Chinas rote Kapitalisten werden vom Volk finanziert

Zu wenig Konsum, wachsende Ungleichheit, Immobilienblase: Es läuft nicht mehr richtig rund im Reich der Mitte. Ein Buch zeigt auf, wie die Warnsignale für Chinazusammenhängen.

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Wenn einer eine Reise tut, dann braucht er dazu Geld. Auf diese simple Weisheit hätte die chinesische Führung fast vergessen, als sie Deng Xiaoping im Jahr 1974 auf eine historische Mission schickte. Maos Kronprinz sollte vor der UNO in New York eine Rede halten und so die Isolation aus den dunklen Jahren der Kulturrevolution durchbrechen. Seit dem letzten Kaiser hatte kein chinesischer Spitzenpolitiker mehr Amerika die Ehre gegeben. Nur kostet so ein diplomatischer Trip mit großer Delegation auch einiges, und mit einem nicht konvertierbaren Yuan würde man im Ausland nicht weit kommen. Also begann eine fieberhafte Suche nach Fremdwährungen in allen Banken Pekings. Mit Müh und Not konnte das rote Regime 38.000 Dollar zusammenkratzen – für einen wenig repräsentativen Auftritt.

Heute sitzt das Reich der Mitte auf den größten Devisenreserven der Welt, ist die zweitwichtigste Wirtschaftsmacht und fungiert als Motor des globalen Wachstums. Der Rest der Menschheit reibt sich die geblendeten Augen und fragt sich bange, wie lange das Wunder noch dauern mag. Erst am Dienstag hat der Internationale Währungsfonds vor bedenklichen Entwicklungen gewarnt: Die Preise steigen zu schnell, am Immobilienmarkt bilden sich Blasen, die Chinesen konsumieren zu wenig, Einkommen sind immer ungleicher verteilt, soziale Unruhen drohen. Auch die Kommunistische Partei verspricht, ihr Wachstumsmodell zu ändern. Doch die großen Taten bleiben aus.

Ein neues Buch zeigt nun auf, warum: In „Red Capitalism“ erklären zwei US-Finanzexperten, die seit Jahrzehnten in China leben, wie die Warnsignale zusammenhängen und auf welchem finanziellen Fundament der wundersame Aufstieg Chinas gründet. Was sich daraus ergibt: Eine Änderung des Wachstumsmodells käme nicht nur einem radikalen Kurswechsel gleich, er wäre wohl auch kaum im Sinn der Mächtigen. Denn von Chinas Boom profitieren am meisten seine parteinahen Eliten. Sie bilden, bei allem äußeren Wandel, einen geschlossenen Zirkel wie zu Zeiten Maos und Dengs.

Banken als Herz des Systems. Ziel ihrer Wirtschaftspolitik war und ist das Wohlergehen der staatlichen Banken und staatsnahen Firmen (das sind nur vier Prozent aller Unternehmen, die aber die Hälfte des BIPs erwirtschaften). Dass sich daneben rein private Unternehmen etablierten, westliche Firmen Fuß fassten und sich 300 Millionen Chinesen aus der Armut befreiten, ist ein willkommener Nebeneffekt – zumal sie seitdem mit ihren Ersparnissen den Boom der Eliten finanzieren dürfen.

Das Finanzsystem Chinas sind seine Banken, und ihre Mittel sind, ganz klassisch, die Spareinlagen. Sie stehen in gewaltigen Mengen zur Verfügung: Fast kein Volk der Welt spart so viel und konsumiert so wenig wie die Chinesen. Mehr noch: Die nationale Sparquote ist seit den Achtzigerjahren von 35 auf über 53 Prozent gestiegen. Der Anteil des Konsums am Volkseinkommen, immer schon frappant niedrig, stürzte in der letzten zehn Jahren von 45 auf 34 Prozent ab (siehe Grafik).

Liegt es an der Mentalität? Legen diese Schotten des Fernen Ostens, deren Einkommen ja steigt, begeistert alles zur Seite, was sie nicht zum täglichen Leben brauchen? Die Wahrheit ist nüchterner: Das Regime lässt dem Volk kaum eine andere Wahl, als sein Geld zur Bank zu tragen.

Ersatz für die Reisschüssel. Mit dem Sprung in die staatlich gelenkte Marktwirtschaft hatte auch die „Eiserne Reisschüssel“ ausgedient: der unkündbare Job, verbunden mit einer finanziellen Unterstützung für Krankheit und Alter. Auch mit der Absicherung durch die Großfamilie ist es durch die Ein-Kind-Politik vorbei. Weil es keine echte Sozialversicherung gibt, müssen sich die Chinesen nun mit Ersparnissen vor den Fährnissen des Lebens wappnen. Das ist freilich volkswirtschaftlich wenig effizient: Statt relativ niedrige Prämien zu zahlen, muss jeder mit dem Schlimmsten rechnen und entsprechend hohe Beträge zur Seite legen.

Aber wie? Der Kapitalmarkt kommt nicht infrage. Zwar haben sich Chinas Börsen zu florierenden Handelsplätzen entwickelt, aber die Mittelschicht hat keinen Zugang oder kann sich das Risiko des hoch volatilen Treibens nicht leisten. Der Markt für Staatsanleihen ist wenig entwickelt, gekauft werden sie fast nur von Banken. Wohnungen in den Ballungsgebieten sind durch die Immobilienblase für die meisten unerschwinglich geworden.

