Steinbrück nennt Sarrazin-Thesen "Bullshit"

21.05.2012 | 10:53 |   (DiePresse.com)

Der deutsche Ex-Finanzminister Steinbrück kritisiert Ex-Bundesbankvorstand Sarrazin. "Europa braucht den Euro nicht" ist Sarrazin überzeugt.

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Der frühere deutsche Bundesbankvorstand und SPD-Politiker Thilo Sarrazin hat am Sonntag sein neues Anti-Euro-Buch "Europa braucht den Euro nicht" und seine viel kritisierte Bezugnahme auf die deutsche NS-Vergangenheit verteidigt. Er wehre sich gegen die Tendenz, dass Deutschland jenseits des Euro wegen der Schuld der Vergangenheit auch noch die Schulden anderer Länder übernehme. Dies müsse getrennt werden, sagte der frühere Bundesbanker am Sonntagabend in der ARD-Talkshow "Günther Jauch". Er diskutierte dort in einem Streitgespräch mit dem früheren Finanzminister und möglichen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Sarrazin hatte bereits mit einem früheren Buch zur Integration viel Kritik hervorgerufen.

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Bereits im Vorfeld der TV-Sendung hatte der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Reinhold Robbe laut "Welt" Kritik geäußert: "Mit Sarrazin sollte sich niemand mehr in eine Talkshow setzen." Steinbrück hingegen suchte bewusst die Konfrontation. "Ich sitze hier, weil ich Thilo Sarrazin widersprechen will, und zwar fundamental", sagte er bei Jauch.

Steinbrück: Sarrazin-Thesen sind "Bullshit"

Sarrazin argumentierte dann, dass schon der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt Ende 2011 auf einem SPD-Parteitag einen Bogen geschlagen habe von der deutschen Schuld am Holocaust bis hin zur gemeinsamen Währung. Steinbrück warf Sarrazin vor, Schmidt falsch zu zitieren. Schmidt habe gesagt, wenn die Ur-Motive der europäischen Integration und die deutschen Verpflichtungen aus der Geschichte nicht präsent seien, dann fehlten die politischen Voraussetzungen zur Lösung der derzeitigen prekären Lage in Europa.

Dem stimme er voll zu, sagte Steinbrück: "Deutschland hat eine europapolitische Verantwortung." Daraus ergäben sich Solidaritätsverpflichtungen, um eine Erschütterungsdynamik in Europa zu verhindern. Steinbrück warf Sarrazin eine platte ökonomische Analyse vor. "Der kann hier den größten Bullshit erzählen", kritisierte er die Thesen Sarrazins. Der Euro bedeute nicht nur Binnenmarkt und Währung, sondern auch europäische Zivilisation.

Ein Ziel dürfte Sarrazin aber erreicht haben: Sein neues Buch zu bewerben. Als ihn Jauch fragte, ob es ihn treffe, dass er im "Stern" als "Deutschlands biederster Brandstifter" bezeichnet werde, lächelte Sarrazin nur, wie das "Handelsblatt" berichtet. Von 700.000 "Stern"-Lesern würden ihn vielleicht 650.000 hassen. Doch die übrigen 50.000, "die lesen mein Buch."

"Liberaler Euro-Traum ist ausgeträumt"

Auch in einem am Montag erschienenen "Die Presse"-Gastkommentar schreibt Sarrazin davon, dass der "liberale Euro-Traum" im Augenblick ausgeträumt ist. Er setze dem Geraune von Scheitern Europas eine ganz pragmatische These entgegen: "Europa braucht den Euro nicht."

"Der bedrückende Eindruck im Frühling 2012 ist: Das Projekt 'Europäische Währungsunion' entwickelt sich nach einer Eigengesetzlichkeit, die auch die Staatenlenker und ihre Berater kaum durchschauen. Sie bestimmen nicht den Kurs, sondern reagieren bestenfalls", so Sarrazin.

(Red./Ag.)

