109 Milliarden Euro für eine Woche Ruhe

28.07.2011 | 18:37 |  von Franz Schellhorn (Die Presse)

Die Ruhe an den Kapitalmärkten währte nur kurz: Für italienische, spanische und portugiesische Staatsanleihen fordern Geldgeber so hohe Risikoaufschläge wie vor dem jüngsten EU-Gipfel.

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Wien. Eine innige Liebesbeziehung wird das Verhältnis zwischen Politikern und Märkten wohl nicht mehr werden: Keine Woche nach der gefeierten Entschärfung der europäischen Schuldenkrise sind spanische, portugiesische und italienische Staatsanleihen wieder so teuer wie im Vorfeld des Gipfels vom vergangenen Donnerstag. Europas Staatenlenker haben sich mit dem 109Milliarden Euro schweren Rettungspaket für Griechenland also bestenfalls ein paar Tage Ruhe erkauft.

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Dieser Befund lässt sich auch an den Währungs- und Rohstoffmärkten ablesen: Nach kurzer Rast haben die Anleger die Flucht aus Euro-Schuldenstaaten wieder aufgenommen. Ziel sind „sichere Häfen“ wie Schweizer Franken und Gold. Während die eidgenössische Wirtschaft der neuerlichen Aufwertung des Franken mit Ratlosigkeit begegnet, hadert die europäische Politik neuerlich mit „Spekulanten“ und „amerikanischen Ratingagenturen“, die unter Verdacht stehen, Europa zu negativ zu beurteilen.

Nach den jüngsten Turbulenzen an den Kapitalmärkten ist in Europa auch wieder vermehrt von wachsenden „Ansteckungsgefahren“ die Rede. So, als grassierte ein mysteriöses Virus, das wahllos „unschuldige Opfer“ befalle. Dabei handelt es sich um die üblichen Verdächtigen: Während Griechenland für zehn Jahre vom Kapitalmarkt genommen wurde, verteuern sich nun die Finanzierungskosten für Italien, Spanien und Portugal.

Italien hat sich erst gestern, Donnerstag, acht Milliarden Euro an frischem Geld besorgt. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone hatte zwar keine Probleme damit, genügend Geldgeber aufzutreiben. Allerdings bestehen diese auf einer höheren Risikoprämie: Rom muss den Anlegern für zehnjährige Staatsanleihen Renditen von 5,79 Prozent bieten. Ende Juni waren es noch 4,98.


Wachsender Geldbedarf. Ein Teil der höheren Aufschläge bei italienischen Staatsanleihen mag auf Gerüchte über den bevorstehenden Rücktritt von Finanzminister Giulio Tremonti zurückzuführen sein. Warum aber die Ruhe an den Märkten generell nur kurz gewährt hat, hat andere Gründe. So erklären Vertreter der Kreditwirtschaft die wachsende Unsicherheit mit dem Fall Griechenland: Obwohl bei Einführung des Euro das politische Versprechen abgegeben wurde, dass kein Euroland je pleitegehen würde, ist genau das passiert.Die Athener Regierung ist zwar mit den Garantien der europäischen Staatengemeinschaft im Rücken in der Lage, seinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Allerdings „durften“ private Gläubiger auf ein Fünftel ihrer Forderungen verzichten, was als partieller Zahlungsausfall zu werten ist.

Genau dasselbe könnte auch den Gläubigern von Portugal, Spanien und Italien passieren. Mit der Angst vor dem wachsenden Ausfallrisiko verteuert sich auch die Finanzierung für diese Länder. Im krassen Gegensatz dazu werden den als sicher geltenden Schuldnern wie Deutschland die Türen eingerannt. Mit dem Vorteil, dass sich die Aufnahme neuer Schulden für Berlin neuerlich verbilligt hat (siehe Grafik).

Damit setzt sich eine Art Teufelskreis in Gang: Je höher die Risikoaufschläge, desto teurer wird es für die hoch verschuldeten Staaten, sich frisches Geld zu besorgen. Das ist insofern bedrohlich, als erwähnte Staaten vor hohem Kapitalbedarf stehen. Womit sich ihr gesamtes Kreditportfolio verteuert, wodurch die Zinsbelastung in den nationalen Haushalten steigt, was wiederum die Fähigkeit, Altschulden zu bedienen, minimiert.

Quelle: Bloomberg, Grafik: Die Presse

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2011)

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128 Kommentare
 
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Gast: unbeteiligter
01.08.2011 11:47
0 0

Die Euro rettung ist ein ...........

Putsch gegen unsere Verfassung und alle Eu-Bücklinge spielen brav mit.

Da die Euro rettung nicht gelingen wird ist das Ende jener Herrschaften aber schon abzusehen und das ist gut so.

Gast: EFF EFF
29.07.2011 21:23
3 0

Bitte nicht stören!

Die europäische Politkaste geniesst die Schwerelosigkeit im freien Fall.

Wenn diePresse Ruhe möchte, schaltet doch einfach das Thema ab, so wie es das deutsche Zeitschriftenwesen tut.

