Jägerstätter-Todestag: ''Besser die Hände gefesselt als der Wille''

„Erst zu Mittag teilte man mir mit, dass das Urteil am 14. bestätigt wurde und heute um 4 Uhr nachmittags vollstreckt wird“. Mit nüchternen Worten schildert Franz Jägerstätter in seinem Abschiedsbrief an die Familie den Anbruch seiner letzten Stunden. Am 9. August 1943 wurde er in der Justizvollzugsanstalt Brandenburg an der Havel hingerichtet. Der Bauer aus dem oberösterreichischen St. Radegund hatte sich geweigert, für das Regime von Adolf Hitler in den Zweiten Weltkrieg zu ziehen. Er gilt als prominenteste österreichische Symbolfigur des Widerstands gegen den Nationalsozialismus.(c) APA

Dabei betätigte sich Jägerstätter zeit seines Lebens nicht politisch und hatte niemals Kontakt zu Gruppen oder Personen aus dem Widerstand gegen das NS-Regime. 1907 als unehelicher Sohn einer Magd geboren, arbeitet er als junger Mann einige Jahre in der Steiermark, bevor er in seine Heimat im Innviertel zurückkehrt, um den Bauernhof seines Stiefvaters zu bewirtschaften. 1936 heiratet er Franziska Schwaninger, mit der er den tiefen katholischen Glauben teilt.(c) Diözese Linz

Dem Nationalsozialismus steht Jägerstätter von Anfang an kritisch gegenüber, er sieht dessen Ideologie als unvereinbar mit dem Christentum. Der Biografin Erna Putz zufolge stimmte Jägerstätter bei der Volksabstimmung zum „Anschluss“ Österreichs 1938 als einziger in seiner Gemeinde mit „Nein“. Die Wahlbehörde in St. Radegund habe das aber unterschlagen und eine Zustimmung von 100 Prozent gemeldet. Nach der Machtübernahme nehmen die Nazis im Innviertel zahlreiche Geistliche fest, was Jägerstätter in seiner Ablehnung der neuen Machthaber bestärkt.(c) Erna Putz

Ab Oktober 1940 muss Jägerstätter zur sechsmonatigen Ausbildung bei der Wehrmacht einrücken, wird aber anschließend auf Betreiben seiner Heimatgemeinde unabkömmlich gestellt. Einer weiteren Einberufung werde er nicht Folge leisten, teilt er seiner Familie mit.(c) APA/Erna Punz

Über seine Gründe wird er später schreiben: „Welcher Katholik getraut sich, diese Raubzüge, die Deutschland schon in mehreren Ländern unternommen hat und noch immer weiterführt, für einen gerechten und heiligen Krieg zu erklären?“ Und: „Warum soll denn jetzt das für gerecht und gut befunden werden, was die Masse schreit und tut? Kann man jetzt auch glücklich ans andere Ufer gelangen, wenn man sich stets wehrlos vom Strom mitreißen lässt?“ Dass viele Katholiken den Krieg mit der Begründung verteidigen, damit werde der Bolschewismus ausgerottet, ist für Jägerstätter nicht stichhaltig: „Was bekämpft man in diesem Lande (Russland), den Bolschewismus – oder das russische Volk?“(c) Erna Putz

Doch er hat auch Zweifel an seiner Entscheidung und und wendet sich unter anderem an den Linzer Bischof Joseph Fließer um Rat. Dieser soll geantwortet haben, als Familienvater sei es nicht Jägerstätters Sache zu entscheiden, ob der Krieg gerecht oder ungerecht sei. Franziska Jägerstätter wird später berichten: „Er war sehr traurig und sagte zu mir: 'Sie trauen sich selber nicht, sonst kommen's selber dran'.“

(Bild: Die Kirche St. Radegund, in der Jägerstätter ab 1941 auch Mesner war)(c) Diözese Linz

Franziska Jägerstätter bittet ihren Mann zunächst, sein Leben nicht zu gefährden. Als aber alle in seinem Umfeld versuchen, ihn zum Einrücken zu bewegen, ändert sie ihre Einstellung: „Wenn ich nicht zu ihm gehalten hätte, dann hätte er ja gar niemanden gehabt“, wird sie später erzählen.(c) APA

Im Februar 1943 wird Jägerstätter einberufen. „Jetzt habe ich mein Todesurteil unterschreiben“, sagt er bei der Unterzeichnung der Empfangsbestätigung. Am 1. März trifft Jägerstätter in der Kaserne in Enns ein. Am Tag darauf erklärt er, dass er den Wehrdienst mit der Waffe verweigere. Jägerstätter kommt in das Wehrmachts-Untersuchungsgefängnis im Linzer Ursulinenhof, später wird er nach Berlin-Tegel verlegt. In Haft erklärt er sich bereit, Sanitäts-Dienst zu leisten, worauf aber nicht eingegangen wird. Am 6. Juli 1943 verurteilt ihn das Reichskriegsgericht in Berlin-Charlottenburg wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode.

Gemeinsam mit dem Pfarrer von St. Radegund darf Franziska Jägerstätter ihren Mann nach dem Urteil noch im Gefängnis besuchen. Vergeblich versucht der Geistliche, Jägerstätter doch noch zum Einlenken zu überreden. Sein Mesner fragt ihn: „Können Sie mir versprechen, dass ich in keine Todsünde falle, bei diesem Verein?“ Der Pfarrer verneint.

(Bild: Die drei Töchter des Ehepaars Jägerstätter, Ostern 1943)(c) Erna Putz

In einer seiner letzten Aufzeichnungen schreibt Jägerstätter: „Wenn ich (die Worte) auch mit gefesselten Händen schreibe, aber immer noch besser, als wenn der Wille gefesselt wäre. (…) Zu was hat denn Gott alle Menschen mit einem Verstande und freien Willen ausgestattet, wenn es uns, wie so manche sagen, gar nicht einmal zusteht, zu entscheiden, ob dieser Krieg, den Deutschland führt, gerecht oder ungerecht ist?“ Am 9. August wird das Urteil gegen ihn vollstreckt.(c) Diözese Linz

Das Schicksal Jägerstätters bleibt lange unbekannt. 1946 lehnt der Linzer Bischof Fließer einen Artikel über ihn für die Kirchenzeitung ab, da er bei aller Achtung vor dessen subjektiver Haltung nicht als objektiv gültiges Vorbild für seine Haltung zur Militärpflicht dargestellt werden könne. Franziska Jägerstätter erhält nach dem Krieg zunächst jahrelang keine Witwenpension nach dem Opferfürsorgegesetz, da ihr Mann nicht für ein freies und demokratisches Österreich gekämpft habe.(c) APA

1964 veröffentlicht der US-Historiker Gordon Zahn das Buch "In Solitary Witness. The Life and Death of Franz Jägerstätter". Jägerstätter avanciert nun auch zum Vorbild für Anti-Vietnamkrieg-Aktivisten. 1997 hebt das Landesgericht Berlin das Urteil gegen Jägerstätter auf und die Katholische Kirche eröffnet ein Verfahren zur Seligsprechung. 2007 wird er im Mariendom in Linz selig gesprochen.(c) REUTERS (� Ho New / Reuters)

Zum 70. Jahrestag veranstaltet die Kirche eine Reihe von Gedenkveranstaltungen. Vor dem Gebäude des ehemaligen Reichskriegsgerichts, in dem sein Todesurteil gesprochen worden war, wurde bereits Anfang Juli gedacht. Sonst erinnnert dort nur eine Gedenktafel am Zaun an die dunkle Vergangenheit des Gebäudes - heute beherbergt es Nobelwohnungen.(c) Axel Mauruszat