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24 Kommentare

Steinbrück wurde von Sarrazin "vorgeführt"

Steinbrück (St) muß nach seinem Auftreten bei Jauch seine Kanzlerambitionen begraben. Er wurde von Sarrazin(S) buchstäblich "vorgeführt", sein Aúsrasten ("Bullshit") wird dadurch verständlich.
Dabei war sich St mit S sachlich weitgehend einig: Zum Beispiel darin, dass es falsch war, die Währungsunion anzugehen, ehe die politische Einigung Europas beendet war. Oder darin, dass Griechenland gar nicht erst hätte aufgenommen werden sollen. Und auch im Vorwurf des "Missmanagements" der Krise, sei doch ein Staatsbankrott Griechenlands im Mai 2010 noch möglich gewesen wäre, bevor all die milliardenschweren Hilfspakete auf den Weg gebracht wurden.
St wollte S "fundamental" widersprechen. Das ist ihm nicht gelungen. St.s Begründung der Währungsunion durch Naziverbrechen und Holocaust sticht nicht. Noch weniger hängt die europäsiche "Zivilisation" mit Aufklärung, liberaler Demokratie, Rechtsstaat, Sozialstaat, soziale Marktwirschaft mit der Währungsunion zusammen.
Die Währungsunion spaltet und destabilisiert Europa statt zur Vereinigung beizutragen. Da eben hat S völlig recht! Mit nebulosem "Politsprech" ist S nicht bezukommen. Das mußte St. schließlich einsehen.

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Und wie kann Steinbrück das beurteilen

wo das Buch noch gar nicht am Markt erhältlich ist? Mal beim Focus weitergelesen, da kommt man auszugsweise auf den Punkt was Sache ist. Vielleicht leg ich mir diese Lektüre zu : )

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Bemerkenswert

dass es in der SPD Menschen mit kontroversen Ansichten wie die von Sarrazin gibt. In der SPÖ undenkbar, de
nn da gibt es nur Steinbrücks.

wer solche Worte verwendet,

disqualifiziert sich.

Der Euro ist weder eine liberale Idee, noch ein Traum, sondern Solidaritäts-Wirklichkeit, die es gilt über die Grenzen Europas hinaus auszubauen.

Sarazin wirft mit Begriffen um sich, deren Bedeutung ihm offenbar nicht klar ist.

Oder, der Fairnis halber und ihn verteidigend, muss man sagen, dass der Begriff der Liberalität in der Politik semantisch verkommen, pervertiert ist.

Feststeht, dass sich Rassist schimpfen lassen muss, wer weiterhin hier im Westen in Saus und Braus leben will, während DESWEGEN in Afrika Menschen des Hungers und heilbarer Krankheiten sterben.


Antworten Gast: Yogibär
22.05.2012 13:01
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Re: Der Euro ist weder eine liberale Idee, noch ein Traum, sondern Solidaritäts-Wirklichkeit, die es gilt über die Grenzen Europas hinaus auszubauen.

,,Oder, der Fairnis halber und ihn verteidigend, muss man sagen, dass der Begriff der Liberalität in der Politik semantisch verkommen, pervertiert ist''..
wie bitte??! :)
apropos: Fairness.. Fairnis ist ein Fantasiewort

Fairnis

Weiß Gott, wie ich darauf gekommen bin, das so zu schreiben...

Gleichwohl hoffe ich, Ihre Bemerkung von wegen Phantasiebegriff bezog sich nur auf die falsche Schreibweise und nicht auf die Bedeutung an sich.

Befremdend jedenfalls, dass ich 5 rote und nur ein grünes bekam.

Wir bringen uns selbst um, wenn wir so weitermachen. Schwarzeneggers Terminator ist nicht weit, wenn wir so weitermachen: als pars pro toto.

Abgesehen davon entspricht es nicht den Alten Verträgen, wenn wir so weitermachen, ohne Solidarität und Austausch.

Das wird sich definitiv rächen, denn die Afrikaner sind bei Gott nicht machtlos. Sie verfügen über Jahrtausende altes Wissen, das uns abgeschnitten wurde.

Wir sind modern, aber nicht urtümlich.

Steinbrück nennt Sarrazin-Thesen "Bullshit"

Der Steinbrück hat aber beim Günther Jauch nicht wirklich gut ausgesehen!

