechnet als man sie einem "D"-Schuldner ansonsten berechnen würde, dann ist das ja nichts Anderes als ein teilweiser Schuldenerlass, nur halt nicht transparent.
Sind Probleme gelöst, wenn man sie unter den Teppich gekehrt hat?

Super Beitrag!

Ein wirklich erfrischender Beitrag! Danke!

niedrige Zinsen - fein

Und wer kauft griechische Anleihen um 0,5 % ??
Richtig, die EZB und andere EU-Staaten. Ganz toll, wir retten Griechenland, indem wir ihnen das Geld schenken, und wenn die eine Anleihe fällig wird, dann begibt man eben eine andere, mit Null-Zinsen kein Problem.

Ich hätte das auch gerne: Bitte, nur 10 Millionen Euro reichen mir, ein Kredit auf 10 Jahre, endfällig ohne Zinsen, und dann möchte ich verlängern, zu den gleichen Konditionen, bis ich sterbe und dann vererbe ich diesen Kredit an meine Kinder, die sollen ihn auch verlängert bekommen bitte. Andererseits, wozu der ganze Aufwand, gleich 100 Jahre mit Null Zinsen, wo ist das Problem ?
Superlösung :-)

Und der Herr hat leicht reden, von wegen wir kümmern uns um die Ratings nicht. Das geht nur gut, solange sie von den Anlegern komplett freie Wahl bei den Investments haben, und ich bezweifle, dass Black Rock das überall hat. Wenn er einen Fond auflegt, der in seinen Bedingungen vorschreibt, dass keine Investitionen in Unternehmen oder Staaten mit einer Bonität schlechter als A- getätigt werden dürfen, was macht er dann jetzt mit seinen Griechenlandbonds, der Klugscheisser ?

Gast: KritischerGeist
05.07.2011 20:45
0

Punktgenau

Zitat: "Doll: „Wir sind das beste Haus in einer schlechten Gegend.“

Danke für diesen Satz, Herr Doll. Den rahme ich mir ein!!! :-)))

Gast: Gast 99
05.07.2011 20:43
1

Die Frage sei jetzt wenn man in Europa anerkennen kann, dass Griechenland zahlungsunfähig ist

Dazu passt auch folgender Kommentar:"Rettung von Banken als wahres Ziel
Trotz der Erleichterung, dass ein Bankrott Griechenlands vermieden worden ist, wächst an den Finanzmärkten die Kritik an der Realitätsferne der Rettungspläne. In Marktkreisen macht man sich keine Illusionen über den wahren Charakter der Rettungsbemühungen. Nur vordergründig gehe es darum, den Staatsbankrott Griechenlands und eine Ansteckung anderer Euro-Länder zu verhindern. In einer Kurzanalyse schreibt die US-Bank JP Morgan, dass auch die jüngste Entwicklung auf der Fiktion basiere, Griechenland könne dereinst seine Schulden zu Par zurückzahlen. Gleichzeitig werde die zerfallende wirtschaftliche und soziale Lage des Landes zu wenig berücksichtigt. Die Bemühungen seien vor allem auf einen weiteren Transfer von Geldern europäischer Steuerzahler und des IWF an Banken und auf einen Zeitgewinn ausgerichtet. Im Rückgriff auf das Modell der schweizerisch-amerikanischen Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross über die fünf Phasen des Sterbens (Verneinung, Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz) meint die Bank, dass der neue Bail-out nichts anderes sei, als ein Rückfall in die Verhandlungsphase und man sich wieder weiter von der Akzeptanz des Unvermeidlichen – der Unmöglichkeit einer vollen Rückzahlung der Schulden – entfernt habe.
Quelle: NZZ
Ja,niedrige Zinsen wären hilfreich! Sonst verpufft die Hilfe schon allein am Zinsaufwand für die Gläubiger! Und lfd.belastet wird der Steuerzahler durch die Hilfspakete!

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