"Nabucco bleibt weiterhin eine Option"

Der Ölkonzern BP hat die Langversion der Nabucco-Gaspipeline in der vergangenen Woche etwas zu früh für tot erklärt, sagt Elshad Nassirov, der Vizechef der staatlichen aserbaidschanischen Gasgesellschaft Socar.

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(c) REUTERS (KACPER PEMPEL)

Vorige Woche sagte ein BP-Manager, mit dem Sie das Gasfeld „Schah-Deniz2“ erschließen, dass die ursprüngliche Version der Pipeline Nabucco von der georgisch-türkischen Grenze bis Österreich tot sei. Ist dem so?

Elshad Nassirov: Wir haben BP mitgeteilt, dass wir mit der Aussage nicht einverstanden sind. BP hat sich entschuldigt und die Aussage als Privatmeinung qualifiziert. BP entscheidet nicht allein über die Pipeline. Gut, BP hat seine Interessen, und nur für Gas aus Schah-Deniz wäre die klassische Nabucco zu groß. Aber wir haben ja auch noch andere Gaslagerstätten.

 

Es erweckt den Eindruck, dass es im Schah-Deniz-Konsortium kracht.

Sieben Partner zu einem Konsens zu bringen ist nicht einfach, schließlich geht es um 45 Mrd. Dollar Investitionen in Förderung und Transport. Für uns bleibt Nabucco weiterhin eine Option, denn die für das Teilstück durch die Türkei als Alternative vorgeschlagene Transanatolische Pipeline (Tanap) ist bisher nur ein Konzept.

 

Eines mit immerhin 16 Mrd. Kubikmeter Kapazität.

Und eines, das auf dem Gebiet der Türkei die vorteilhafteste Variante für die Schah-Deniz-Produzenten ist. Aber die Vereinbarung mit der Türkei steht noch aus. Wir hoffen, dass sie bis Ende Juni steht. Tanap, an der ja auch die OMV oder die RWE teilnehmen könnten, wäre kleiner und billiger als Nabucco, könnte aber dann erweitert werden, um Gas auch aus anderen Lagerstätten aufzunehmen.

 

Sie denken an aserbaidschanische Lagerstätten. Die EU aber hatte mit Nabucco vor, Gas auch aus anderen Ländern nach Europa zu transportieren.

Wenn die EU Zusagen für Gas aus Turkmenistan erhält, ist Nabucco noch möglich. Wir selbst müssen bis Ende Juni entscheiden. Es gibt keine Idealvariante. Das Nabucco-Konsortium bestand immer unflexibel auf 31 Mrd. Kubikmeter Leitungskapazität, statt anfänglich zur Wahrung niedriger Leitungstarife mit weniger zu beginnen.

 

Die EU verhandelt mit Turkmenistan. Kann es eine Einigung bis zum Jahresende geben?

Natürlich. Und wenn Turkmenistan eine Zuleiterpipeline durch das Kaspische Meer bauen will, sind wir einverstanden. Andere Länder wie Russland haben hier nichts mitzureden. Die fantastischste Idee war übrigens die Nabucco-XL von Österreich bis Turkmenistan. Mit ihr wären viele Fragen gelöst gewesen. Aber die EU hat die 20 Mrd. Dollar dafür nicht aufgebracht.

Also die EU hätte mutiger sein sollen?

In der EU fehlt ein Mechanismus zur Fassung finanzieller Beschlüsse. Und es fehlt das Verständnis, dass Energiesicherheit gleich wichtig wie militärische Sicherheit ist.

Gesetzt den Fall, Tanap macht in der Türkei das Rennen, dann müssen Sie aber im Juni noch entscheiden, ob ab der Westgrenze der Türkei eine kurze Nabucco West oder die von BP forcierte Pipeline SEEP nach Österreich führt. Wie groß ist die Chance für Nabucco West?

Groß, 50:50.

Also nicht sehr groß.

Es geht hier nicht um Mathematik. Kriterien sind: die Kosten der Gasverträge, die Möglichkeit der Vergrößerung der Pipeline, die finanzielle Stabilität.

 

Und Aserbaidschan hat dann ein Monopol auf Gaslieferungen aus dem kaspischen Raum.

Möglich ist es, aber es ist kein Monopol. Denn unser Gas wird mit internationalen Konzernen gefördert und fließt als internationales Gas in internationalen Röhren in den Westen. Ganz im Unterschied zu Russland.

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Gegenüber Gazprom herrscht in Europa große Skepsis. Warum sollte sie gegenüber Socar kleiner sein?

Allein schon von der Größe, im Zugang zu den Märkten und im politischen Einfluss sind wir nicht vergleichbar mit Gazprom.

 

Wer hat bei Socar das Sagen? Auch der Staatspräsident?

Nicht direkt, wir haben den Direktoriumsrat. Aber die Regierung kann Empfehlungen abgeben und Preise festsetzen. Wenn der Staat uns bittet, Schulen oder Krankenhäuser zu bauen, tun wir das.

Zur Person

Elshad Nassirov ist der Vizechef der staatlichen aserbaidschanischen Energiegesellschaft Socar. Der 51-Jährige ist bei Socar für Marketing und Investitionen zuständig. [Turkan Huseynova]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2012)

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