Antworten Gast: Guckstdu
21.05.2012 17:50
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Re: Steinbrück nennt Sarrazin-Thesen "Bullshit"

die Klatschäffchen waren anderer Meinung!

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Re: Steinbrück nennt Sarrazin-Thesen "Bullshit"

ich fand ihn nachgerade peinlich. bullshit war höchstens sein ideologisch verblendetes geschwafel.

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Sarrazin hat sich sachlich in der Diskussion bei Jauch durchgesetzt!

Zumindest konnte er von Steinbrück nicht widerlegt werden. Steinbrück hatte offenbar das Buch nur überflogen und verstieg sich zu Kommentaren mit denen er Sarrazin ins Messer lief.
Natürlich hat Sarrazin mit seiner Kritik rech, daß die Geschichte des EURO eine von wiederholten Rechtsbrüchen ist. Unwidersprochen zitierte der die jetzige IWF Chefin Lagarde, die sich dieser Tatsache noch 2010 rühmte.
Gut, daß 3 SAT die Sendung wiederholte und damit die Printmedien die das Ganze in einen rhethorischen Sieg Steinbrücks verfälschten als Lügner entlarvte.


"Ein Ziel dürfte Sarrazin aber erreicht haben: Sein neues Buch zu bewerben."

ja, im verkaufen ist er gut, der sarrazin.

auch zum vorgängerbuch meinte er sinngemäß: "ich hätte auch ein noch viel dickeres buch schreiben können über die gelungene integration von migranten. doch von dem hätte ich keine tausend exemplare verkauft..."

ich glaube, sarrazins ziel ist es, die auflage von erich v. däniken zu übertreffen:
im nächsten buch kommen die migranten als ausserirdische verkleidet und schneiden euro-noten in stücke.

Antworten Gast: genaudashaterderkasperl
30.06.2012 00:34
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Re: "Ein Ziel dürfte Sarrazin aber erreicht haben: Sein neues Buch zu bewerben."

Interessanter Gedanke: Sarrazin als Däniken-ähnlicher Sensationsautor. Gefällt mir sehr gut!

Re: "Ein Ziel dürfte Sarrazin aber erreicht haben: Sein neues Buch zu bewerben."

Unbestritten ist, dass er sein Buch verkaufen will.
Das simple Problem bleibt aber offenbar: In welchem Punkt hat er bzgl. der EUR-Analyse nicht Recht?

Hmm...

Dabei hat Sarrazin doch weitestgehend recht.

http://mmaier.bplaced.net/2012/05/eurokrise-hat-sarrazin-doch-recht/

Gast: Hubertus
21.05.2012 14:42
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Unglaublich

Ich habe bisher Steinbrück für einen intelligenten Mann gehalten.Ab sofort nicht mehr. Die Aussage:Der Euro bedeute auch europ. Zivilisation diskreditiert ihn für jede seriöse Diskussion. Das erinnert an einen franz. Abgeordneten,der vor dem 1.Weltkrieg in der Kammer ausrief:"le pantalon rouge(die franz.Armeehose) c.est la France". Die Empfehlung Schmidts für Steinbrück zeigt, daß der altersbedingte Verfall Schmidts weit fortgeschritten ist. Auch die Verwendung von Worten wie bullshit offenbart nur die Hilflosigkeit seiner Argumentation gegenüber den Aussagen Sarrazins. Wohltuend hob sich gegenüber dieser warmen Luft die ruhige unaufgeregte Art Sarrazins ab, der immer mit Zahlen fundiert auch nachvollziehbar argumentierte. Dabei hat er den Euro gar nicht abgelehnt, sondern nur dargelegt, daß es auch ohne Euro geht, wie in den 50 Jahren vor seiner Einführung. Wenn Steinbrück wirklich der wirtschaftspolitische Hoffnungsträger der SPD ist, dann kann ich nur sagen: Armes Deutschland.

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Steinbrücks Religion

Das Verhalten von Leuten wie Steinbrück (grob: linksgerichtete EURO-Fanatiker) ist jenem tief religiöser Menschen erscheckend ähnlich: Sie beharren auf ihrer nur auf Ideologie basierenden Weltsicht und ignorieren alle Anzeichen die diese ins Wanken bringen könnten. Menschen wie Sarrazin werden (mangels stichhaltiger Argumente) einfach angegriffen und diskreditiert.