Bleibt nur das Konto bei der Bank – auch wenn das Sparen ein Verlustgeschäft ist. Denn in China setzt das Regime die Zinsen fest und hält sie künstlich niedrig, gerne auch unter der mittlerweile bedenklich hohen Teuerungsrate. Dafür sichert sie ihren Banken eine ungewöhnlich großzügige Marge zwischen Soll- und Habenzins.

Damit hätte dieser Sektor schon einmal ausgesorgt. Kredite vergibt er großteils an staatsnahe Unternehmen. Weil die Sparer so wenig bekommen, gehen sich immer noch hoch attraktive Konditionen aus. Dennoch zahlen die Firmen oft genug nicht zurück, aber dann springt eben der Staat ein. Darlehen an Privatfirmen und Konsumkredite sind hingegen kaum ein Thema, da der Staat sie nicht schützt.

Mit diesen Kreditströmen konnte China seine kapitalintensive Exportindustrie aufbauen und zur Werkbank des Westens werden. Angefeuert wurden die Exporte zuerst durch großzügige Subventionen. Solche Wettbewerbsverzerrungen darf sich Peking seit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation nicht mehr erlauben. Dafür hält es nun den Yuan-Kurs durch Interventionen der Zentralbank niedrig und fördert so indirekt – mit großem Erfolg, wie die erst seit 2001 in ungeahnte Höhen schnellenden Devisenreserven zeigen.

Voll auf Exporte und Investitionen zu setzen, ist für ein Schwellenland ein guter Start: Indem es sich in die globale Wertschöpfungskette einklinkt, nutzt es relative Kostenvorteile und zapft fremde Nachfrage an, die im Heimmarkt noch nicht existiert. Auch Japan und Südkorea sind auf diese Weise groß geworden. Nur hat dort mit wachsendem Wohlstand der Binnenkonsum an Bedeutung gewonnen. Chinas Mittelstand aber sitzt in der staatlich verordneten Sparfalle.

Keine Kluft nach Lehrbuch.
Wer davon profitiert, verrät ein genauerer Blick auf die Zahlen. Die Haushalte müssen zwar einen immer höheren Anteil ihrer Einkommen zur Seite legen. Aber zugleich sinkt der Anteil ihrer Ersparnisse am Volkseinkommen. Dennoch steigt die gesamte Sparquote, weil auch Unternehmen und Staat immer mehr sparen: Ihre Gewinne fließen so üppig, dass sie das Geld nicht mehr sinnvoll in Maschinen oder Infrastruktur stecken können, ohne noch mehr gefährliche Überkapazitäten zu schaffen.

Mit anderen Worten: Der von allen erwirtschaftete Reichtum verschiebt sich von den Lohnempfängern zu den Banken und Staatsfirmen. Davon persönlich profitieren kann eine schmale Elite im Dunstkreis der einen und einzigen Partei. Zwar ist es üblich, dass in Schwellenländern mit starkem Wachstum Vermögen und Einkommen sich vorübergehend ungleicher verteilen: Während die einen noch auf dem Feld arbeiten, ziehen die anderen in die Stadt und verdienen dort gutes Geld.

In China aber ist die Kluft so groß geworden, dass sie auch andere Gründe haben dürfte. Auch viele Bürger haben den Verdacht, dass die Kader sich auf ihre Kosten bereichern – und beginnen zu murren. Das weiß die Partei, und nichts fürchtet sie mehr als soziale Unruhen. Deshalb beteuert sie – etwa im aktuellen Fünfjahresplan –, an einem „neuen Wachstumsmodell“ zu arbeiten, in dem auch der Konsum einen größeren Stellenwert haben soll.Es wäre auch ein ökonomisches Gebot: Auf Dauer lässt sich mit einem Modell, das rein auf Export und Investitionen beruht, ein so starkes Wachstum nicht aufrechterhalten.

Reformen auf dem Rückzug. Die Analyse von Carl Walter und Fraser Howie, den Autoren von „Red Capitalism“, lässt aber am erhofften Wandel zweifeln. Tatsächlich war der Angelpunkt des Systems, der Bankensektor, einer echten Öffnung schon viel näher als heute. Von 2000 bis 2007 musste der Staat den Sektor von 480 Mrd. Dollar an notleidenden Krediten für Staatsfirmen befreien, die in „Bad Banks“ ausgelagert wurden. Die Institute wurden rekapitalisiert, Partner aus dem Westen eingeladen, Aktien im Wert von 44 Mrd. Dollar an der Börse platziert. Damit hielten auch neue, westliche Standards des Risikomanagements und der sorgsamen Unternehmensführung Einzug. So befreiten sich die Banken ein wenig vom Würgegriff der Partei.

Aber die Krise 2008 zeigte: Wenn der Hut brennt, werden die Finanzinstitute wieder zu Erfüllungsgehilfen degradiert. Peking verdonnerte sie zu einer verschwenderischen Kreditflut von 1,4 Billionen Dollar, um die Krise zu stoppen – was gelang, allerdings mit der gefährlichen Nebenwirkung einer Kredit- und Immobilienblase. Die Liberalisierung der Wirtschaft wurde übrigens schon früher gestoppt: Seit 2003 nehmen die Regulierungen wieder zu.

Deng war noch davon überzeugt, dass die kapitalistischen Werkzeuge in sozialistischen Händen funktionieren werden. Lange schien er spektakulär recht zu behalten. Aber seine Erben wissen selbst, dass sie diese historische Wette bald verlieren könnten.

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(c) Die Presse / HR

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2011)

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