Rettungsschirm ohne Italien?

Möglicherweise wird sich Italien nicht an der im September fälligen Tranche beteiligen, falls es selber höhere Zinsen für seine Schulden zahlen muss als es für die Kredite an Griechenland erhält. Noch habe die drittgrößte Volkswirtschaft der Währungsgemeinschaft in dieser Frage jedoch keine endgültige Entscheidung getroffen. (Reuters).
In diesem Fall müssten die anderen Länder einspringen.

Gast: Finanztricks
29.07.2011 19:13
3 0

Verschuldungskrise als prima Mechanismus um die EU-Bürger als ausgepowerte Lastesel in einer nie enden wollenden Tretmühle des Zahlenmüssens für die Wall-Street-Milliardäre einzuspannen. Sie brauchen bloß den EU-Beamten ihre Paper stecken. Und die in Finanzbelangen analphabetischen EU-Politiker dienen bereitwillig als Handlanger. Der Bürger degeneriert so zum ewigen Sklaven.


Gast: WallStreetFreak
29.07.2011 18:58
3 0

Für Kenner der Finanzmärkte die logische Folge. Nur für unsere Politiker und EU-"Experten" eine Überraschung. Der mundtot gemachte Bürger zahlt es sowieso. Wie lange noch?


3 0

Politiker und Spekulanten. Das ist wie Blinde mit Hütchenspielern. Nur diese Blinden verzocken unser Geld und Volksvermögen!


Gast: Antiquerulant
29.07.2011 18:04
2 0

Das war's wert

Immerhin konnte Merkel so ein paar entspannte Tage in Suedtirol verbringen.

Das hilfspaket wurden von unseren willfährigen Politikern sowieso nur durchgewinkt, weil sich einige Politiker Ihren Uralub nicht versauen wollten.


Gast: Dr. T
29.07.2011 15:43
0 1

Es gibt natürlich eine Alternative

"Je höher die Risikoaufschläge, desto teurer wird es für die hoch verschuldeten Staaten, sich frisches Geld zu besorgen." In diesem Satz steckt schon die Lösung des Problems. Wenn immer einer der alten, zinsgünstigen Kredite ausläuft, ersetzen in die hoch verschuldeten Staaten nicht durch einen neuen, teureren Kredit. Stattdessen kürzen sie ihre Ausgaben ein wenig.

Das Problem ist aber nur dass immer gleich zig Milliarden zur Refinanzierung der alten Schulden benötigt werden.



Betrugsanzeige gegen die Regierungen und Beamten täte Not, weil die geanu Wissen dass Sie Ihre Schulden nicht begleichen können und trotzdem neue Schulden aufnehmen.

Wenn die Politiker und Beamten persönlich Verantwortung dafür tragen müßten, dann würden Sie schon sparen.

Gast: ahnungslos
29.07.2011 15:32
0 2

Ich kenn mich nicht mehr aus...

Kann mir bitte irgendjemand (für mich als Laien) verständlich erklären, wie es soweit kommen konnte? Angefangen hat alles mit einer amerikanischen Immobilienkrise 2008, und jetzt das? Wäre für eine Erörterung sehr dankbar...

Antworten Gast: EFF EFF
29.07.2011 18:10
3 0

Re: Ich kenn mich nicht mehr aus...

Angefangen hat es damit, dass amerikanische Banken der griechischen Regierung geholfen haben ihre Bilanzen zu fälschen.

Re: Re: Ich kenn mich nicht mehr aus...

Na, na, der Anfang war das hemmungslose Schuldenmachen der vorwiegend linkspopulistischen Politiker, wie Kreisky&Co !!

Antworten Gast: Kurz-um
29.07.2011 16:15
5 0

Re: Ich kenn mich nicht mehr aus...

weil Du immer den Parteisumpf wählst
. . . und nicht kompetente Wissenschaftler und Fachleute!

In Kürze.



Die USA haben Ihre Immobilienkredite pakatiert (mi Hilfe der Ratingagenturen), ins Ausland verscherbelt.

Damit die EU-Banken wegen der notwendigen Abschreibungen, nach dem Zusammenbruch des Betruges, nicht alle praktisch alle keine Kredite mehr vergeben hätten können und immense Verluste hätte bilanzieren müssen, hat man die Banken gestützt.

Die Milliarden wurden von den Staaten aber über Schulden finanziert.

Der Markt wurde dadurch hellhörig und hat sein Blauäugigkeit verloren. Die Ratingagenturen haben, auch zur Ablenkung der Situation in den USA, die Ratings der EU Staaten verschlechtert, was zu höheren Schuldzinsen führt.

Durch die Einmischung der Politik hat man den Banken und Versicherungen spekulationsgeld in den Rachen geworfen. Hätte man Griechenland pleite gehen lasen, dann wäre Griechenland jetzt Schuldenfrei und die restlichen Staaten wären nun nicht ebenfalls am Rande der Pleite gelandet.

Soaber wird solange weiter verschuldet bis ubns alle die Luft ausgeht.

