Insolvenzverwalter: Das Geschäft mit den Firmenleichen

Wenn Unternehmen in die Bredouille geraten, beginnt die Arbeit der Rechtsanwälte: Großpleiten verlangen viel Kompetenz, Wissen und Einsatz, sie bringen aber auch Image und fette Honorare.

Geschaeft Firmenleichen
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Geschaeft Firmenleichen
Geschaeft Firmenleichen – (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

Wien. Wenn man Stephan Riel sprechen möchte, muss man derzeit schon großes Glück haben. Denn der Rechtsanwalt ist so gut wie rund um die Uhr unterwegs. Freilich nicht in einem üblichen Rechtsstreit, sondern als Insolvenzverwalter des Baukonzerns Alpine– die mit Abstand größte Pleite der Zweiten Republik. Darüber gäbe es viel zu sagen, aber Riel gibt sich zugeknöpft. „Ich will nicht in der Öffentlichkeit stehen, sondern meine Arbeit gut machen“, sagt er.

Riels Name fällt dennoch täglich – so wie der von Rudolf Mitterlehner, der gerade bei der Drogeriekette Dayli zu Werke geht. 3000 Firmeninsolvenzen gab es heuer allein im ersten Halbjahr, knapp 1800 Verfahren wurden eröffnet. Für Anwälte bedeutet so eine Pleite viel Arbeit und manchmal auch große Zores, aber auch gute Geschäfte.

 

Erfolgsquote zählt

870 Anwälte enthält die am Oberlandesgericht Linz verwaltete Insolvenzverwalterliste. Aber nur ein kleiner Kreis von rund 30 Juristen kommt regelmäßig bei spektakulären Fällen zum Zug. So war Riel zuletzt beim Schwedenbombenerzeuger Niemetz tätig. Dazu gehört auch Alexander Isola, der derzeit aufseiten der Alpine als Berater steht. Isola hat sich bei den Pleiten der Assmann-Gruppe und der Bank für Handel und Industrie Sporen verdient. Als „graue Eminenz“ gilt Peter Schulyok, der unter anderem die Trigon Bank und Cybertron abgewickelt hat. Karl Ludwig Vavrovsky wiederum machte sich bei Atomic einen Namen.

„Wir werden vom Gericht bestimmt“, sagt Mitterlehner auf die Frage, ob man sich spannende und lukrative Fälle angeln könne. Zweifelsohne richte sich die Wahl des Richters nach der Erfahrung, der Erfolgsquote eines Anwalts. „Sie müssen schon viele unspektakuläre Fälle gut abgewickelt haben, bis ein lukrativer Fisch daherkommt.“ Wie viel bei der Alpine oder bei Dayli herausspringen wird, wollen und können weder Riel noch Mitterlehner sagen. Das zeige sich erst am Schluss des Verfahrens.

Das Honorar ist in der Insolvenzordnung festgelegt und richtet sich nach der Höhe des Verwertungsvolumens: Die ersten 22.000 Euro bringen 20 Prozent, von den weiteren 500.000 Euro bleiben zehn Prozent, ab sechs Mio. Euro nur ein Prozent. „Außergewöhnliche Umstände“ wie die Größe und Schwierigkeit des Verfahrens oder eine für die Gläubiger erzielte hohe Quote erlauben eine Erhöhung. Ersteres trifft bei Alpine und Dayli zu. Das Honorar kann aber auch reduziert werden, wie das beim Finanzdienstleister AvW passiert ist.

Von den rund sieben Mio. Euro, die Johannes Jaksch und seine Kollegen bei er Konsum-Pleite kassierten, oder den drei Mio. Euro bei Maculan können die meisten Anwälte nur träumen. Hohe Honorare lösen zudem heftige Kritik aus, wenn sie nicht angemessen erscheinen. Als bekannt wurde, dass Matthias Schmidt den Großteil der 4,5 Mio. Euro bei der A-Tec einstreifte, stand er am Pranger. Denn die Sanierung misslang und der Mischkonzern wurde filetiert.

„Das Geld ist hart verdient“, verweist Riel auf 16-Stunden-Tage. Außerdem komme nicht er allein in den Genuss. An der Alpine arbeiten die Kollegen seiner Kanzlei, Johannes Jaksch und Alexander Schoeller, mit, dazu wurden Ulla Reisch, Georg Freimüller und Michael Lentsch geholt. „Das Team umfasst 200 Leute“, sagt Riel. Auch Mitterlehner werkt im Team – anders sei es nicht zu schaffen. Eine goldene Nase habe er sich jedenfalls noch nicht verdient, auch beim Versandhändler Quelle nicht. Zumal Masseverwalter in den Bundesländern weniger verdienen sollen als in Wien – sagt man zumindest.

 

Unternehmer und Jurist

Was reizt dann an der Tätigkeit? „Das Spannungsverhältnis zwischen Recht und Wirtschaft – man ist Unternehmer und Jurist“, beschreibt Mitterlehner die Herausforderung. „Du wirst angerufen und musst dich sofort auf die neue Situation einstellen.“ Gefordert seien Flexibilität, Menschenkenntnis und „eine gewisse Distanz“. „Ich war schon Blumenhändler und Fleischhauer“, lacht Mitterlehner.

„Er ist der Herr des Verfahrens, er bestimmt, was für die Gläubiger rausschaut“, beschreibt Creditreform-Chef Gerhard Weinhofer die hohe Verantwortung eines Masseverwalters. KSV-Insolvenzexperte Hans-Georg Kantner spricht von den „scharfen Klingen“, die der Masseverwalter einsetzen könne. „Er hat Macht, braucht aber auch Gespür für die involvierten Personen. Man geht ja nicht freiwillig pleite.“ Lernen kann man das alles nicht auf der Uni. Mitterlehner und Riel lernten das Insolvenzgeschäft von der Pike an – als Konzipienten bei den Pleiten von Konsum und Carrera Optyl.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2013)

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