Tagung: "Europa muss Lebensstil ändern"

25.09.2011 | 18:25 |  von thomas vieregge (Die Presse)

Die Eurokrise ängstigt den Rest der Welt. Die USA und China stehen an vorderster Front der Kritiker – ein Balanceakt der IWF-Chefin Lagarde.

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Washington. George Soros sagt die beunruhigendsten Dinge mit großer Beiläufigkeit. Im Plauderton, entspannt im Fauteuil zurückgelehnt, gibt der 81-jährige Finanzguru bei einer Podiumsdiskussion über die Eurozone im Rahmen der Weltbank-Tagung in Washington eine messerscharfe Analyse ab: Die Eurokrise sei ernsthafter als der Banken-Crash vor drei Jahren. Sollte die EU kein probates Instrumentarium entwickeln, hätte dies den Kollaps des globalen Finanzsystems zur Folge.

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Seine Meinung trifft die Grundstimmung bei der Herbsttagung der Finanzminister und Notenbankchefs. Nie sei der Tenor so pessimistisch gewesen wie heuer, urteilt Larry Summers, Finanzminister unter Bill Clinton und Ex-Top-Berater Barack Obamas. Von allen Seiten prasseln Appelle, Vorschläge und Warnungen auf EU-Finanzkommissar Olli Rehn ein. „Die Bedrohung durch sturzflutartige Pleiten, den Run auf die Banken und katastrophale Risken muss vom Tisch“, urgierte US-Finanzminister Timothy Geithner. Und seine Amtskollegen aus den Schwellenländern stimmten in den Chor der Mahner ein.

 

Deutschland unter Druck

In der Angst vor einem Übergreifen der Krise und dem Rückfall in die Rezession schwingt in den USA auch ein politischer Aspekt mit. Eine Verschlechterung der ohnedies prekären Wirtschaftslage würde die Chancen für eine Wiederwahl Obamas im November 2012 noch weiter gefährden. Mit entsprechender Intensität drängt der Präsident die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, die Führungsrolle bei der EU-Feuerwehraktion zu übernehmen.

Der britische Investmentbanker David Marsh beschwört eine Fußball-Metapher: „Europa liegt 0:2 zurück, es sind noch zehn Minuten zu spielen – und Deutschland fehlt ein Goalgetter.“ Olli Rehn kontert mit dem klassischen Zitat des einstigen britischen Stürmerstars Gary Lineker: „Fußball ist ein Spiel mit 22 Mann, an dessen Ende Deutschland immer gewinnt.“

 

China als Retter?

Der Finne Rehn ist nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. „Dänemark galt in den 1980er-Jahren auch als kranker Mann Europas. Und wo steht es heute?“, antwortet er auf die Kritik des Chinesen Gao Xiqing. Der Chef der staatlichen China Investment Corporation hatte die Arbeitsmoral der Südeuropäer polemisch aufs Korn genommen: „Fünf Stunden am Tag zu arbeiten, und das nur dreimal in der Woche – das reicht nicht. Europa muss seine Lebensweise ändern – und seine Art, Geld auszugeben.“ Gao hatte die Lacher auf seiner Seite. Hinterher war er wie ein neuer Guru – mehr noch als Soros – von einer Menschentraube umringt.

„China ist imstande, die Wirtschaft zu stimulieren“, erklärte Soros. „Wir können nicht den Retter für andere spielen“, replizierte Gao. „Wir müssen uns selbst retten.“ Die Position Pekings reflektiert die nationalen Partikularinteressen der EU-Staaten, wie sie bis vor zwei Monaten auch Christine Lagarde als französische Finanzministerin vertrat.

Als IWF-Chefin hat sie jetzt aber das größere Ganze im Auge, und darum drängt sie zu unverzüglichem Handeln. Verschmitzt fügt sie hinzu: „Und eine kleine Währungsaufwertung Chinas würde helfen.“

Auf einen Blick

IWF-Herbsttagung. Die Eurokrise und die Angst vor einem Übergreifen auf den Rest der Welt und vor einer Rezession, ja, vor einem Kollaps des globalen Finanzsystems stand im Zentrum der halbjährlichen Konferenz der Finanzminister und Notenbankchefs in Washington. IWF-Chefin Christine Lagarde bilanzierte: „Die Weltwirtschaft hat die Hälfte der Arbeit erledigt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2011)

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19 Kommentare
Gast: Nur ein Gast
27.09.2011 11:37
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GRIECHEN

3x/Woche nur 5 Stunden, das triftt sicher auf Griechenland. Sie machen sich ein schönes Leben mit dem Geld das sie gar nicht haben, gehen Pleite und jetz müssen wir solange und soviel für diese Griechen zahlen bis unser Geld nichts mehr Wert ist. Unsere Ersparnisse sind im Gefahr angesicht der drohenden Hyperinflation!!! Hauptsache retten wir die Griechen.

