Diversität: Wo beginnt die Intimsphäre?

20.03.2013 | 18:11 |  von Judith Hecht (Die Presse)

Wie viele Muslime arbeiten hier? Wie viele sind homosexuell? Solche Fragen werden gestellt, wenn Kanzleien mit US-Konzernen ins Geschäft kommen wollen.

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Die Wirtschaftssozietät Wolf Theiss vertritt internationale Klienten vor allem in Osteuropa. Aber die Kanzlei bewirbt sich ebenso um Aufträge britischer und amerikanischer Unternehmen. Wenn sie dort ins Geschäft kommen will, geht es nicht nur um fachliche Kompetenz. Sie muss auch zeigen, dass ihr als Arbeitgeber Diskriminierung jeder Art fremd ist.

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Ein Trend, der sich laut Markus Heidinger, Partner bei Wolf Theiss, seit wenigen Jahren deutlich verschärft. Welche Ansprüche stellen angloamerikanische Mandanten also? „Wir sollen darlegen, wie unsere Mitarbeiter sexuell orientiert sind oder welche und wie viele Ethnien wir beschäftigen“, antwortet Heidinger. Für mitteleuropäische Ohren klingt das befremdlich. Aber diese Entwicklung sei nicht aufzuhalten, meint der Anwalt. In wenigen Jahren wird „Diversity“ auch in europäischen Konzernen kein Fremdwort sein. Auch hierzulande werden Unternehmen Vielfalt aufweisen (müssen).

Linklaters, eine der fünf größten Lawfirms der Welt, fungiert längst als Vorbild. Die angloamerikanische Kanzlei veröffentlichte vor Kurzem ihre Diversity Statistic für 2012. Diese dokumentiert, wie viele Frauen sich unter den Partnern (17 Prozent), Juristen (48 Prozent) und Angestellten (77 Prozent) in den verschiedenen Ländern befinden.

 

„Null Prozent Schwarze“

Es wird ausgewiesen, welche Ethnien bei Linklaters ihr berufliches Zuhause gefunden haben. So gibt es unter den Partnern weltweit 90 Prozent Weiße, null Prozent Schwarze, aber jeweils zwei Prozent Chinesen und andere Asiaten. Genauso kann man nachlesen, wie viele körperlich Behinderte, aber auch wie viele Buddhisten, Hindus, Juden, Muslime, Christen und Sikhs bei Linklaters tätig sind.

„In Österreich ist die Frage, welcher Religionsgemeinschaft ein Mitarbeiter angehört, unzulässig, soweit nicht eine sachliche Rechtfertigung vorliegt“, betont Oliver Walther, Arbeitsrechtsexperte der Kanzlei Preslmayr. Wenn jemand also einen kirchlichen Feiertag (etwa den Karfreitag, wenn man evangelisch ist) in Anspruch nehmen will, wird er dies aus eigenem Interesse dem Dienstgeber bekannt geben.

„An Dritte weitergeben darf der Arbeitgeber solche Daten erst, wenn jeder Einzelne, gefragt worden ist, ob er der Weitergabe zustimmt“, sagt Rainer Knyrim, Datenschutzexperte und Partner derselben Kanzlei. Darf ein österreichisches Unternehmen eine Religionsstatistik über ihre Belegschaft veröffentlichen?

„Ja“, meint Knyrim, sofern die Daten nicht einzelnen Personen zuzuordnen sind. Bei einem Unternehmen mit einigen tausend Mitarbeitern wird nicht feststellbar sein, wer hinter den Zahlen steht. Anders ist die Lage bei einem kleinen Betrieb. Hier bleibt das Recht auf Geheimhaltung nicht gewahrt, wenn etwa ausgewiesen wird, dass zwei der zehn Angestellten Muslime sind.

Im deutschsprachigen Raum wird Diversität meist nur dann ein Thema, wenn sie offensichtlich ist. Etwa bei der Deutschen Bank. Dort sitzt seit 2012 Anshu Jain im Vorstand. Er ist Brite mit indischer Abstammung. Der Personalvorstand der Daimler AG, Wilfried Porth, kritisiert Anfang März gar, die Managementebene sei zu deutsch geprägt. Die Belegschaft müsse internationaler werden. „Mitarbeiter aus Indien, China, Amerika und anderen Ländern müssen wir auf Top-Positionen entwickeln“, sagte er in einem Interview.

Zurück zur Diversity-Statistik von Linklaters: Dort arbeiten in den verschiedenen Abteilungen zwischen ein und vier Prozent Homosexuelle, ein Prozent Lesben, 86 bis 88 Prozent Heterosexuelle und null Prozent „andere“. Nur sieben Prozent geben bei Umfragen und Einstellungsgesprächen keine Auskunft darüber, mit wem sie das Bett teilen.