Ist es nicht eher so, dass Steinbrück und Co. hier drauf und dran sind Europa in eine schreckliche Krise zu stürzen?
Die Hilfszahlungen an Griechenland (was ja lt. EU-Verträgen ja nie hätte passieren dürfen) werden die Geberländer nie zurückbekommen. Diese ganz offensichtlich schlecht investierten € schüren (wie man leider sehen muss) Hass in der Bevölkerung der Geberländer. Die Forderung nach drastischen Lohnkürzungen an Griechenland werden ebenfalls nichts bringen. Um damit die griech. Wirtschaft anzukurbeln müsste diese existieren, was leider nicht der Fall ist. Der griech. Bevölkerung wird aber dadurch (ohne Aussicht auf Besserung) zu viel abverlangt, was wiederum zu Hass führt.
Einem friedl. Zusammenleben in Europa ist dies ganz bestimmt nicht zuträglich! Also wachen Sie bitte endlich auf, Herr Steinbrück!

Re: Steinbrücks Religion

Die Parallelen mit Religion sind tatsächlich unverkennbar.
Die schlechte Nachricht: Das lässt am Erfolg der Aufklärung zweifeln.
Die gute Nachricht: Das kann noch Jahrtausende lang funktionieren;-)

Und die bittere Warheit: Linksgerichtet ist dieser Wahn nicht und ist´s nie gewesen. Es ist nicht links, es ist nicht rechts, es ist Unsinn.

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Re: Re: Steinbrücks Religion

Das ist natürlich richtig: mit links oder rechts hat das nicht viel zu tun.
Ich denke (und das war der eigentlich Grund für "linksgerichtet" - war nicht abwertend gemeint), dass sich mitte-links Politiker hier besonders leicht tun Fakten zu ignorieren und auf Solidarität zu pochen (teilw. durch vermeintliche moralische Überlegenheit begründet).

Denselben Vorwurf muss man natürlich auch anderen (wie z.B. Merkel) machen. Sie hält ebenfalls an dieser Utopie fest - wenn auch aus anderen Gründen (viell. auch weil Deutschland als eines der ersten Länder die Maastricht-Kriterien verletzt hat.

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Re: Re: Re: Steinbrücks Religion

kleine Korrektur: es wird von gewissen Leuten schon auf Solidarität gepocht - auf die der ANDERERN ..

Der Euro bedeute nicht nur Binnenmarkt und Währung, sondern auch europäische Zivilisation.

Das bitte ist das inhaltliche Argument?
Wirklich?

Die armen Schweizer. Die Armen Schweden. Unzivilisiert.

Das Schlimme daran ist, dass Hr. Steinbrück immerhin Finanzminister war und durchaus Ahnung von der Materie hat. Und wenn dem schon so überhaupt nichts mehr einfällt, lässt das auch tief blicken.

Klarer hätte Steinbrück das EU-RO-Desaster nicht entlarven können:

Da er Sarrazin nicht wirklich widerlegen konnte, verteidigte er in einem flammenden Appell die "europäische Gemeinsamkeit", die beim Zerbröseln der EU auf dem Spiel steht. Er sagte aber nicht, worin er diese "Gemeinsamkeit" erblickt.
Das ist nichts Anderes als der alte illusionistische Traum des Komintern, der schon in wesentlich kleineren und homogeneren Einheiten zuerst nur unter Zwang durchgesetzt und schlußendlich gescheitert ist.

Gast: toro
21.05.2012 11:13
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Sarrazin hat einst im Ministerium von Theo Weigel gearbeitet...

...aber offensichtlich nichts gelernt.

Strohmann

Was sollen immer die blöden Anspielungen auf die Nazizeit? Es geht hier um den Euro und das Funktionieren der Währungsunion. Mann muss einfach das machen, was das Werkel am Laufen hält, vollkommen ideologiefrei. Alles andere wird nur von den Medien hochgespielt und dient zur Ablenkung der Massen.

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