Gast: Hans Meier
26.09.2011 14:39
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"urgieren"??

Was für ein wichtigtuerisches, pseudogebildetes Wort.

es ist weder eine wirtschafts- noch eine finanzkrise. es ist eine rein politische krise!

denn der wirtschaft geht es nicht schlecht in europa: die eu ist sogar die mächtigste volkswirtschaft der welt mit unmengen an knowhow und möglichkeiten.

die eu ist verschuldet. aber sie ist hauptsächlich bei ihren eigenen bürgern verschuldet! beim kleinen sparen ein klein wenig, beim superreichen in großem maß.
diese schulden in sehr kurzer zeit zu tilgen, wäre mittels entsprechender maßnahmen kein problem.
doch der wille dazu fehlt, da diejenigen, die von den schulden überproportional profitiert haben, nicht nur hauptgläubiger sind sondern auch die macht haben, einer zwar notwendigen aber für sie auch überproportional ungünstigen lösung jede menge prügel zwischen die beine zu werfen.

(ps.: sie sind allerdings clever genug, das nicht persönlich zu tun. es finden sich allerdings wie immer jede menge deppen, die diese schmutzige arbeit für sie erledigen)

War dieser Soros nicht jemand der vor dem € massiv gegen einzelne Währungen spekulierte?

Seine Ansichten sind somit wertlos. Er will nur frühere Zustände wieder zurück damit er seine räuberischen Praktiken wieder aufnehmen kann!

Gast: aca
26.09.2011 02:14
0 0

....

Sollen die Chinesen doch einfach mal den Yuan auf realwert aufwerten...dann wäre schon geholfen.

ganz Unrecht hat man aber nicht, wir müssen sparen und nicht permanent (wies auch in Österreich geschieht) sich alles mögliche auf Pump gönnen.

Gast: Gruftmaus
26.09.2011 01:35
1 3

Not

Aufs wohl bald kommende Notgeld muß unbedingt die Fratze Merkels rauf! :((

Gast: lessismore
25.09.2011 22:32
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Prekarisierung ...

ist jetzt eine Frage der Arbeitsmoral?

6 0

Wieso sollte China jemanden retten ?

Damit der Gerette einen hohen Preis bezahlt ? - Chinesische Philosophie ist es doch eher, am Fluss zu warten, bis die Leiche des Feindes vorbeischwimmt. Und außerdem ist es dort verpönt, jemandem ins Wasser nachzuspringen, der partout Selbstmord begehen will.

Antworten Gast: oberon 12
26.09.2011 11:12
0 0

Re: Wieso sollte China jemanden retten ?

Ui, eine Ansammlung von Binsenweisheiten - aber halt nicht wahr.

Natürlich kauft China weiterhin anleihen und Devisen - bei der Handelsbilanz und dem großen Interesse an der Stabilität der Absatzmärkte völlig klar...

Historische Zeiten!

Wir erleben jetzt live den völligen Zusammensturz
der Finanzwirtschaft.
Wir erleben die soziologischen und zivilisatorischen Auswirkungen der totalen, globalen Korruption.

Ein Zahlungsmittel ist zum Selbstzweck geworden...


Gast: fu hu
25.09.2011 21:31
5 2

Die einzigen, die ihre Lebensweise und ihre Art, Geld auszugeben, ändern müssen sind die Politiker, Behörden und Banker.

Die einzigen, die ihre Lebensweise und ihre Art, Geld auszugeben, ändern müssen sind die Politiker, Staatsbediensteten und Banker.

das weiß eh jeder, aber bevor diese egoistischen gierschlunde bei sich was ändern treiben sie lieber ganz europa in den ruin. und die ganze welt.

vielleicht hilfts wenn china (aus reiner notwehr, versteht sich) ein paar atombomben in position bringt...

Antworten Gast: Markus Trullus
27.09.2011 11:21
1 0

Re: Die einzigen, die ihre Lebensweise und ihre Art, Geld auszugeben, ändern müssen sind die Politiker, Behörden und Banker.

Aber du weißt schon, dass
die Politiker von uns gewählt wurden;
diese wieder die staatlichen Bediensteten auswählen und
bei staatlichen Banken das Sagen haben.
Also wer ist ursprünglicher "Verursacher"??
Wir selbst, mit unserer "s'wird scho irgendwie gehn"- Mentalität. Die Abzocker sind 450 Mio Europäer, die jetzt die faule Frucht der 68er auslöffeln müssen ... so schauts leider wirklich aus... Nur sagen darf man das nicht, dann ist man Volxverräter..