Gast: Pinoy
29.07.2011 15:21
5 1

das fortschrittlichste und sozialste Europa, einst 'cultural hub', könnte die Domäne für Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Frieden sein

. . . keine politische Union. Ein Konsortium der Wissenschaften muss endlich ein einheitliches Steuer-, Budget- und Sozialsystem schaffen. Ein gemeinsames Wirtschaftsministerium hätte für die Umsetzung zu sorgen.

Antworten Gast: Einheit, Einheit ueber alles
29.07.2011 18:06
2 1

Re: das fortschrittlichste und sozialste Europa, einst 'cultural hub', könnte die Domäne für Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Frieden sein

.. und Minlilove, Minitruth und Minipeace werden uns alle in eine goldene Zukunft fuehren!

Re: das fortschrittlichste und sozialste Europa, einst 'cultural hub', könnte die Domäne für Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Frieden sein

Bitte nicht nach noch mehr Politiker und Beamte rufen. Wir haben schon genug. Man muss jedoch mit dem Gedanken vertraut machen, dass die Politik - in diesem Fall noch verschärft durch deren eigenes Verschulden - an die Grenzen des von ihr gewollten Machbaren stößt.

Antworten Antworten Gast: Pinoy
29.07.2011 16:51
4 1

Re: ein Ministerium für die 27 Länder könnte 27 ersetzen

. . . damit dürften Politiker kein Land verschulden und könnten gezielt in schwachen Regionen investieren.

Musste ja so kommen!

Ist ja auch kein Wunder dass Staaten welche schon aus dem letzten Loch pfeifen auch noch bei der Hilfe für andere Staaten aufkommen müssen!
Also Alle EU-Politiker in einen Sack und dann drauf los-wird immer den Richtigen treffen!

http://www.handelsblatt.com/politik/international/euro-rettung-verpufft-neues-ungemach-droht/4446070.html

Gast: Adalbert M. Rohde
29.07.2011 12:55
4 0

Wer waren die Architekten dieser Eurozone

als deren Zwangsinsaßen wir nunmehr auf den Abgrund zusteuern?

Ich meine, bezüglich den PIGS gab es doch mehr als genug und überdies vernehmbare Stimmen sachkundiger Warner. Nichtsdestotrotz haben die maßgeblichen Politiker das Projekt vollzogen und vor den absehbaren Folgen die Augen verschlossen. Wann werden sie zur Verantwortung gezogen? Bislang kennen wir nicht einmal ihre Namen.

Re: Wer waren die Architekten dieser Eurozone

Die "Architekten" waren: Mitterand und Kohl. Kohl gezwungenermaßen, denn ansonsten hätte Frankreich seine Zustimmung zur deutschen Wiedervereingung verweigert.

Die von Kohl dann dazu eingebrachten Problembremsen (max. Neuverschuldung, no-bail-out) wurden aber von praktisch allen Politik-Nachfolgern nicht einmal ignoriert.

Der bisher letzte, mir bekannte und dazu geäußerte Politkommentar kam von BK Fayman zum übergehen des "no-bail-out": Nur ein kleiner Satz, welcher zu ändern ist.

Antworten Antworten Gast: Vogel Strauss
31.07.2011 21:36
0 0

Re: Re: Wer waren die Architekten dieser Eurozone

Bitte nicht vergessen: Durch 'wertvolle' Mediation des Herrn Jean-Claude Juncker (heute seltsamerweise Chef der Eurogruppe) kam der ganze Pallawatsch zustande, denn Kohl u. Mitterand hätten sich wohl nicht so leicht geeinigt. Der Herr Juncker ist der letzte noch aktive Urheber des Euros!

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Re: Wer waren die Architekten dieser Eurozone

angeblich, und heute sogar wahrscheinlich, die Bilderberger; weshalb Faymann als angeblicher "Sozialist" sich ja auch dazu bekennt, unseren Staat pleite gehen zu lassen, um was wohl erreichen zu können ?!
Pröll jun. war da ja irgendwie sogar ehrlicher als er sich krank meldete und zur Raffaisen wechselte, während der noch gesunde uns in ein Dilemma ohne Ausweg führt, und nur er allein samt seiner Vasallen dabei gewinnen wird.

Re: Re: Wer waren die Architekten dieser Eurozone

Lassen Sie bitte die Verschwörungstheorien im Dorf. Die Ausgangssituation des EUR war nicht schlecht, und die Ursachen der derzeitigen Krise sind exorbitante Verschuldung und Nichteinhaltung von Verträgen. beides verursacht durch unsere Politik.

Wenn aus Ihrer Sicht jedoch sowieso schon die Bilderberger regieren, ja dann .... Ich befürchte jedoch als Ursache eher das Unvermögen der Politik mit einer Situation fertig zu werden, welche es gem. deren Verständnis ja gar nicht geben dürfte.

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Re:erklär mir doch bitte endlich die angeblichen Vorzüge

dieser EU, damit ich sie den Nachkommen auch (eventuell verständlicher?) aufzeichnen kann !?
Es gibt und gab KEINE, zumindest keine den Völkern egal welcher Länder zugute kommend !

 
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