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Nur „Die Presse“ ├╝berlebte

02.07.2008 | 16:12 | Von Erich Witzmann (Die Presse)

Nach einem Pariser Vorbild und mit gerissener Taktik gr├╝ndete August Zang 1848 diese Zeitung.

„Die bedeutendste journalistische Schöpfung des Jahres 1848, ja in gewissem Sinne der ganzen neu-österreichischen Tages-Literatur überhaupt.“ Diese Worte schrieb Joseph Alexander Freiherr von Helfert, Chronist der Wiener Journalistik, im Jahre 1848 und 1860-61 Unterrichtsminister.

Zum Beginn des Revolutionsjahres erschienen in Wien 39 Zeitungen und Journale, davon nur zwei politische (Wiener Zeitung, Österreichischer Beobachter). Noch lähmte die Zensurvorschrift vom 14. September 1810 das publizistische Leben. „Kein Lichtstrahl, er komme, woher er wolle, soll in Hinkunft unbeobachtet und unerkannt in der Monarchie bleiben oder seiner möglichen nützlichen Wirksamkeit entzogen werden“ – diese Einleitungsformel der Zensurvorschrift hatte fast vier Jahrzehnte jedes Aufflackern eines freien Journalismus im Österreich der Metternich-Zeit unterdrückt.

Im Laufe des Revolutionsjahres gab es insgesamt 217 verschiedene Presseerzeugnisse, nur 13 überlebten dieses Jahr, nur eine einzige Neugründung erscheint heute noch: „Die Presse“. Warum gerade diese eine, das spätere Zeitungsflaggschiff der Monarchie?


„La Presse“ (Paris) als Vorbild

August Zang hatte das Rezept. Er, ein Selfmade-Mann im heutigen Sinn, verkaufte nach Ausbruch der Revolution seine Bäckerei in Paris und eilte zurück nach Wien. Sozusagen mit im Gepäck: das Vorbild der 1836 in Paris gegründeten „La Presse“. In Wien versuchte sich der in Zeitungskreisen noch unbekannte Zang zuerst mit zwei Denkschriften, in denen er die Regierungspolitik samt und sonders kritisierte; dann scheint sein Name als Verantwortlicher der „Kleinen Reichstags-Zeitung“, auf, die vom 16. Juni an fünfmal erschien (Zang stellte später diese Verbindung in Abrede); schließlich folgte „Die Presse“ mit ihrem ersten Erscheinungstag am 3. Juli.

Wie „La Presse“ unterbot Zang mit einem Preis von nur 1 Kreuzer alle anderen Zeitungen; er engagierte den bekannten Leopold Landsteiner von der „Allgemeinen österreichischen Zeitung“ als „Haupt-Redacteur“; und er steuerte eine Linie, in der er sich von den äußerst Radikalen abgrenzte, gleichzeitig aber vehement eine Verfassung forderte. Die Zeitung sollte sich von den „Fesseln der Bevormundung“ befreien, Zang sah sie als „Journal der reinen Demokratie“ (die Standortbeschreibung in der ersten Ausgabe). Am 22. Juli skizzierte er noch einmal seine Position: „Es gibt drei Meinungen: eine ultraradikale, eine der äußersten Rechten (gemeint sind die Konservativen, Anm.), und eine dritte, daß im gegebenen Augenblick die Ultras beider Richtungen nur durch einen Irrtum oder durch Gewalt zu regieren imstande sind, daß die Zeit sie bald richtet und daß im Ruin des Ganzen sie das eigene Grab sich schaufeln. Diese Meinung ist die unsere.“

Schon 14 Tage nach dem „Presse“-Start sprach Zang von einer Auflage von 10.000 Stück, selbst die Konkurrenz gestand ihm mindestens 5000 verkaufte Exemplare zu. Aber bald erschien „Die Presse“ tatsächlich mit 15.000 Ausgaben pro Tag.

Im Juni hatte Wien – nach der Sturmpetition Mitte Mai und dem hektischen Barrikadenbau am 26. Mai – eine eher ruhige Zeit erlebt. Der Kaiser war nach Innsbruck geflohen, in seiner Haupt- und Residenzstadt übernahm der „Sicherheitsausschuss von Wiener Bürgern, Nationalgarde und Studenten“ die offizielle Ordnungsfunktion.

Drei Daten der ersten Julitage sind hervorzuheben: Am 1. Juli erlebte Johann Nestroys Revolutionssatire „Freiheit in Krähwinkel“ im Carltheater seine Uraufführung, am 3. Juli erschien die erste Ausgabe der „Presse“, am 8. Juli scheiterte – auf Druck des Sicherheitsausschusses – die Regierung Pillersdorf. Der neue Regierungschef Freiherr von Doblhoff präsentierte als Arbeitsminister einen Journalisten, Ernst von Schwarzer von der „Allgemeinen österreichischen Zeitung“. Das war der Auslöser für ein neues mediales Kesseltreiben.


Der erste Presseprozess

Zang und Schwarzer hatten sich schon vor dessen Wechsel in die Regierung einige Pressescharmützel geliefert. Nun befand sich „Die Presse“ in einer Phalanx mit dem Großteil der Zeitungen, die Schwarzer Prinzipienverrat und Liebedienerei vorwarfen. Schwarzer warf geradezu mit Presseklagen um sich – und diese neue Form der Auseinandersetzung spornte die einen zu neuen Attacken an, verunsicherte aber viele andere. Der erste Presseprozess traf den „Studenten-Courier“ vom 11. Juli („Ihr werdet endlich auch zur Einsicht kommen, daß die Erhaltung einer monarchischen Regierung samt dem gleißenden und glänzenden Hofstaaten mit unendlichen Kosten verbunden ist und daß das Volk mit Mühe und Schweiß kaum jene Steuern erschwingen kann, welche Höflinge verprassen“, so der beanstandete Text). Die Angeklagten wurden freigesprochen, die reaktionären Kräfte nutzten aber von nun an die Gerichte.

Obwohl Zangs Zeitung von dem Großteil der Wiener Journale – eben der radikalen – zum Feindbild erklärt worden war, konnte der „Presse“-Chef am 26. September anlässlich eine Zeitungsstreiks vor dem Sitzungssaal des Reichstages einen Achtungserfolg erzielen: Zang wurde in das elfköpfige Verhandlungskomitee gewählt, er erhielt bei dieser Wahl die drittmeisten Stimmen.

Die Oktoberkämpfe beendeten jäh die journalistische Vielfalt. Fürst Windischgrätz hat vor Beginn der Belagerung Wiens die Einstellung aller Medien mit Ausnahme der „Wiener Zeitung“ gefordert. „Die Presse“ druckte dennoch bis zum 27. Oktober (Beginn des Angriffs auf Wien). Am 7. November war sie wieder da – mit der 106. Ausgabe.


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