Antworten Antworten Gast: fu hu
27.09.2011 19:19
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Re: Re: Die einzigen, die ihre Lebensweise und ihre Art, Geld auszugeben, ändern müssen sind die Politiker, Behörden und Banker.

von uns wurden diese politiker nicht gewählt.
ich habe nämlich immer andere gewählt.

wenn du schuld an dem fiasko bist solltest du beim nächsten mal besser nachdenken wem du deine stimme gibst.

Gast: Geh Du vor
25.09.2011 21:03
1 0

Dann fangt gleich einmal

bei euch an ihr Oberkoffer. Wir schauen uns das erst einmal an und kommen dann nach.

Gast: darknight
25.09.2011 19:44
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europas politik hat uns verkauft. fünf stunden am tag und nur 3x pro woche sind zuwenig sagt ein chinese. in china werden viele arbeitnehmer wie sklaven gehalten, es gibt massenweise kinderarbeit u.rechtlose wanderarbeiter- und solche typen predigen vor der politik und den eliten des westens - und diese jubeln noch darüber! diese aussagen sind nur mehr eine schande.

zuerst wurden europäische arbeitsplätze nach china u.asien ausgelagert. keine sozialrechte und hungerlöhne für die hackler ist doch so schön für die spekulanten u.finanzmärkte. dass heißt, man hat europa den hahn abgedreht und in china voll aufgedreht. viele supermanager u.politiker haben das know how verscherbelt u.nun kommt man drauf, dass die globalisierung der märkte in europa nur mehr HartzIV und altersarmut erzeugen! Von den vielen jungen ausgebildeten menschen auf der straße,ganz zu schweigen. europa wurde an die börsen verkauft- nicht die eu bonzen in brüssel oder der euro sind europa! europa ist ein kontinent der vielfalt und regionen- dies wollte man im interesse des kapitalmarktes und der konzernprofite einfach vom tisch haben. die europäer sollen sich nur mehr über den papierfetzen teuro und der eu identifizieren.
und nun haben sie mit den euro dafür gesorgt, dass das leben für die europäer(bürger und steuerzahler)immer teurer geworden ist. ausgenommen natürlich die reichen u.vermögenden, stiftungsmillonäre u.co.
und genau so kann man einen kontinent sozial und ethisch nach unten nivellieren.
man weiß längst schon- dass die finanzmärkte und börsen keinen staat, keine eu und schon gar keine bürgerinteressen vertreten,ethische und soziale verantwortung wahrnehmen. daher ist diese engstirnige eingrenzung - europa ist nur der EURO ein völliger unsinn. europa ist mehr, in europas ländern wohnen menschen und bürger die glücklich sein wollen,auch in der zukunft.

Antworten Gast: UnfassbareZustände
26.09.2011 10:29
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Re: europas politik hat uns verkauft. fünf stunden am tag und nur 3x pro woche sind zuwenig sagt ein chinese. in china werden viele arbeitnehmer wie sklaven gehalten, es gibt massenweise kinderarbeit u.rechtlose wanderarbeiter- und solche typen predigen vor der politik und den eliten des westens - und diese jubeln noch darüber! diese aussagen sind nur mehr eine schande.

absolut richtig. diese aussage der chinesen und der anschließende applaus der anwesenden lässt mir das kalte grauen über den rücken kommen.

4 0

Sicher, 3x/Woche nur 5 Stunden, das ist überspitzt, aber...

Man kann mit 40 Beitragsjahren (zur Sozialversicherung) genau 10 Pensionsjahre finanzieren (wenn 20% des Beitrags - also 8 Jahre von den 40 - für Pensionsleistungen dienen, und die Pensionshöhe aber nur 80% des durchschnittlichen Lohnes beträgt - dann werden aus 8 Jahren 10 Jahre).

Also:
40 Jahre arbeiten...20% davon für die Pension...Pension nur 80%....10 Jahre Pension
oder
50 Jahre arbeiten...20% davon für die Pension...Pension nur 60%....16.6 Jahre Pension
oder
30 Jahre arbeiten...10% davon für Pension...Pension 100%....nur 3 Jahre Pension

Ganz so einfach ist es natürlich nicht, denn es werden neue Bodenschätze entdeckt, Erfindungen gemacht, und Manna fällt ab und zu vom Himmel;
aber im Großen und Ganzen scheitert unsere Verschwendungssucht daran, dass 2x2 meistens 4 ergibt !!!

13 0

Europa muss Lebensstil ändern"

nicht Alle Europäer in einen Topf werfen. Es gibt genügend die mehr als genug arbeiten.

Re: Europa muss Lebensstil ändern"

aber sicher keine Politiker!

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