Bei uns dürfen solche Fragen nicht gestellt werden. „Es handelt sich bei diesen Informationen um sensible, besonders schutzwürdige Daten. Das Sexualleben seiner Mitarbeiter hat in Österreich keinen Arbeitgeber etwas anzugehen. Der Arbeitnehmer hat einen Anspruch auf Geheimhaltung“, sagt Knyrim.

Wie divers seine Kanzlei sei, wurde auch schon Peter Huber, Partner bei CMS Reich-Rohrwig Hainz, von potenziellen Klienten gefragt. Bei allem Verständnis für andere Kulturen lautet seine Antwort gleich wie die seiner Kollegen Heidinger und Knyrim: Aus rechtlichen Gründen darf man in Österreich solche höchstpersönlichen Daten weder erheben noch weitergeben. Aber selbstverständlich bekenne man sich dazu, niemanden in seinem Unternehmen diskriminierend zu behandeln. „Das wurde bis dato noch immer akzeptiert.“ Und er hofft, dass es auch weiterhin so bleibt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2013)

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15 Kommentare
0 0

Ein Grund mehr! Keinen Freihandelsvertrag mit den USA!

Warum? Weil es uns um alle Bürgerrechte bringt!

Wie soll man die offenen Stellen dann ausschreiben ? ...

... jetzt könnt ich phantasievoll werden ...

Die wahre Diskriminierung...

...besteht in der Quotenvorschreibung. So einfach ist das.

Super!

Als normaler Mann werde ich so massiv diskriminiert, und ich klage Millionen an Schadenersatz ein!

Die Dummheit ist eine furchtbare Macht!
J.N. Noestroy

diversity ist wichtig und kommt auch zu uns.

man sollte sich beim aktuellen fall nicht am punkt 'sexuelle ausrichtung' aufhalten. hier sind wir entwicklungen andernorts noch jahre hintendrein. auch ist das nur ein punkt von vielen, wo menschen wegen nicht-diversity diskriminiert werden.

und für alle, die das als 'neumodischen' kram betrachten: stellt euch einfach vor, IHR werdet diskriminiert, weil ... (siehe diversität)!
ausserdem: die sache kommt sowieso. allenfalls verzögern kann man sie. und das halte ich für dämlich.

Re: diversity ist wichtig und kommt auch zu uns.

Erklären Sie mir bitte, was daran wichtig ist. Ich habe es nicht verstanden.

Re: Re: diversity ist wichtig und kommt auch zu uns.

pr ist alles - die richtigen leute am rechten platz- und schon kann die öffentliche meinung manipuliert werden. dann machen wir noch auf political correctness und auch auf -phobie, und schon kann man themen aus der allgemeindiskussion ausklammern - elegant und einfach. konservativ gegen modern kommt auch gut an - diskussion unerwünscht.

Ja Ja, die Amis

Einen Klopfer haben´s schon. Kurz mal eine nackte Brust beim Superbowl, und schon ist der Skandal perfekt. Aber dann wissen wollen, mit welchem Geschlecht man in die Kiste springt...

Kranke Gesellschaft.


Bei uns läuft's anders

Erste Frage, haben sie eh einen Migrationshintergrund!

Antwort

Sollte mich einer fragen wieviele Homosexuelle im Betrieb sind, würde ich antworten: 30%. Sie glauben mir nicht? Ich bitte um den Gegenbeweis :-)

Re: Antwort

nach der themenpräsenz der vergangenen jahre muss sich die heterosexualität in die minderheit hineinbewegen. schon interessant, wer aller beim lifeball dabeisein zu müssen glaubt - es ist jedenfalls von vorteil, glaubt man.

das wird noch spannend

wenn transparenz welcher art auch immer bei uns einzug halten sollte.
bei uns wird eine elektronische gesundheitsakte mit öffentlicher finanzierung eingeführt, wo die beliebigkeit der bekanntgabe von medizinischen diagnosen ein richtig unsinniges hilfsmittel werden soll. die austriakische lösung hier, die transparenz dort.

Selbstdiskriminierendnichtgeoutet?

"... und Sie deshalb fristlos entlassen werden, weil Sie sich bei Beginn des Arbeitsverhältnisses nicht als Homosexueller geoutet haben. Sie haben es Ihrem Dienstgeber deshalb nicht ermöglicht, seiner ausdrücklichen Verantwortung als einem stets um Menschenwürde, Gleichberechtigung und Diversität bestrebten Arbeitgeber gerecht zu werden. Ihre selbstdiskriminierende Einstellung ist daher für eine weiter Beschäftigung bei ****** nicht akzeptabel. [...]"

LOL

ich stell mir grade vor mit welcher reaktion ein boeing contract manager bei einem subcontractor zB in der türkei rechnen müsste bei der frage wieviele homosexuelle mitarbeiter denn in der firma arbeiten ... ^^

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