Notenbanken öffnen die Geldschleusen

Mit einer Geldschwemme versuchen die wichtigsten Notenbanken der Welt, das Bankensystem "flüssig" zu halten. Die EZB wirft unterdessen die "Geldpresse" an. Dadurch steigt die Inflationsgefahr markant.

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(c) Clemens Fabry

Wien. In der eskalierenden Eurokrise haben die Notenbanken den zaudernden Politikern das Heft aus der Hand genommen: Am Mittwoch haben die Europäische Zentralbank (EZB) sowie die Notenbanken der USA, Kanadas, Japans, der Schweiz und Großbritanniens bekannt gegeben, dass sie in einer konzertierten Aktion die Märkte mit Liquidität (also de facto mit „frisch gedrucktem“ Geld) fluten werden, um Liquiditätsklemmen zu vermeiden. Zuvor schon hat die chinesische Notenbank eine Lockerung ihrer Geldpolitik verkündet.

Die Aktienbörsen reagierten weltweit mit Kursfeuerwerken, der Eurokurs und der Goldpreis zogen ebenfalls scharf an.

Gleichzeitig mehren sich die Anzeichen, dass die EZB angesichts der dramatischen Lage der Eurozone ihre Vorbehalte gegen eine direkte Staatsfinanzierung durch die Notenpresse aufgeben könnte. Das würde die Inflationsgefahr dramatisch erhöhen, gilt aber unterdessen selbst unter deutschen Wirtschaftsexperten als letzte Möglichkeit, den Zusammenbruch der Eurozone zu vermeiden.

Keine Käufer für Euroanleihen

Die Euroländer haben nämlich zunehmend ernste Probleme, Geldgeber zu finden: Amerikanische und japanische Großanleger haben (wie zuletzt Nomura) europäische Staatsanleihen weitgehend abgestoßen und kaufen in den meisten Problemländern der Eurozone nicht mehr zu. Selbst Deutschland ist in der Vorwoche auf einer Anleihe teilweise „sitzen“ geblieben. Was bedeutet, dass auch deutsche Großanleger (Banken, Versicherungen, Fonds) in den „Käuferstreik“ getreten sind.

Deutschland, das als letzter „sicherer Hafen“ in der Eurozone gilt, ist allerdings noch immer ein Sonderfall: Nach der gestrigen konzertierten Notenbankaktion, die die Renditen der meisten Euro-Staatsanleihen leicht zurückgehen ließ, verzeichnete die einjährige deutsche Anleihe kurzzeitig eine negative Rendite. Das heißt, man musste etwas dafür bezahlen, um den Deutschen Geld leihen zu dürfen.

Die konzertierte Notenbankaktion kam für die Märkte überraschend, obwohl sie schon lange angekündigt war: Mitte September hatte sich der damalige EZB-Chef, Jean-Claude Trichet, mit den anderen Notenbanken darauf geeinigt, im vierten Quartal Liquidität zur Verfügung zu stellen, falls dies notwendig werden sollte.

Rein technisch wurde gestern der Zinssatz für den Dollar-Swap – das ist der Satz, zu dem die Zentralbanken einander Dollars leihen– gesenkt. Damit wird die lebenswichtige Versorgung der europäischen Banken mit Dollars, die zuletzt zu versiegen drohte, stark erleichtert. Sollte es notwendig werden, kann das Abkommen auf andere Währungen ausgeweitet werden.

In der Praxis werden mit diesem Schritt gewaltige Mengen an Geld in den Bankenkreislauf gepumpt. Liquiditätsengpässe galten zuletzt als größte Gefahr für das Bankensystem.

Die Liquiditätsschwemme hält die Banken flüssig, hilft aber den Euroländern, die immer größere Probleme damit haben, ihre Staatsanleihen loszuschlagen, wenig. Hier muss immer öfter die EZB direkt einspringen – was ihr per Statut eigentlich verboten ist. Die Euro-Zentralbank ist unterdessen zu einem der größten „Player“ auf dem Markt geworden. Sie hat bereits Staatsanleihen von Problemländern im Volumen von rund 204 Milliarden Euro im Bestand. Gekauft wird auf dem Sekundärmarkt. Um die Geldmenge nicht aufzublähen (was Inflation hervorrufen würde), wird die solcherart in den Markt gepumpte Liquidität bei den Banken wieder aufgesammelt.

Geld bleibt im Kreislauf

Zuletzt hat das aber nicht mehr funktioniert: In der vorigen Woche sind neun Milliarden im Kreislauf geblieben. Experten meinen zudem, dass eine Pleite Italiens nur noch durch direkte Anleihenkäufe durch die EZB zu verhindern wäre. Der Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS), Bernhard Felderer, sagte dazu, das sei nicht erfreulich, es werde aber wohl keinen anderen Weg geben.

Das werde aber „nicht ohne Inflation“ ablaufen. Im November lag die Inflationsrate in der Eurozone nach vorläufigen Eurostat-Schätzungen bei drei Prozent. Experten erwarten einen weiteren starken Anstieg der Teuerung, wenn die Europäische Zentralbank, wonach es aussieht, stärker in die Rolle des Staatsfinanciers rutscht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2011)

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