Filme aus Nazi-Österreich: Flüchtige Blicke in den Alltag des Hitlerismus

Rund 50 Amateur-, Werbe- und Propagandafilme aus der Zeit knapp vor dem Anschluss und bis 1945 sind dank Zusammenarbeit von Boltzmann-Institut und US Holocaust Memorial Museum öffentlich verfügbar.

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Mörderische Hetz: Wienerinnen und Wiener amüsieren sich um März 1938 über die Erniedrigung jüdischer Bürger bei einer „Reibpartie“. – (C) Österreichisches Filmmuseum

Keine fünf Sekunden dauert die Szene; gibt man nicht sehr gut acht, ist sie vorüber, noch ehe man sich dessen bewusst ist, dass hier, auf dem tonlosen Schwarz-Weiß-Film mit dem Titel „Amateuraufnahmen Wien, Frühjahr 1938“, historisch Einmaliges zu sehen ist.

Man sieht: zwei junge Männer, gut gekleidet, die auf Knien mit bloßen Händen das Trottoir schrubben. Man sieht: hämisch grinsende Wiener, Männer wie Frauen, die an diesem Schauspiel eine mörderische Hetz zu haben scheinen. Und man sieht etwas, das man nicht mehr vergisst: eine junge Frau, die sich den modischen Bob aus der Stirn wischt, während ihr ein SA-Mann einen Besen in die Hand drückt. Das Antlitz der jungen Frau ist zu einer Grimasse verzerrt. Lacht sie? Unterdrückt sie ein Weinen? Wer ist sie? Wer sind die jungen Männer?

Dieser Streifen aus dem Archiv des Filmmuseums ist die einzige bekannte bewegte Aufnahme eine jener „Reibpartien“, mit denen die Nationalsozialisten nach dem Anschluss im März 1938 die österreichischen Juden erniedrigten. Ruth Beckermann hat diese fünf Sekunden heuer für ihre Videoinstallation am „Mahnmal gegen Krieg und Faschismus“ von Alfred Hrdlicka verwendet, die noch bis zum 10. November vor der Albertina zu sehen ist.

 

Warum ist da ein Bild und nicht keines?

Seit Kurzem kann jedermann diesen Film und rund vier Dutzend weitere aus der Nazi-Zeit in Österreich sowie den Jahren unmittelbar davor ansehen und genau studieren. Möglich wurde das durch eine Zusammenarbeit des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte und Gesellschaft in Wien mit dem US Holocaust Memorial Museum in Washington. Unter dem Titel „Ephemere Filme: Nationalsozialismus in Österreich“ wurden etwa von der Amateuraufnahme des Einmarschs der deutschen Truppen in Hadersdorf-Weidlingau, der Dokumentation sommerlicher Familienausflüge oder einem Werbefilm für Amazone-Strumpfhosen in jahrelanger akribischer Arbeit digitale Versionen erstellt, die im Internet unter efilms.ushmm.org abrufbar sind. Doch nicht nur das: Unter der Koordination von Ingo Zechner, dem interimistischen Leiter des Boltzmann-Instituts, wurde jedes einzelne Bild jedes einzelnen Films mit Stichwörtern annotiert. Es lässt sich somit gezielt nach bestimmten Orten oder Ereignissen suchen, die auf den Filmen zu sehen sind.

„Unser Ausgangspunkt war die Müdigkeit beim Ansehen gewisser Dokumentarfilme. Warum ist da ein Bild zu einem bestimmten Ereignis und nicht keines?“, sagt Zechner im Gespräch mit der „Presse“: „Wir wollten nicht, wie das meist üblich ist, vom Drehbuch zur Suche nach den passenden Bildern, sondern von den Bildern zu ihrem Kontext.“ Vergangene Woche war er in Washington, um das Projekt der „Ephemeren Filme“ am Holocaust Memorial Museum vorzustellen. Ephemer: Grundsätzlich heißt das flüchtig, ohne bleibende Bedeutung. Tatsächlich waren diese Streifen – ob Familienfilme, Werbematerial oder politische Propaganda – nicht für die Ewigkeit bestimmt. Aus heutiger Sicht macht jedoch genau das ihren historischen Wert aus, wenn man zu verstehen versucht, wie der Nationalsozialismus das Leben in Österreich erobert hat. „War die Machtergreifung eine Revolution von unten, ein Staatsstreich von oben, oder eine Okkupation von außen? Ich denke, die Okkupation spielte eine wesentlich geringere Rolle, als es in der offiziellen Geschichtsschreibung angeführt wird.“ Ein Beleg dafür ist die „Polizeijahresschau 1938“, in der die österreichische Polizeiführung die wichtigsten Ereignisse des Jahres filmisch Revue passieren ließ. „11. März 1938: Der große nationale Umbruch in Österreich“ ist dieser Film betitelt, der Wiener Polizisten mit Hakenkreuzarmbinden vor dem Bundeskanzleramt und beim Regeln des Verkehrs vor der Staatsoper zeigt. Doch der Einmarsch der deutschen Truppen fand erst am nächsten Tag statt. Woher hatten all die vielen Polizisten so rasch ihre Armbinden bekommen?

 

Bilder aus der Todeszone gibt es kaum

„Unser Anliegen ist es, diese Filme sichtbar und so viel Material wie möglich verfügbar zu machen“, sagt Zechner über das vom Österreichischen Zukunftsfonds finanzierte Unterfangen. Die Software, mittels derer die Filme erfasst sind, ist in Open-Source-Form programmiert und frei verfügbar. Anwendungsgebiete gäbe es viele – allen voran in jenen heutigen Staaten, auf deren Gebiet die Nazis den Massenmord an Europas Juden vollzogen. Die Tragik der Vernichtung des osteuropäischen Judentums wird schließlich dadurch verschärft, dass es vom Leben dieser Menschen und ihrer Kultur vor den Überfällen Hitlers auf Polen und die Sowjetunion so gut wie keine Filmaufnahmen gibt.

Eine bemerkenswerte Ausnahme ist jener dreiminütige Familienfilm eines amerikanischen Juden, der 1938 seine polnische Heimatgemeinde Nasielsk besuchte. Glenn Kurtz, der Enkel dieses Amateurfilmers, fand die Filmrolle im Jahr 2009 und spendete sie dem Holocaust Memorial Museum. Ein Filmlabor in Maryland restaurierte den Streifen, das Museum veröffentlichte ihn auf seiner Website, und ein alter Herr erkannte in einer der Szenen sein 13-jähriges Ich, wie Kurtz im vorigen Jahr in seinem Buch „Three Minutes in Poland“ beschrieb.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2015)

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